BUECHER

Freitag, 30. November 2007

Es war einmal ...

... eine Rezensentin, die stöberte in den Verlagsprospekten und entdeckte ein neues Buch: Mirjam Pressler stand auf dem Titel. Das machte sie neugierig. Denn die schönsten Prinzessinnenmärchen sollten in dem Buch versammelt sein. Doch manchmal erzählt schon das Buchcover selbst ein Märchen ...

Die Nennung von Mirjam Pressler an dieser exponierten Stelle scheint marktstrategische Gründe zu haben. Denn in welcher Funktion sie das Buch geschrieben hat, bleibt uneindeutig. So heißt es auf dem Buchrücken, Pressler habe Märchen nacherzählt, in der genauen Titelangabe wird sie allerdings als Übersetzerin aus dem Niederländischen geführt. Schaut man hier noch genauer hin, erfährt man, dass das vorliegende Buch unter dem Titel Er was eens een prinses [Es war einmal eine Prinzessin] in Belgien erschienen ist.
Nun gut, dann sind das wohl niederländische oder flämische (?) Märchen, - wie man weiter erfährt ausgewählt von Henri van Daele –, und dann eben übersetzt von Mirjam Pressler. Doch warum sollte Pressler Märchenfassungen des Dänen Andersen aus dem Niederländischen übersetzten? Und was ist mit den in der Titelei erwähnten Märchen der Gebrüder Grimm? Nun ja, die werden dann wohl eher nacherzählt worden sein, reimt man sich da so zusammen.
Zauberkind copyright Loewe
Völlig unklar bleibt auch, nach welcher Vorlage nacherzählt oder übersetzt wurde. Denn das Buch gibt keinerlei Hinweise dazu, und es enthält kein erläuterndes Vor- oder Nachwort. Selbst das Inhaltsverzeichnis nennt nur die Märchentitel!
Etwa, weil man glaubt, dass jeder weiß, dass z.B. Hans mein Igel ein Grimmsches Märchen und der Fliegende Koffer ein Märchen von Andersen ist? Oder weil man diese Zusatzinformationen für grundsätzlich überflüssig hält und eh keiner wissen will, von welchen "anderen" Märchensammlern oder -autoren hier noch Texte abgedruckt sind?
Aber warum taucht dann in der hier wiedergegebenen Version des Aschenputtels plötzlich Aschenputtels Tante auf? In der geläufigen Grimmschen Fassung und auch bei Bechsteins Version des Aschenbrödels kommt sie nicht vor. Das alles versteht man nur, wenn man die zeitlich viel früher entstandene Version von Perrault kennt, die in diesem Fall wahrscheinlich als Erzählgrundlage gedient hat.

Auch sollte die Frage erlaubt sein, nach welchen Kriterien die hier versammelten Märchen ausgewählt wurden. Denn in zahlreichen Texten spielen Prinzessinnen nur eine unbedeutende, kaum handlungstragende Rolle, ja in den Beispielen: Des Teufels rußiger Bruder, Der singende Knochen und Der Krautesel kommt überhaupt keine einzige Prinzessin vor!

Und die Prinzessinnen, die vorkommen, sind - im Gegensatz zu der Verlagsankündigung - nicht immer nur liebreizend, zart und rosarot. Manche wollen beispielsweise gar nicht verheiratet werden (Das kluge Schneiderlein, Die weiße Schlange), manche sind unsympathisch (Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein) andere gar böse (Die drei Schlangenblätter).
Eigentlich also Stoff für ein emanzipiertes, differenziertes und gar nicht klischeehaftes Prinzessinnenbild. Ein Potential, das im Rahmen dieses Buches aber nicht genutzt wird. Stattdessen wird der (Vor-)Leser auf diese Vielfalt nicht vorbereitet sein und ggf. erstaunt, erschrocken und geschockt, auf jeden Fall aber verwirrt zurückbleiben.

Wenn die Rezensentin also einen märchenhaften Wunsch frei hätte, dann wäre das der Wunsch nach größerer editorischer Sorgfalt, der Wunsch nach mehr Informationen für den Leser über Entstehungszusammenhänge, geschichtliche Hintergründe und über das zugrunde liegende Konzept dieses Buches. Denn nur damit kann man die wahrscheinlich aus verschiedensten Traditionen und Epochen kommenden und in Ton und Stil so ganz unterschiedlichen Volks-, Zauber-, Verwandlungs- und Kunstmärchen einordnen und zudem die von Pressler getätigte Nacherzählungs- bzw. Übersetzungsleistung angemessen würdigen.

