POESIE

Mittwoch, 24. Dezember 2008

juvenil-Adventskalender.24

Weihnachten

Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln
Die Weihnacht ihre Sterne funkeln!
Die Engel im Himmel hört man sich küssen
Und die ganze Welt riecht nach Pfeffernüssen...

So heimlich war es die letzten Wochen,
Die Häuser nach Mehl und Honig rochen,
Die Dächer lagen dick verschneit
Und fern, noch fern schien die schöne Zeit.
Man dachte an sie kaum dann und wann.
Mutter teigte die Kuchen an
Und Vater, dem mehr der Lehnstuhl taugte,
Saß daneben und las und rauchte.
Da plötzlich, eh man sich's versah,
Mit einem Mal war sie wieder da.

Mitten im Zimmer steht nun der Baum!

Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum ...
Die Ketten schaukeln, die Lichter wehn,
Herrgott, was giebt's da nicht alles zu sehn!
Die kleinen Kügelchen und hier
Die niedlichen Krönchen aus Goldpapier!
Und an all den grünen, glitzernden Schnürchen
All die unzähligen, kleinen Figürchen:
Mohren, Schlittschuhläufer und Schwälbchen,
Elephanten und kleine Kälbchen,
Schornsteinfeger und trommelnde Hasen,
Dicke Kerle mit roten Nasen,
Reiche Hunde und arme Schlucker
Und Alles, Alles aus purem Zucker!

Ein alter Herr mit weissen Bäffchen
Hängt grade unter einem Äffchen.
Und hier gar schält sich aus seinem Ei
Ein kleiner, geflügelter Nackedei.
Und oben, oben erst in der Krone!!
Da hängt eine wirkliche, gelbe Kanone
Und ein Husarenleutnant mit silbernen Tressen -
Ich glaube wahrhaftig, man kann ihn essen!

In den offenen Mäulerchen ihre Finger,
Stehn um den Tisch die kleinen Dinger,
Und um die Wette mit den Kerzen
Puppern vor Freuden ihre Herzen.
Ihre grossen, blauen Augen leuchten,
Indess die unsern sich leise feuchten.
Wir sind ja leider schon längst "erwachsen",
Uns dreht sich die Welt um andre Achsen

Und zwar zumeist um unser Bureau.
Ach, nicht wie früher mehr macht uns froh
Aus Zinkblech eine Eisenbahn,
Ein kleines Schweinchen aus Marzipan.
Eine Blechtrompete gefiel uns einst sehr,
Der Reichstag interessirt uns heut mehr;
Auch sind wir verliebt in die Regeldetri
Und spielen natürlich auch Lotterie.
Uns quälen tausend Siebensachen.
Mit einem Wort, um es kurz zu machen,
Wir sind grosse, verständige, vernünftige Leute!

Nur eben heute nicht, heute, heute!

Über uns kommt es wie ein Traum,
Ist nicht die Welt heut ein einziger Baum,
An dem Millionen Kerzen schaukeln?
Alte Erinnerungen gaukeln
Aus fernen Zeiten an uns vorüber
Und jede klagt: Hinüber, hinüber!
Und ein altes Lied fällt uns wieder ein:
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!

(Arno Holz, 1863-1929)

***

Die juvenil-Redaktion wünscht allen Lesern
ein schönes und fröhliches Weihnachtsfest.


***

Dienstag, 23. Dezember 2008

juvenil-Adventskalender.23

Vor Weihnachten

Wenn säuseln die Windlein,
Dann schaut das Christkindlein
Zum dunkelen Fenster herein.
Da sieht es wohl hinter
Dem Vorhang die Kinder,
Und horcht, ob vielleicht sie nicht schrei´n.

Und wenn sie gehorchen,
Dann bringt es bis morgen
Viel Sachen von Zucker und Gold.
Drum legt euch zufrieden,
Dann hat es beschieden
Bis morgen früh, was ihr nun wollt.

(Friedrich Güll, 1812-1879)

Montag, 22. Dezember 2008

juvenil-Adventskalender.22

Böse Knaben

Unsre dicke, nett Jule
Geht bereits schon in die Schule,

Und mit teilnahmsvollem Sinn
Schaut sie gern nach Knaben hin.

Einer, der ihr nicht gefiel,
Das ist Dietrich Klingebiel.

Ferdinandchen Mickefett
Scheint ihr nicht besonders nett.

