Wissenschaft

Montag, 4. Juli 2011

Vom Taschenbuch zum Handbuch

Vollständig überarbeitete Neuausgabe eines Grundlagenwerks zur Kinder- und Jugendliteratur

Seit das von Günter Lange herausgegebene Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur im Jahr 2000 zum ersten Mal erschienen ist, hat es sich zu einem wichtigen Grundlagenwerk etabliert und liegt mittlerweile in 4. Auflage vor. Elf Jahre später ist nun das auf dem zweibändigen Taschenbuch basierende einbändige Handbuch der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart erschienen. Weiter ...

Freitag, 1. Juli 2011

"kids+media"

Schweizerische Online-Zeitschrift zur Kinder- und Jugendmedienforschung

Im Juni 2011 ist die erste Ausgabe der neuen Online-Zeitschrift "kids+media" erschienen. Die Zeitschrift wird herausgegeben vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich. Die erste Ausgabe widmet sich dem Thema "Vorzeit, Frühzeit, Vergangenheit". Ab 2012 erscheint die Online-Zeitschrift halbjährlich.
"kids+media" ist frei zugänglich unter www.kids-media.uzh.ch

Donnerstag, 25. März 2010

Familie in der Kritischen Ausgabe

"Familie" - so lautet das Thema der aktuellen Ausgabe der Bonner Zeitschrift für Literaturwissenschaft "Kritische Ausgabe".
Im Editorial schreibt Chefredakteur Benedikt Viertelhaus:

"wer heute von einer normalen Familie spricht, hat meist noch immer zuerst das seit Jahrhunderten überlieferte Ideal vom Zusammenleben zweier Eltern mit Kindern vor Augen. Das Themenspektrum der Artikel dieses Heftes hingegen ist so vielfältig wie die Zahl denkbarer Familienkonstruktionen. Angefangen bei den Märchen der Gebrüder Grimm bis hin zu den Filmen Michael Hanekes decken die Beiträge auch eine breite Zeitspanne ab."

Aus dem Inhalt:

Mareike Bohnen: "Mein Mutter, der mich schlacht / Mein Vater, der mich aß". Abschreckung als Sittenlehre: die Familie im Grimmschen Märchen
http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2615/

Martin Blawid: "Passion des Sohnes". Kindliches Selbstkonzept und patriarchalische Dominanz in Hermann Hesses Erzählung "Kinderseele"
http://kritische-ausgabe.de/hefte/familie/blawid.pdf

Alexander Scholz: Routiniert in den Tod. Die Familien in Michael Hanekes Filmen sind so normal, dass sich niemand mit ihnen identifizieren möchte

Zuzanna Jakubowski: 'Homely and Real'. Vermittelte Realität im kontemporären amerikanischen Familienroman

Freitag, 2. Oktober 2009

Tagungsbericht "grenzenlos"

Im Online-Tagebuch der STUBE (Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur, Wien) schreibt Kathrin Wexberg über die Oldenburger Tagung „Grenzenlos. Nachwendegeschichte(n) in (Kinder- und Jugend- ) Literatur und Medien“:
www.stube.at/tagebuch/grenzenlos_09.htm

Dienstag, 8. September 2009

Begleitbuch zur Ausstellung

"Struwwelpeters Nachfahren. Starke Kinder im Bilderbuch der Gegenwart"
Linde Storm, Sibylle Nagel (Hrsg.)