Sonja Müller


Mirjam Pressler: Zauberkind. Die schönsten Prinzessinnenmärchen. Von den Gebrüdern Grimm, H. C. Andersen und anderen. Illustrationen: Thé Tjong-Khing. Ausgewählt von Henri van Daele. Bindlach: Loewe 2007. 208 Seiten. 16,90€.

(c) Abbildung: Loewe

Montag, 25. Juni 2007

juvenil packt den Bücherkoffer

Die Sommerferien sind da! Und endlich bietet sich die Gelegenheit Lieblingsbücher und Neuerscheinungen in der Hängematte, im Strandkorb, am Pool oder auch auf dem heimischen Balkon in Ruhe zu genießen.

juvenil lädt alle Leser ein, den Bücherkoffer für die Sommerferien zu packen.
Egal ob klein, groß, dick, dünn, alt, neu, mit oder ohne Schutzumschlag ... alle Kinder- und Jugendbücher haben Platz im großen Bücherkoffer von juvenil.

Wir sind gespannt auf einen Koffer voller kleiner und großer Sommerschätze!
die juvenil.redaktion

Freitag, 20. April 2007

BÜCHER - Guus Kuijer: Das Buch von allen Dingen

Eine Art Bibel

Amsterdam 1951. Der neunjährige Thomas Klopper liest „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner und wundert sich, dass das Buch nicht von Gott handelt und Emil nie in die Kirche gehen muss.

Gott hat es „so eingerichtet, dass Frauen Kleider tragen und Männer Hosen“, man hört keine ‚Negermusik’ und die Bibel ist das einzige Buch, in dem die Wahrheit steht. In seiner neuen Erzählung zeichnet Guus Kuijer ein Bild von den Niederlanden aus den frühen 1950er Jahren, das den Leser von heute möglicherweise irritiert. Wohlgemerkt spielt die Geschichte in einer streng protestantischen Familie.
Das Buch von allen Dingen“ ist nicht die Bibel, sondern ein Heft, in das der neunjährige Thomas alles hineinschreibt, was sich in seiner äuβeren und inneren Welt abspielt. Seine Wahrnehmung ist tief geprägt von den biblischen Geschichten und er sieht Dinge, die andere Menschen nicht sehen, z.B. den „Herrn Jesus“. Thomas hat es nicht leicht, denn sein Vater tyrannisiert die ganze Familie und schlägt nicht nur Thomas, sondern auch – und das ist das Schlimmste für Thomas – die Mutter. Er glaubt, seine Familie züchtigen zu müssen und rechtfertigt sein Verhalten mit Gott. Aber während er jeden Abend aus der Bibel vom Auszug aus Ägypten und den zehn Plagen vorliest, merkt er nicht, dass die Geschichte sich langsam umkehrt und er selbst zum bösen Pharao wird, auf den die Plagen warten.
Die ‚Plagen’, das sind die Frauen und Kinder, die mit Hilfe von Literatur und Musik, Fröhlichkeit und Ironie für frischen Wind sorgen. Eine alte Nachbarin – in den Augen des Vaters eine Kommunistin, für die anderen Kinder eine Hexe – zeigt Thomas, dass es noch andere Bücher auβer der Bibel gibt. Er lernt „Emil und die Detektive“ kennen und die fröhlichen Gedichte von Annie M.G. Schmidt. Er hört Beethoven und Louis Armstrong – und entdeckt so eine neue Welt, die ihm die Kraft gibt, gegen den Vater aufzubegehren und keine Angst mehr zu haben. Er entscheidet sich fürs Denken und gegen das Beten auf Knien.
„Das Buch von allen Dingen“ ist nicht die Bibel, aber der Ton, den Kuijer darin anschlägt, ist getragen und atmosphärisch, wie der uralte Text: „Alles, was da wimmelte auf Erden, hielt den Atem an. Die Spatzen auf der Fensterbank verschluckten sich an ihren Liedern. Die Sonne verdunkelte sich und der Himmel zog sich zusammen.“ Auch wenn es sich bei der Erzählung um einen ‚typischen Kuijer’ handelt – eine Erzählung, in der auch vor äuβerst bedrückenden Szenen nicht halt gemacht wird und die in seinem dichten, knappen und frischen Stil erzählt ist –, so ist der Ton, der hier herrscht, doch völlig neu.
Auffallend sind auch die autobiographischen Parallelen. Das Geburtsjahr 1942 ist nicht das Einzige, was Guus Kuijer mit seiner Hauptfigur teilt, auch wenn er sich im Vorwort als Kinderbuchautor mit glücklicher Kindheit ausgibt, der von dem erwachsenen Thomas aufgesucht wird. Kuijer selbst wuchs ebenfalls im reformatorischen Milieu auf und erinnert sich an die beklemmende Atmosphäre. Die Erfahrung, wie befreiend z.B. die Gedichte von Annie M.G. Schmidt wirkten, hat er selbst gemacht.

