Kinderbücher

Donnerstag, 13. September 2012

Wir sechs aus Neuseeland

Wir-6-aus-Neuseeland Der anlässlich der Buchmesse 2012 erstmals auf Deutsch erschienene neuseeländische Klassiker Six Little New Zealanders von 1917 gewährt Einblick in eine Kindheit im Neuseeland des frühen 20. Jahrhunderts und ist auch heute noch eine spannende Kinderlektüre. Weiter ...

Sonntag, 22. April 2012

The Flytrap Snaps

Das Erstlingswerk der neuseeländischen Autorin Johanna Knox, mit dem sie zugleich ihren eigenen Verlag Hinterlands Press vorstellte, wurde unmittelbar für die New Zealand Post Children’s Book Awards in der Kategorie Junior Fiction nominiert – zu Recht! Weiter ...

Donnerstag, 23. September 2010

Eine Graphic Novel für Kinder, die ihre Leser ernst nimmt

DJLP-2010_Cover-Nominierungskatalog Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis, Sparte Kinderbuch:
Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen von Jean Regnaud mit Illustrationen von Émile Bravo.



Jean ist noch klein. Er ist gerade erst eingeschult worden und lernt Lesen. Er mag Eiskakao, glaubt an den Weihnachtsmann und bekommt Schweißausbrüche, wenn er in der Schule nach seiner Mama gefragt wird. Denn sie ist nicht da. Weiter ...

Sonntag, 8. August 2010

Spielrealität und Evolutionstheorie

Michael Endes "Jim Knopf", vor 50 Jahren zum ersten Mal erschienen, wurde jüngst als Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Rassenideologie neu interpretiert.
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Jim-Knopf-und-Lukas-der-Lokomotivfuehrer

Montag, 21. Juni 2010

Es „Frederick“ nachtun!

Mit Leo Lionnis Bilderbuchklassiker zu Beginn des Sommers Sommersonne sammeln

„Frederick, warum arbeitest du nicht?“, fragten sie.
„Ich arbeite doch“, sagte Frederick, „ich sammle
Sonnenstrahlen für die
Kalten, dunklen Wintertage.“

Und als sie Frederick so dasitzen sahen, wie er auf die Wiese
Starrte, sagten sie: „Und nun, Frederick, was machst du jetzt?“
„Ich sammle Farben“, sagte er nur, „denn der Winter ist grau.“

Und einmal sah es so aus, als sei Frederick halb eingeschlafen.
„Träumst du, Frederick?“, fragten sie vorwurfsvoll.
„Aber nein“, sagte er,
„ich sammle Wörter. Es gibt viele lange
Wintertage – und dann wissen wir nicht mehr,
worüber wir sprechen sollen.“


Körner, Nüsse, Weizen und Stroh – alles was sie durch den langen Winter bringt, sammeln die fleißigen Feldmäuse an ihrer alten Steinmauer zusammen. Nur Frederick nicht. Er sitzt scheinbar einfach nur da und hat anderes in seinem sommerlichen Sinn. Als im Winter die Vorräte aufgebraucht sind und sich die grimmige Kälte in den Mäusekörpern ausbreitet, schließen alle die Augen und Frederick beginnt zu erzählen und wärmt sie mit erzählten goldenen Sonnenstrahlen … (lis)

Leo Lionni: Frederick
Deutsch von Günter Bruno Fuchs
32 Seiten, gebunden
6,95 Euro
Empfehlung des Verlags: ab 4 Jahren
(1967 bei Middelhauve erschienen)

Freitag, 28. Mai 2010

"Hurra für Pluck!"

Der "Weltspieltag" am 28. Mai und die "Annie M.G. Schmidt-Woche" vom 19. bis 30. Mai 2010 sind nur zwei von vielen Gründen, auf einen niederländischen Klassiker aus den 1970er Jahren hinzuweisen, in dem auch Erwachsene spielen.

Jedes Jahr im Mai feiern die Niederländer in der "Annie M.G. Schmidt-Woche" das Werk ihrer berühmtesten Kinderbuchautorin. 2010 steht deren Erzählung Pluk van de Petteflet im Zentrum der Aktivitäten, Motto: "Hoera voor Pluk!" (Hurra für Pluck). Das 1971 in den Niederlanden, 1973 in Deutschland erschienene Buch ist seit letztem Jahr glücklicherweise auch in Deutschland wieder zu haben. Unter dem Titel Pluck mit dem Kranwagen ist es bei Ellermann erschienen. Weiter ...

Sonntag, 14. März 2010

"Warum passiert sowas immer nur mir?????"