Struwwelpeters-Nachfahren
© Michael Imhoff Verlag,
Petersberg 2009

Das Begleitbuch enthält 9 wissenschaftliche Beiträge und Interviews zur Jugendliteratur- und Bilderbuchforschung:
- Sibylle Nagel und Linde Storm: Erinnerungen an den Frankfurter Bürger Heinrich Hoffmann
- Hans-Heino Ewers: Ein Frankfurter Bilderbuch erobert die Welt. Anmerkungen zu Heinrich Hoffmanns „Der Struwwelpeter (1845)“
- Andrea Weinmann: Von „Blüten" und „Früchten" – Die Kinderliteratur der Gegenwart und ihr Verhältnis zu Heinrich Hoffmans Struwwelpeter
- Mareile Oetken: Podest oder Protest? Struwwelpetriaden in aktuellen Bilderbüchern
- Inge Sauer: Das renitente Kind im Bild
- Thérèse Willer: Tomi Ungerer und der Struwwelpeter
- Sibylle Nagel und Linde Storm: „Ein starkes Kind ist ein freies Kind.“ Tomi Ungerer fordert Respekt, Toleranz und Freiheit, Interview mit Tomi Ungerer
- Sibylle Nagel und Linde Storm: Zehn Fragen an die Leiterin des Struwwelpeter-Museums, Interview mit Beate Zekorn-von Bebenburg
- Linde Storm: Struwwelpeters Nachfahren – Starke Kinder im Bilderbuch der Gegenwart

Michael Imhoff Verlag, Petersberg 2009
160 Seiten, 156 Farbbildungen, Hardcover, Euro 19,95

Weitere Informationen zur Ausstellung auf juvenil:
- Struwwelpeters Nachfahren
- Hinein in den Struwwelpeter

Freitag, 7. August 2009

IRSCL Kongress 2009

Wie stellt sich die Vielfalt der Kulturen in der Kinder- und Jugendliteratur dar?

Über 400 Literaturwissenschaftler aus 50 Nationen diskutieren über die Auswirkungen der globalen Mediengesellschaft

FRANKFURT. Wie thematisieren aktuelle Fantasy-Trilogien den Kampf der Kulturen? Wie geht die arabische Kinderliteratur mit der kulturellen Vielfalt um? Was sagen serbische Kinderromane über den Bosnienkrieg aus? Schafft die Serie ‚Türkisch für Anfänger‘ mehr Toleranz für den Islam in der Gesellschaft? Wie wird die Auswanderung in die USA in der aktuellen mexikanischen Kinderliteratur dargestellt? Mit der Vielfalt der Kulturen in der Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen sich über 400 Literaturwissenschaftler aus 50 Nationen im Rahmen des Kongresses ‚Children’s Literature and Cultural Diversity in the Past and the Present‘, der vom 8. bis 12. August auf dem Campus Westend stattfindet. Organisiert wird die Tagung von Prof. Hans-Heino Ewers, Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität, und seinem Team.

IRSCL_logo

In über 300 Vorträgen und 10 Panels untersuchen die ForscherInnen, welchen Beitrag Kinder- und Jugendbücher sowie andere Medien wie Filme, Fernsehformate, Comics, Mangas und Computerspiele zum Verständnis anderer Kulturen und zum Zusammenleben verschiedener Ethnien leisten können. Denn die Rahmenbedingungen der kulturellen Sozialisation sind schwieriger, anfälliger, labiler geworden. In der globalen Mediengesellschaft sind trotz der Dominanz der anglo-amerikanischen Produktionen fremde Kulturen in einem bislang nicht gekannten Ausmaß tagtäglich präsent. Kinder und Jugendliche können sich der von den elektronischen Medien erzeugten Informations- und Bilderflut kaum erwehren.

Doch „Cultural Diversity“ bezieht sich auch auf die Vielfalt der Sprachen – und so wird auf dem Kongress lebhaft darüber diskutiert, wie die Dominanz der anglo-amerikanischen Produktionen die Entwicklung nationaler Kinderliteraturen in nicht-englischsprachigen Ländern beeinträchtigt. In welchem Ausmaß wird Kulturspezifisches beim Übersetzen eliminiert und so eine Begegnung mit dem Fremden verhindert? „Während der Anteil der Übersetzungen bei uns über 30 Prozent der Buchproduktion ausmacht, liegt die Quote in den englischsprachigen Ländern um die 3 Prozent. Es gelingt nur einem Bruchteil anderssprachiger Kinder- und Jugendliteratur, sich auf dem anglo-amerikanisch-australischen Markt zu etablieren“, skizziert Ewers die Tendenz der letzten Jahren, „die nicht dazu beiträgt, das Wissen über andere Kulturen auf allen Seiten zu mehren und eigene kulturelle Identitäten zu stärken.“ Zahlreiche Vorträge gehen der Frage nach, in welchem Maße durch Übersetzungen ein Verständnis anderer Kulturen gefördert werden kann. Angesprochen wird unter anderem, was bei der Übersetzung von ‚teenager fiction‘ aus dem Englischen ins Französische und umgekehrt geschieht, was mit japanischen Bilderbuchtexten bei der Übersetzung ins Englische und Deutsche passiert oder welche Bedeutung Übersetzungen in der Volksrepublik China haben.