„Das Buch von allen Dingen“ ist nicht zuletzt auch ein wichtiger Beitrag Kuijers über Kinderliteratur. Im Vorwort schreibt er – unüberlesbar ironisch – dass er eigentlich ein lustiges und glückliches Kinderbuch habe schreiben wollen, und dass Thomas’ „Buch von allen Dingen“ respektlos sei, aber unglückliche Kinder schlieβlich auch ein Recht auf freie Meinungsäuβerung hätten. (kw)

Guus Kuijer: Das Buch von allen Dingen, a. d. Niederl. v. Sylke Hachmeister, Oetinger 2006, 96 S., € 9,90 (ab 10). ISBN 3-7891-4022-8

(Dieser Beitrag erschien zuerst im Eselsohr, Juli 2006, S.25)

Das Buch von allen Dingen wurde mit dem "Luchs des Jahres" 2006 von der ZEIT und Radio Bremen ausgezeichnet und im März für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007 nominiert.

Freitag, 6. April 2007

BÜCHER

Victor Caspak, Yves Lanois: Die Kurzhosengang

Bei der deutschen Ausgabe von “The Mysterious Adventures of the Short Ones” der beiden kanadischen Autoren Victor Caspak und Yves Lanois hat der Carlsen Verlag gleich zwei Stars des deutschen Kinderbuchs engagiert: Andreas Steinhöfel als Übersetzer und Ole Könnecke als Illustrator. Herausgekommen ist dabei Die Kurzhosengang, womit der so genannte Kurzhosen-Mythos eine weitere Stufe erreicht hat. – Aber was steckt hinter dem Kult aus Kanada?
Rudolpho, Snickers, Island und Zement sind vier ganz normale Jungs, die nacheinander erzählen, wie es dazu kam, dass sie die Kurzhosengang wurden. Diese Erlebnisse allerdings sind nicht normal: Sie kämpfen gegen Schneestürme und Grizzlybären, retten Leben und ihren Stolz, kommen auf die einfallsreichsten Ideen und werden berühmt. Dass jeder der vier die Geschichte ein bisschen anders erzählt macht das Ganze auch psychologisch interessant. Und dass alles immer übersinnlicher wird – bis hin zu Geistern –, dafür kann sich jeder Leser eine eigene Erklärung suchen. So wie auf die Frage, ob es die „Short Ones“ wirklich gegeben hat, wie uns Autoren, Verlag und Übersetzer weismachen wollen. Oder hat sich letzterer die ganze Geschichte ausgedacht, nur um seine skurrilen Fußnoten anzubringen und ein Vorwort in alter Kinderliteraturmanier zu schreiben? In jedem Fall handelt es sich um ein wunderbares Spiel mit Realität und Fiktion, jugendlichen Phantasien, Ironie und Übersinnlichem. Allem voran aber ist Die Kurzhosengang eine Hommage an die Freundschaft und die Vision der ewigen Kindheit. So wie Pippi Langstrumpf die Krummelus-Pille isst, beschließen die Kurzenhosen ihr Leben lang zusammen zu bleiben, in einem gemeinsamen Haus zu leben, auf dem Sofa zu sitzen, Bitter Lemon zu trinken und Videos zu gucken. Das Motto: Stay short! (kw)

Victor Caspak, Yves Lanois: Die Kurzhosengang. Aus dem kanadischen Englisch und mit Anmerkungen von Andreas Steinhöfel. Mit Bildern von Ole Könnecke. Carlsen 2004, 208 S., EUR 12,-