Peter Sutitt, frech und dick,
Hat natürlich auch kein Glück.

Försters Fritze, blond und kraus,
Ja, der sieht schon besser aus.

Keiner kann wie er so schön
Grade auf dem Kopfe stehn;

Und das Julchen lacht und spricht:
"So wie Fritze könnt ihr´s nicht!"

Kränkend ist ein solches Wort.
Julchen eilt geschwinde fort.

Knubbs! Da stoßen die drei Knaben
Julchen in den feuchten Graben.

Und sie fühlen sich entzückt,
Daß der Streich so gut geglückt.

Wartet nur, da kommt der Frotze!
Schwupp, sie liegen in der Pfütze.

Fritz ist brav und sanft und spricht:
"Gutes Julchen, weine nicht!"

Julchens Kleid ist zu beklagen.
Knopp, der muss die Kosten tragen.

(Wilhelm Busch, 1832-1908)

Sonntag, 21. Dezember 2008

juvenil-Adventskalender.21

Sich interessant machen
(Für einen großen Backfisch)

Du kannst doch schweigen? Du bist doch kein Kind
Mehr! - Die Lederbände im Bücherspind
Haben, wenn du die umgeschlagenen Deckel hältst
Hinten eine kleine Höhlung im Rücken.
Dort hinein musst du weichen Käse drücken.
Außerdem kannst du Käsepfropfen
Tief zwischen die Sofapolster stopfen.

Lasse ruhig eine Woche verstreichen.
Dann musst du immer traurig herumschleichen.
Bis die Eltern nach der Ursache fragen.
Dann tu erst, als wolltest du ausweichen,
Und zuletzt musst du so stammeln und sagen:
"Ich weiß nicht, - ich rieche überall Leichen -."

Deine Eltern werden furchtbar erschrecken
Und überall rumschnüffeln nach Leichengestank,
Und dich mit Schokolade ins Bett stecken.
Und zum Arzt safe dann: "Ich bin seelenkrank."

Nur lass dich ja nicht zum Lachen verleiten.
Deine Eltern - wie Eltern so sind -
Werden bald überall verbreiten:
Du wärst so ein merkwürdiges, interessantes Kind.

(Joachim Ringelnatz, 1883-1934)

* * *
Geheimes Spielen und Verwirren

Joachim Ringelnatz hat 1924 und 1931 die Anthologien Geheimes Kinder-Spiel-Buch und Kinder-Verwirr-Buch veröffentlicht. Beide Bücher sind 2008 im Kinderbuchprogramm des Aufbau Verlags, mit neuen Illustrationen, u.a. von Norman Junge, wieder herausgegeben worden.
Vergleicht man, was es heute so an Gedichten und Reimen für Kinder gibt, dann fällt einmal mehr auf, wie erfrischend ungeschminkt und frech Ringelnatz' Verse sind. Fast ein Jahrhundert nach der Erstveröffentlichung haben sie nichts eingebüßt und man wagt zu behaupten, dass Gedichte wie "Himmelsklöße" oder "Maikäfermalen" auch (oder gerade?) im 21. Jahrhundert noch Eltern und Pädagogen provozieren.
Insofern ist zu hoffen, dass die neuen Ausgaben nicht nur von erwachsenen Liebhabern gekauft, sondern vor allem von Kindern gelesen werden - am besten geheim! (kw.)

Joachim Ringelnatz:
Geheimes Kinder-Spiel-Buch. Mit Illustrationen von Michael Sowa, Isabel Pin, Norman Junge, Katja Wehner und Aljoscha Blau. Berlin: Aufbau 2008. EUR 7,95.

Kinder-Verwirr-Buch. Mit Illustrationen und Norman Junge und einem Nachwort von Roger Willemsen. Berlin: Aufbau 2008. EUR 19,80.

Kinder-Verwirr-Buch mit vielen Bildern. Nachdruck der Original-Ausgabe.
Wegberg: Aurel 2006, hergestellt on demand, EUR 8,90.

Samstag, 20. Dezember 2008

juvenil-Adventskalender.20

So geht´s in der Welt

Sparbüchschen, nun ist es
Mit dir auch vorbei:
Ich will dich zerschlage,
Dann bist du entzwei.

Und als ich das irdne
Sparbüchschen zerschlug,
Da ging ich zum Kaufmann
Und kauft´ einen Krug.