Weltweit wird die Kinder- und Jugendliteratur immer wieder für Zwecke der kulturellen Sozialisation, zur Vermittlung von Wissen über die eigene Kultur wie über andere Kulturen, für die Erzeugung von Einstellungen zur eigenen und zu fremden Kulturen in Anspruch genommen. Dies geschieht in der Kinder- und Jugendliteratur – wie die Kongressbeiträge bei dem Kongress zeigen – im positiven wie im negativen Sinn: zur Förderung von Offenheit und Toleranz, aber auch zur Abgrenzung, Ablehnung, Verachtung und Hass.

Die Kinder- und Jugendliteratur hat darüber hinaus versucht, den Erfahrungen und Gefühlen von Kindern und Jugendlichen, die kulturelle Repressionen erfahren, die ihre Heimat verlassen und sich in einer fremden Umgebung aufs Neue zurecht finden mussten, Ausdruck zu verleihen. Auch darauf gehen die Wissenschaftler in ihren Vorträgen ein: Wie werden beispielsweise die Schicksale von Einwanderern und Flüchtlingen in der südafrikanischen Kinderliteratur dargestellt? Hat sich die schwedische Kinderliteratur mit dem Schicksal jüdischer Flüchtlingskinder in Skandinavien auseinandergesetzt? Wie spiegelt sich die Einwanderung in die USA in der amerikanischen Kinderliteratur des 19. Jahrhunderts, wie die Immigration nach Israel in der hebräischen Kinderliteratur von heute wider?

„Im Zeitalter der Globalisierung gilt es stärker denn je darauf zu beharren, dass Mehrsprachigkeit, zumindest aber die Kenntnis einer Fremdsprache die Voraussetzung für eine interkulturelle Kompetenz darstellt, die ihren Namen verdient“, betont Ewers. Dem trägt der Kongress zum Leitthema „Cultural Diversity“ auch dadurch Rechnung, als vier Konferenzsprachen zugelassen werden – neben dem Englischen als erster Kongress-Sprache auch Französisch, Spanisch und Deutsch.

Bei der Eröffnung dieser Jahrestagung der International Research Society for Children’s Literature (IRSCL) am Samstag (8. August) ab 15 Uhr erinnern die amtierende Präsidentin der Vereinigung, die australische Literaturwissenschaftlerin Prof. Clare Bradford, und der Gründungsdirektor des Frankfurter Instituts für Jugendbuchforschung, Prof. Klaus Doderer, auch an das erste Zusammentreffen in Frankfurt vor 40 Jahren. Damals wurde am Main die Internationale Forschungsgesellschaft für Kinder- und Jugendliteratur gegründet – ohne Beteiligung übrigens von Wissenschaftlern aus englischsprachigen Ländern. Der Jubiläumskongress sollte wieder in der Main-Metropole stattfinden, entschieden die Mitglieder und beauftragten Hans-Heino Ewers mit dessen Ausrichtung. Im internationalen Vergleich gehört das Frankfurter Institut für Jugendbuchforschung seit vielen Jahren zu den führenden Forschungsstätten mit vielfältigen internationalen Kooperationspartnern.