Auftakt einer neuen Mädchen-Tagebuch-Serie von Pfefferkörner-Autorin Franca Düwel

Duewel-JulieDas Leben einer Zwölfeinhalbjährigen besteht aus Höhepunkten und Tiefpunkten und wenig dazwischen. In diesen Kategorien zumindest beschreibt die Hauptfigur Julie in Julie und Schneewittchen. Schlimmer geht’s immer von Franca Düwel ihr Leben in dieser Tagebucherzählung. Tiefpunkte sind z. B. ein kaputtes Fernsehgerät, eine Sechs in Mathe, Tiefkühlgemüse, Streit mit der Freundin. Diesen Tiefpunkten stehen Höhepunkte wie etwa Unterrichtsbeginn "erst zur dritten Stunde", himbeerrotes Lippgloss und die Klassenreise nach Sylt. (Abb. Arena, Würzburg 2009)

Julie vertraut ihrem Tagebuch in einer Art Zwiegespräch an, dass ihre Mutter nach der Geburt der kleinen Schwester Ottilie Babyblues hat und ununterbrochen heult, dass die Eltern sich streiten und dass ihre beste Freundin sich als gnadenlose Intrigantin erweist, die sich nicht nur zwischen Julie und den umschwärmten Nachbarjungen Ben stellt, sondern sie auch noch zu einer gefährlichen Wattwanderung bewegt. Und das Tagebuch weiß auch von der Außenseiterin Scharina, wegen ihrer braunen Haare und mandelförmigen Augen auch Schneewittchen genannt, der Julie dazu verhilft, sich gegen ihren gewalttätigen großen Bruder zur Wehr zu setzen und die im Verlauf der Handlung ihre Freundin wird.

Besonders "aufregend" wird es, als Julie, von der einsetzenden Flut zwischen Sylt und Amrum überrascht, sich in höchster Lebensgefahr und Zeitnot zwischen den Prielen hinhockt und in ihrem Tagebuch unter minutiöser Angabe der Uhrzeit, von der Flut berichtet – Tagebuchaufzeichnungen, wie sie wohl eher ein Kunstgriff als ein Spiegel der Realität sind.

Wenig bleibt unerwähnt, weil man einem Tagebuch ja auch die blamabelsten Dinge der Welt anvertrauen kann, wie zum Beispiel die Problematik des Zahnspangenkusses, der Stand auf der Beliebtheitsskala in der Klasse und dass man ausgerechnet das älteste, verwaschene Nachthemd mit dem schrecklichen Aufdruck "Ich bin ein Pony" trug, als der Schwarm über den Zaun geblickt hat. Das Aufeinandertreffen von solch großen und kleinen Malaisen macht den Charme dieser Erzählung aus, an der junge Leserinnen derzeit großen Gefallen finden, bietet sie doch ausreichend Identifikationspotential. Welches Mädchen hat nicht schon einmal Ähnliches erlebt?

Das Layout des Buches macht sich die Gestaltung eines Tagebuchs zu eigen, in welches seine Verfasserin Smileys, Sternchen und Herzen oder einen kleinen durchgestrichenen Pferdekopf mit der Unterschrift "Ponys? nein danke! lass mal" malt oder auch mit 19 Ausrufungszeichen betont, dass etwas ganz besonders wichtig ist. Diese grafische Gestaltung trägt zur Auflockerung des Satzspiegels bei wie auch die etwas größer gesetzte Schrift. In Fußnoten erläutert Julie für sie bedeutsame Wörter wie 'Charisma', 'Paranoia' oder' 'Contenance'.

Die Frage, ob es sich um ein Kinder- oder ein Jugendbuch handelt ist genau so einfach zu beantworten wie man eine Sechstklässlerin als Kind oder Jugendliche bezeichnen kann. Es ist das Alter "weder noch" oder auch "alles oder nichts".

Welche peinlichen Situationen Julie wohl demnächst beschreiben wird? Diese Tagebucherzählung ist nämlich der Auftakt einer neuen Serie, wie der Verlag ankündigt. Die Autorin dürfte darin versiert sein, hat sie doch auch die erfolgreiche Kinderkrimi-Serie Die Pfefferkörner konzipiert. (Linde Storm)


Franca Düwel
Julie und Schneewittchen. Schlimmer geht’s immer
Würzburg: Arena 2009
280 Seiten, 12,95 EUR (D)
ISBN 978-3-401-06407-9 Pick It! Pick It! Pick It!
Vom Verlag empfohlenes Alter: ab 10 Jahren

Mittwoch, 3. März 2010

Anna 16 oder doch lieber die eigene Mutter?