HIn fiel mir das Krüglein,
Da war es entzwei:
Nun ist´s mit dem Spar´n
Und dem Gelde vorbei.

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, 1798-1874)

Freitag, 19. Dezember 2008

juvenil-Adventskalender.19

Charlotte

Charlotte Compotte Naschmamsell,
Hat zwei Augen wie Blaubeern hell,
Hat zwei Lippen wie Himbeern roth,
Ißt lieber Kirschen als trocken Brot -
Früh ein Schock,
Abends ein Schock,
Nachts im Traum
Einen ganzen Baum.

(Victor Blüthgen, 1844-1920)

Donnerstag, 18. Dezember 2008

juvenil-Adventskalender.18

Die kleinen Mädchen tanzen und singen

Ich und du und du und du,
zweimal zwei ist viere,
tragen Kränze auf dem Kopf,
Kränze aus Papiere;
rechts herum und links herum,
Röck´ und Zöpfe fliege,
wenn wir alle schwindlig sind,
fall´n wir um und liegen,
purzelpatsch, wir liegen da,
patschelpurz im Grase.
Wer die längste Nase hat,
der fällt auf die Nase.

(Otto Julius Bierbaum, 1865-1916)

Mittwoch, 17. Dezember 2008

juvenil-Adventskalender.17

Vom unordentlichen Max

Max war sehr unordentlich.
Seine Sachen legte er sich
Nie zurecht, nie abends nett
Seine Kleider vor das Bett.

Nichts, nichts lag an seinem Ort,
Ausgestreut lag´s hier und dort.
Hier der eine Strumpf, bei Seite
Auf der Erde lag der zweite.

Hinter´m Ofen lag ein Schuh,
Seine Höschen noch dazu,
Und der and´re Schuh, er stand
Wo der Rock lag, an der Wand.

Aber seht nur, Kinder, seht,
Wie es ihm des Morgens geht!
Vater nimmt die Kleider bunt,
Zieht sie an dem großen Hund!

Zieht ihm an den Rock so warm,
Und die Hos´, und unter´m Arm
Steckt er ihm die Mappe. Ah!
Max steht noch im Hemde da!

Und was will der Vater nun,
Was der kleine Max soll tun?
In die Schule muß der Max
Gehen mit dem Hunde stracks.

Seht nur den Max Liederlich
In dem Hemd! Wie schämt er sich!
Doch der Hund geht stolz einher,
Als ob er ein Schüler wär´!

(Adolf Glassbrenner, 1810-1876)

Dienstag, 16. Dezember 2008

juvenil-Advenstkalender.16

Mein Ball fiel in ein Loch,
Mein kleiner, runder, bunter Ball,
Im Keller liegt er noch.

Der Krämer wohnt im Haus,
Der Krämer ist mir spinnefeind,
Er giebt ihn nicht heraus.

Adieu, mein kleiner schönster Ball!
Jetzt frißt Dich eine Kellermaus
Auf all und jeden Fall.

(Victor Blüthgen, 1844-1920)

Montag, 15. Dezember 2008

juvenil-Adventskalender.15

Das Karussell

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel . . .

(Rainer Maria Rilke, 1875-1926)


* * *

„... und dann und wann ein weißer Elefant.“

Die Kinderbuchillustratorin Isabel Pin hat das impressionistische Rilke-Gedicht zu einer bildlichen Impression werden lassen. In seiner Reihe "Poesie für Kinder" hat der Kindermann Verlag das Bilderbuch herausgegeben und schreibt darüber:

"Seit über 100 Jahren schon dreht sich Rilkes Karussell, eines der schönsten deutschen Gedichte. Stimmungsvoll und mitreißend wird „dieses atemlose, blinde Spiel“ der kreisenden Kinder und Tiere beschrieben: Bunte Pferde, ein roter Löwe, angespannte Wagen, ein Hirsch mit Sattel – vorbei fliegende Farben, dazu die traumhaft verspielten Bilder der Künstlerin Isabel Pin: Unwillkürlich wird man in den Bann gezogen und taucht für eine Weile ein in diese sich endlos drehende, ziellos bunte Fantasiewelt eines Karussells …" (Kindermann)

Rainer Maria Rilke, Isabel Pin: Das Karussell
24 Seiten, durchgängig vierfarbig illustriert, Halbleinen, geb., EUR 14,50.
Kindermann 2008

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Zuletzt aktualisiert: 13. Nov, 00:08