Quelle: Universität Frankfurt,
http://www.muk.uni-frankfurt.de/pm/pm2009/0809/163/index.html

www.irscl2009.de

Mittwoch, 13. Juni 2007

Astrid Lindgren und ihre Wirkungen in der Kinder- und Jugendliteratur

20. Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung

In diesem Jubiläumsjahr, in dem Astrid Lindgren 100 Jahre alt geworden wäre, machte auch die Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung (GKJF) das Werk der weltbekannten Autorin zum Thema der jährlich stattfindenden Tagung. Ca. 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz trafen sich in Erfurt, um über das Werk Lindgrens zu diskutieren. Zu Gast waren außerdem Ulf Boëthius aus Lindgrens Heimatland Schweden und Rolf Annas aus Südafrika. Beiträge über die Rezeption Lindgrens in Ungarn, Kroatien und den Niederlanden mussten krankheitsbedingt leider ausfallen.

Besonders häufig wurde die Rezeption von Lindgrens Werk einschließlich dessen Übersetzung thematisiert. So verglich Svenja Blume (Freiburg) die französische Übersetzung von Pippi Langstrumpf mit dem Original und stellte heraus, wie aus dem „Übermenschen in Kindergestalt“ durch zahlreiche Anpassungen und Veränderungen ein „enfant terrible“ wurde.
In Südafrika erscheint Pippi Langstrumpf seit den 70er Jahren, wird aber v.a. in Afrikaans gelesen und wesentlich seltener in Englisch. Übersetzungen in andere südafrikanische Sprachen existieren nicht. Im Land der Apartheid ist natürlich besonders der dritte Band, Pippi in Taka-Tuka-Land, brisant. Im Allgemeinen wurde der Lindgren-Klassiker in Südafrika aber positiv im Sinne von Grenzen überwindend und nicht als rassistisches Werk gelesen. In der britischen Übersetzung ist übrigens nicht von „Negern“ sondern von „Menschenfressern“ die Sprache.
Dass eine solche Lesart aber durchaus besteht, machte Konstanze Jung (Marburg) deutlich, die die literaturdidaktische Herangehensweise von Heidi Rösch an Pippi Langstrumpf kritisch unter die Lupe nahm. Jung zeigte auf, was aus dem Text wird, wenn er mit den Scheuklappen einer vermeintlichen politischen Korrektheit gelesen wird. Dass es sich bei Pippi Langstrumpf um ein historisches Werk handelt, wird von einer solchen didaktischen Lesart ignoriert.
Wie die deutsch-österreichische Literaturpädagogik der 50er und 60er Jahre Lindgrens Werk las, veranschaulichte Sonja Müller (Frankfurt/M.). Die sogenannte „Theorie des guten Jugendbuchs“ wirkte mit am Erfolg Lindgrens im deutschsprachigen Raum, da sie ihr Werk als besonders kindgemäß und gleichzeitig als „wahre Dichtung“ anerkannte. Anna Krüger, Richard Bamberger und Co. lasen Lindgrens Texte v.a. auf der entwicklungspsychologischen Ebene.
Ulf Boëthius (Uppsala) diskutierte “the contemporary debate on modern youth” und brachte Pippi Langstrumpf in Zusammenhang mit einer neuen Jugend, die er als „wild, uncivilised and disobedient“ beschreibt. Astrid Lindgren erlebte die neuen Entwicklungen selbst: Sie schnitt sich die Haare ab, tanzte zur „Negermusik“ Jazz und wurde schließlich jung zur unverheirateten Mutter.

Neue Medien und das Werk Astrid Lindgrens kamen auf der Tagung auch zur Sprache. Bettina Kümmerling-Meibauer (Tübingen) referierte über die Fotobilderbücher von Lindgren und der Fotografin Anna Riwkin-Brick, die ein neues Format in die Kinderliteratur einführten. Sie warfen in diesen Büchern einen „Blick auf das Fremde“ und beschrieben das Leben von Kindern aus aller Welt. Wobei dieses „Fremde“ im Rahmen des Folkloristischen und letztlich Bekannten blieb, v.a. aufgrund von Lindgrens Texten, die dem „Bullerbü-Konzept“ verhaftet sind.
Die Fotobilderbücher hatten nur in den 50er und 60er Jahren Erfolg; sie wurden abgelöst von neueren Medien, wozu seit knapp einem Jahrzehnt auch Computerspiele, die auf kinderliterarischen Vorlagen beruhen, gehören. Mela Kocher (Zürich) stellte Ronja Räubertochter und Karlsson vom Dach als Computerspiel vor. Dabei kam die Diskussion auf, ob man in diesem Fall von „Adaption“ sprechen kann oder Begriffe wie „Inszenierung“ oder „Stoff-Verwertung“ besser geeignet sind. Das Ronja-Spiel bewegt sich jedoch sehr nah an der ursprünglichen Geschichte, während das Spiel Karlsson vom Dach nur mit den Figuren, Motiven und Themen der Vorlage spielt.
Mit Lindgrenschen Erzählweisen, nicht auf CD-Rom, sondern in den Originaltexten, setzten sich Ann-Katrin Ostermann und Jana Mikota (Siegen) auseinander. Sie analysierten auf der Textebene moderne Erzählformen in Mio, mein Mio und Die Brüder Löwenherz.