Der Titel scheint Kindern zu gefallen: Die schrecklichsten Mütter der Welt von Sabine Ludwig erfreut sich großer Beliebtheit bei jungen Lesern

Emily, Bruno und Sofia nehmen an dem Wettbewerb teil, bei dem die „schrecklichsten Mütter der Welt“ gesucht werden. Die ausgefüllten und zurückgesandten Fragebögen werden danach beurteilt und prämiert, wer wohl eine der „schrecklichsten Mütter der Welt“ hat, wie der Titel von Sabine Ludwigs Erzählung lautet und die sich bei der Zielgruppe großer Beliebtheit erfreut. Die drei haben gute Chancen, denn sie sind geplagte und unverstandene Kinder, die schwer unter ihren Müttern leiden. Emilys Mutter ist ständig in der Bredouille. Einspringen muss immer die Tochter. Das nervt! Brunos Mutter würde aus ihm gerne einen Pianisten machen, während er davon träumt, Boxchampion zu werden. Und Sofia leidet unter ihrem jüngeren Bruder, Mamas kleinem Prinzen.

Die-schrecklichsten-Muetter-der-WeltKurz nach Zurücksendung der Fragebögen bekommen die Kinder Besuch von den stets gleichbleibend lächelnden, blonden Alleserlauberinnen-Tanten namens Anna. Der Verbleib der Mütter wird mit einer Spontankur erklärt. Die immernetten Annas erlauben alles, bestellen Pizza, sooft das Herz begehrt, erteilen kein Fernsehverbot, werfen den Klavierschüssel ins Klo, bestehen nicht auf aufgeräumte Zimmer und, und, und. Aber irgendwie haben die Kinder das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. (Abb. Dressler Verlag, Hamburg 2009)

Zur gleichen Zeit auf einer Insel sagt Sofias Mutter kleinlaut: „Ich kann diese ganzen Bands einfach nicht auseinanderhalten. Die Musik ist doch sowieso immer gleich: laut und misstönend“. Diese Äußerung zieht eine schlechte Note nach sich. Denn während die Kinder daheim von den Annas umsorgt werden, befinden sich deren Mütter in einer Mütterverbesserungsanstalt. Dort müssen die Klammer-, die Fitness-, die Öko- und alle anderen unzulänglichen Mütter an Kursen namens „Geschichten erzählen“, „Sandburgen bauen“ oder „Musikgeschmack der 13 bis 15-Jährigen“ teilnehmen und Tests absolvieren.

Wer aber hat sich diesen Eingriff in innerfamiliäre Erziehungsangelegenheiten ausgedacht? Etwa der Unternehmer Kruschke? Mit fortschreitender Handlung mündet die Erzählung in eine Abenteuergeschichte, bei der es um Leben und Tod geht. Ein geheimer Tunnel, in einem Bunker eingeschlossene Mütter, durchdrehende Anna-Roboterfrauen und gefährliche Verfolgungen – nichts bleibt den Kindern, die sich gemeinsam auf Müttersuche begeben, erspart. In raschen Szenenwechseln gesellt sich slapstickartige, spannende Unterhaltung für junge Leser zu alltäglichem Familienwahnsinn in einer Kriminalgeschichte. Diese lebt von ihren Überzeichnungen und dem auch für junge Leser erkennbar Abstrusen. Mädchen wie Jungen dürften Gefallen an dieser Erzählung finden.

Zum guten Schluss finden die Mütter und Kinder natürlich wieder zusammen und sind letztlich froh, gerade die Mütter eben dieser Kinder beziehungsweise die Kinder jener Mütter zu sein – denn es sind die eigenen! Die programmierten Ideal-Annas sind zwar perfekt, aber nicht liebenswert, im Gegensatz zu den eigenen Müttern. Gelernt haben Mütter wie Kinder, einander mehr Achtsamkeit entgegenzubringen. Obgleich die in der Erzählung vermittelte Toleranzbotschaft nur allzu offensichtlich ist, läuft der Text nicht Gefahr, „pädagogisch wertvoller Gehalt“ im Deckmäntelchen einer humorvollen Erzählung zu sein. Der schon im Titel angeschlagene übertreibende, ironische und unverbrämte Ton in Verbindung mit einem unprätentiösen, direkten Erzählstil ist es, der den Leser begleitet und in Bann zieht. Bleibt die Frage, was für eine Mutter der Unternehmer Kruschke wohl hat? (Linde Storm)

Sabine Ludwig: Die schrecklichsten Mütter der Welt
Dressler: Hamburg, 2009
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10-11 Jahre
288 Seiten, gebunden
13,90 EUR, ISNB 978-3791512372

Montag, 12. Oktober 2009

nominiert: "Tote Maus für Papas Leben"

DJLP, Sparte Kinderbuch

Marjorlijn Hof
Tote Maus für Papas Leben
Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik
Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, 2008

Tote-Maus-fuer-Papas-Leben
(c) 2008, Bloomsbury Berlin

"Mein Vater war auf dem Weg in den Krieg. Die Tasche war schon gepackt, er musste sich nur noch verabschieden."