Die Beschäftigung mit einer Autorin, die sich weltweiter Bekanntheit erfreut, wirft unweigerlich einen Blick auf andere Autoren der gleichen Epoche, die möglicherweise in Lindgrens Schatten standen. Gleich drei Vorträge befassten sich mit diesem Thema: Gina Weinkauff (Heidelberg) stellte ein Nord-Süd-Gefälle in der (west-)europäischen KJL allgemein und ein Ost-West-Gefälle bezüglich des italienischen Kinderbuchautors Gianni Rodari im Besonderen fest. Rodari wurde in kommunistischen Ländern verstärkt wahrgenommen. Ernst Seibert (Wien) beschrieb u.a. das Werk Erica Lillegs im Rahmen der „Anfänge der phantastischen Literatur in Österreich“ in der Mitte des 20. Jahrhunderts. In dieser kinderliterarischen Epoche sieht er einen ersten kinderliterarischen Paradigmenwechsel. Kirsten Waterstraat (Frankfurt/M.) schließlich verglich Lindgren mit der „niederländischen Astrid Lindgren“ Annie M.G. Schmidt. Wo die Schwedin psychologisch differenzierte Charaktere zeichnet, sind die Figuren in Schmidts Werk Typen, wie sie dem volksliterarischen Erzählen entsprechen. Aber wo Lindgren glückliche Kindheiten nur in vergangenen oder mythischen Welten ansiedelt, ist Schmidts Werk tief in der säkularisierten niederländischen Alltagskultur verankert. So können im Werk beider Autorinnen sowohl moderne als auch traditionelle Themen und Formen ausgemacht werden.