– Was für ein Anfang in einem Kinderbuch! Und weiter geht Tote Maus für Papas Leben in der Logik, die bestimmend ist für die Erzählung: "Eigentlich geht man in die verkehrte Richtung, wenn man in den Krieg geht. Man sollte ihm so fern wie möglich bleiben."

Es ist die Logik eines Mädchens, das vielleicht elf Jahre alt ist, Kiki heißt und die Geschichte erzählt. Kikis Vater zieht regelmäßig in Krisengebiete, um dort als Arzt zu helfen. Dieses Mal reist er in eine nicht näher benannte Gegend, in der Krieg herrscht, und wie jedes Mal warten seine Frau und seine Tochter zuhause sehnsüchtig auf seine Anrufe. Doch dieses Mal kommen irgendwann keine Anrufe mehr und die Daheimgebliebenen erfahren, dass der Vater verschwunden ist.

Kiki denkt über "verirrte Kugeln" nach, die ihren Vater treffen könnten. Da nützt es auch nichts, dass ihr die Erwachsenen klar machen wollen, dass es keine verirrten Kugeln gebe. Ihr Vater könnte auch an Gelbfieber erkranken oder an Malaria, das Flugzeug könnte abstürzen oder er mit dem Auto verunglücken. Kiki weiß, dass ihre Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind, dennoch tun die Erwachsenen ihre Sorgen ab und beschwichtigen, indem sie von Schutzimpfungen und ähnlichem sprechen. Und von Wahrscheinlichkeiten.
"Nun musste ich erst mal über Wahrscheinlichkeiten nachdenken, die man größer oder kleiner machen konnte.
Ich dachte an Johnnys Vater. Den einzigen toten Vater, den ich kannte. Ich kannte außerdem noch drei Kinder mit einer toten Katze, zwei Kinder mit einem toten Hund und ein Kind mit einer toten Maus.
[…] Ich kannte niemanden mit einem toten Hund und einem toten Vater. Ein toter Hund und ein toter Vater kamen so gut wie gar nicht vor. Meine Mutter würde so etwas eine kleine Wahrscheinlichkeit nennen. Noch unwahrscheinlicher war jemand mit einer toten Maus, einem toten Hund und einem toten Vater.

"Kann ich eine Maus haben?" fragte ich meine Mutter.
So beginnt Kiki damit, Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen zu wollen.

Mit Tote Maus für Papas Leben hat die niederländische Autorin Marjolijn Hof eine mutige Erzählung geschrieben. Über kindliche Ängste, Hoffnungen und Logik. Über Erwachsene, die denken, dass sie die Kinder beschützen müssen und dabei versuchen, ihre eigenen Ängste zu verbergen. Über die Frage, ob das Verhalten des Vaters selbslos oder egoistisch ist. Über ein starkes Mädchen, das mit Willenskraft und Einfallsreichtum auf das Leben reagiert. Kiki könnte die Schwester von Polleke sein, der bekannten Kinderbuchheldin von Guus Kuijer.

Tote Maus für Papas Leben gibt es mittlerweile auch als Hörbuch im Audio Verlag. Außerdem hat das Theaterhaus Frankfurt eine Inszenierung von Tote Maus für Papas Leben im Programm, welche auf beeindruckende Weise die schwierigen sowie die entlastenden Momente der Erzählung auf die Bühne bringt. Die Inszenierung endet mit einem tiefen Aufatmen, und die Erzählung mit dem Satz: "Sein Brustkorb hob und senkte sich langsam."

Hat eigentlich schon einmal jemand über die Kinder nachgedacht, deren Väter in Afghanistan sind? (Kirsten Waterstraat)

Samstag, 10. Oktober 2009

Nominiert: Rabenhaar

DJLP, Sparte Kinderbuch

Do van Ranst
Rabenhaar
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Mit Vignetten von Eva Schöffmann
Carlsen, 2008