Aus skandinavistischer Perspektive brachte Angelika Nix (Freiburg) dem weitestgehend aus Germanisten bestehenden Publikum „Astrid Lindgrens Verortung im skandinavischen Modernismus“ näher und machte damit deutlich, dass Lindgrens Werk in Schweden von der Literaturwissenschaft ganz anders eingeordnet wird, als im Deutschsprachigen Raum, wo die Autorin zur sogenannten „Kinderliteratur der Kindheitsautonomie“ zählt. In Schweden wird Lindgrens Werk sowie die Kinderliteratur ihrer Zeit vielmehr analog zur allgemeinen Literaturgeschichte verortet. In den 40er Jahren erlebt die skandinavische KJL einen „modernen Durchbruch“ und, nach der Jahrhundertwende, ein „zweites goldenes Zeitalter“. Lindgrens Werke werden u.a. als unmittelbare Folge der wichtigen skandinavischen Literaturentwicklungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gesehen: Mit dem „Modernen Durchbruch“ verschrieb sich die avantgardistische skandinavische Literatur dem Naturalismus, um sich schon wenige Jahre später einer neuen Innerlichkeit hinzuwenden. Paradigmatisch für diese Entwicklung steht Knut Hamsuns Hunger; dieser Text beeinflusste Lindgrens Werk unmittelbar. Die Reformpädagogik und die Kinderliteratur des „ersten goldenen Zeitalters“, deren herausragende Vertreterinnen Elsa Beskow und Selma Lagerlöf sind, beeinflusste die Entwicklung weiter, die schließlich in Pippi Långstrump kulminierte. Astrid Lindgrens Werk wird von der schwedischen Literaturgeschichtsschreibung eindeutig dem Modernismus zugeordnet.
Dass gerade Pippi Langstrumpf in Skandinavien als besonders modern und absurd angesehen wird, steht auch im Zusammenhang mit den Originalillustrationen von Ingrid Vang Nyman. Deren Pippi wirkt viel weniger „normal“ als die deutsche Pippi von Rolf Rettich und Vang Nymans Villa Kunterbunt erinnert an einen chaotischen, dadaistischen Merzbau, während Rettichs Villa nostalgisch und fast pittoresk aussieht.
Die Entscheidung des Oetinger Verlags für Rolf Rettich als Pippi-Illustrator ist nur ein Beispiel für den großen und unmittelbaren Einfluss, den Oetinger auf das Lindgren-Bild, auch außerhalb des deutschsprachigen Raums, hat. So ließ der Verlag die deutschen Bullerbü-Übersetzungen von der Schwedin Ilon Wikland illustrieren. Diese Illustrationen übernahm der schwedische Verlag für den Originaltext und so wurde Ilon Wikland zur wichtigsten Lindgren-Illustratorin, deren liebliche und angepasste Bilder für die Erzählungen Lindgrens schlechthin stehen und die in Vieler Augen Lindgrens Werk kongenial verbildlichen.
Mit zahlreichen Texten von und über Lindgren im Verlagsalmanach Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel beeinflusste Oetinger ebenfalls die Sichtweisen auf das Werk Astrid Lindgrens. So schrieben darin beispielsweise Anhänger der „Theorie des guten Jugendbuchs“ über Lindgrens Texte und richteten das Augenmerk v.a. auf die Anregung der Phantasie durch Lindgrens Texte sowie deren besondere "Kindgemäßheit".
Das enge Verhältnis zwischen Astrid Lindgren und ihrem deutschen Verlag wurde während eines Podiumsgesprächs deutlich, das Hans-Heino Ewers mit Silke Weitendorf führte. Weitendorf ist die Tochter von Heidi und Friedrich Oetinger, dessen 1946 gegründeter Verlag mit Pippi Langstrumpf der Durchbruch als Kinderbuchverlag gelang. Weitendorf berichtete vom Familienunternehmen, in dem sie schon als junges Mädchen die Manuskripte lesen und beurteilen durfte und v.a. Astrid Lindgren kennen und schätzen lernte. Der zweite große Lindgren-Verlag, nach Rabén & Sjögren in Stockholm, verdankt Lindgren „alles“, wie Weitendorf feststellt und fühlt sich Lindgren und deren Werk nicht nur aufs Engste verbunden, sondern auch verpflichtet.

Astrid Lindgrens Wirkungen in der Kinder- und Jugendliteratur sind unverkennbar; das hat die diesjährige GKJF-Tagung gezeigt. Wünschenswert wäre eine Abschlussdiskussion gewesen, gerade bei einem solchen Thema, das das Werk einer einzelnen Autorin fokussierte. In den auf die einzelnen Vorträge folgenden Diskussionen wurden bestimmte Aspekte dieses Werkes und seiner wissenschaftlichen Erforschung immer wieder thematisiert. Zum Beispiel die Diskrepanz zwischen Modernismus und Traditionalismus oder die Darstellung von idyllischen, heilen Kinderwelten neben Einsamkeit und Trauer – Gefühlen, mit denen Lindgren ihre kindlichen Figuren und Leser ebenso konfrontiert. Auffallend war auch die Dominanz der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Pippi Langstrumpf, während andere Werke von Lindgren, wie zum Beispiel die Geschichten um Kati, Madita, die Kinder aus der Krachmacherstraße oder Kalle Blomquist, nur am Rande gestreift wurden. So viel bereits über Astrid Lindgren geschrieben wurde – zahlreiche Facetten ihres Oeuvres warten noch darauf, erforscht zu werden. (kw)

Internetauftritt der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung: www.gkjf.de
Ein Sammelband mit verschiedenen Tagungsbeiträgen ist in Planung.

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