Rabenhaar
(c) 2008, Carlsen Hamburg

Es ist das letzte große Spiel für Bram und seine Clique, bevor sich die Wege der 14-Jährigen trennen. Schon vieles haben sie gespielt, doch diesmal soll es etwas ganz Besonderes sein. Schließlich lassen sich alle auf Rabenhaars Vorschlag ein, eine Hochzeit zu feiern – mit Rabenhaar als Braut und Bram als Bräutigam.
Rabenhaar heißt eigentlich Fatima und kommt aus Marokko. Sie gehört noch nicht allzu lange zur Clique und kommt auch erst seit kurzem wieder zu den Treffen in einem alten Holzschuppen. Der Grund für Fatimas Verschwinden war das letzte Spiel der Clique: Ein Filmdreh, bei dem sich Rabenhaar und Bram am Ende küssen sollten. Doch genau bei diesem Kuss platzte Rabenhaars Vater herein. Wütend zerrte er seine Tochter an den Haaren heraus und beschimpfte sie als Hure. Für ein paar Wochen war Rabenhaar verschwunden. Sprachlos und verwirrt blieben Bram und seine Freunde zurück.

Der flämische Autor Do van Ranst hat eine Erzählung geschrieben, die die Problematik kultureller Unterschiede und von Zwangsverheiratungen auf besondere Weise erzählt ohne dabei anbiedernd oder belehrend zu wirken. „Wir mögen alle verrückt nach Rabenhaar sein, anfangs hatten wir Schwierigkeiten mit ihrer Anwesenheit. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir sie nett fanden. Oder besser gesagt: bis wir es zugaben.“ Auch Bram und seine Freunde haben zunächst Vorurteile gegenüber Fatimas Kopftuch, ihrem Bedürfnis, die Schuhe im Schuppen ausziehen zu müssen und ihrem scheuen Wesen, das „oft auch nur von innen lachte“. Doch bald schon gehört Fatima zur Clique. Ihren wunderschönen langen schwarzen Haaren verdankt sie den Namen Rabenhaar.
Erst während des jetzigen Spiels können die Freunde wieder über das Geschehnen sprechen und die Reaktion des Vaters einordnen. Nach und nach erzählt Rabenhaar von ihrer Familie, die streng gläubig ist. Sie erzählt von den Sünden, zu denen auch ein Kuss gehört, von ihren Schwestern, die mit 14 Jahren verheiratet wurden und der Tatsache, dass ihr vermutlich dasselbe droht. Und genau das ist der Grund, warum sie sich das letzte Spiel gewünscht hat. Sollte ihr Vater tatsächlich einen Mann für sie aussuchen, so möchte sie doch wenigstens einmal denjenigen geheiratet haben, in den sie wirklich verliebt ist.
Ernsthaft und sehr offen erzählt Rabenhaar, was es bedeutet unbefleckt zu sein, was es heißt verheiratet zu werden und ab wann ein Mädchen eine Frau ist. Für die Freunde ist es zunächst schwer, das alles zu verstehen: „Ich finde es so wenig normal, dass ich mich frage, ob wir dieses Gespräch überhaupt führen dürfen. Ich schaue mich um und sehe den Käscher, mit dem wir so hoffnungsvoll auf die Frösche gewartet haben. Ich sehe den Bollerwagen, mit dem wir Dutzende von erfundenen Bränden gelöscht haben.“

Es geht um Viel in Do van Ranst' ruhigem, aber wort- und bildstarken Buch. Es geht um das Erwachsenwerden, um Verliebt sein und Eifersucht, um Spiel und Ernst. Als Bram das Hochzeitskleid nicht sehen darf, wird ihm bewusst: „Das ist eben eine der Spielregeln, die man einhalten muss. Mein Körper tut fast weh dabei.“

Die Erzählung endet mit einem glücklichen Brautpaar und einem echten, „mega-sündhaften“ Kuss. Gleichzeitig lässt der Autor dem Leser die Hoffnung, dass Rabenhaar in Wirklichkeit vielleicht doch nicht verheiratet wird.

Auf dem Cover der belgischen Original-Ausgabe liegt ein Mädchen im Gras und schaut in den Himmel - ein ähnliches Motiv wäre auch für die deutsche Ausgabe wünschenswert gewesen. Das von Eva Schöffmann gestaltet Cover ist schön, passt aber nicht zum Inhalt des Buches, im Gegensatz zu den filigranen schwarz-weiß Vignetten im Innenteil, die den Text auf besondere Weise unterstreichen. Statt einer sensiblen Geschichte über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und kultureller Unterschiede verheißt das Cover viel eher ein Märchen bzw. ein Buch für sehr junge Leser.
2007 erhielt Do van Ranst für sein Jugendbuch Wir retten Leben, sagt mein Vater den Deutschen Jugendliteraturpreis. Wie vielfältig, niveauvoll und preisverdächtig der Autor schreiben kann, beweist er auch mit Rabenhaar. (Brigitte Paul)

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