BÜCHER

Manuela Olten: Echte Kerle

Zwei echte Kerle liegen in einem großen Doppelbett. Der eine ist groß und schmal, trägt einen blauen Pyjama und hat einen Eierkopf. Der andere, kleiner und breiter, hat ein rundes Gesicht, Scheitel und gelben Schlafanzug – ein bisschen erinnern sie an Ernie und Bert aus der Sesamstraße. Auf der blauen Bettwäsche prangen Gespenster. Besonders auffällig: die weit aufgerissenen Münder. Und aus diesen Mündern kommen auf den nächsten Seiten des Bilderbuches Echte Kerle von Manuela Olten so einige Sprüche: Dass Mädchen „voll langweilig!“ sind, den ganzen Tag nur ihre Puppen an- und ausziehen, dass sie ihre Teddies mit in ins Bett nehmen und „echt voll die Angsthasen!“ sind. Die beiden Kerle lachen sich kaputt, schreien und grinsen, toben auf dem Bett herum, ziehen ihre Pyjamahosen an und aus. Sie springen mit ihren Worten den Betrachter auf jeder Seite förmlich an, wobei Text und Bild perfekt harmonieren. Es gibt keine unnötigen, ablenkenden Details, ebenso wie es keinen Erzähler gibt, sondern nur den Dialog der beiden Kerle, abwechselnd in rot und blau gedruckt, mal größer, mal kleiner, je nachdem wer gerade spricht und wie die Stimmung ist.
Das Mädchen aber sagt gar nichts. Mit Zöpfen, Puppen, rosa Hintergrund und gelber Herzchenbettdecke existiert sie nur als Bild in der Vorstellung der Jungen. Bis die Sprache plötzlich auf Gespenster kommt: „G-G-Gespenster?“ „Die gibts doch gar nicht?“ „Bestimmt nicht.“ „Nö.“ „Muss mal Pipi...“ Und plötzlich werden die beiden echten Kerle ganz kleinlaut. Auf dem letzten Bild liegen sie im rosa Mädchenbett, bibbernd ihre Kuscheltiere umklammernd, das Mädchen friedlich schlummernd zwischen ihnen.
Die Lausbubenbilder sind wunderbar plakativ, aber leider haben wir es mittlerweile schon so oft in Kinderbüchern gelesen, dieses Mädchen dürfen stark sein, Jungen dürfen ... (kw)

Manuela Olten: Echte Kerle. Bajazzo 2004, 32 S., EUR 12,90, durchgehend farbig illustriert, gebunden.

Donnerstag, 22. März 2007

BÜCHER - Meg Rosoff: So lebe ich jetzt

Realistisch bis schwebend

Meg Rosoff erzählt vom Krieg und von der Liebe. Ihre eigensinnige und dichte Poesie schwankt von lyrisch bis ironisch, und ermöglicht ein faszinierendes Leseerlebnis.

Am Anfang kümmern sich die Kinder nicht um den Krieg, der im Großbritannien des 21. Jhs. ausbricht. Im fernen London sterben tausende Menschen bei Bombenanschlägen, aber Daisy, Edmond, Isaac und Piper genießen das Leben ohne Erwachsene auf einem Bauernhof inmitten der schönsten Natur. Für Daisy, ein magersüchtiges Mädchen aus New York, ist die Zeit bei ihren liebenswert verrückten Verwandten mit telepathischen Fähigkeiten das schönste, was sie je erlebt hat. Sie verliebt sich in ihren Cousin Edmond und die beiden beginnen eine leidenschaftliche Beziehung. Doch dann erreicht der Krieg auch die Provinz, die Kinder werden voneinander getrennt, sie erleben schreckliche Situationen und machen grauenhafte Erfahrungen.
Was der Grund für diesen Krieg ist, scheint niemand genau zu wissen und die Autorin vermeidet in ihrem Debüt bewusst die Nennung des Feindes. So bleibt der Krieg abstrakt, nur seine Ausformungen erinnern an aktuelle Formen der Kriegsführung: Bombenanschläge, Selbstmordattentate und Massenerschießungen von Zivilisten. Bei diesen Beschreibungen werden Bilder aufgerufen, die tagtäglich in den Nachrichten gesendet werden. Was man dort aber nicht sieht wird in So lebe ich jetzt beschrieben: Mitten in eine heile und moderne Welt brechen plötzlich Zustände ein, die sich niemand hätte vorstellen können. Sie prägen die Kinder ganz individuell und hinterlassen Narben fürs Leben. So stellt dieser Roman einen eigenen und gelungenen Beitrag zum Thema „Kriegskindheit“ dar.
Es ist eine merkwürdige Mischung aus Idylle und Krieg, Poesie und Ironie, Liebe und Feindschaft, Stadt und Natur, Freude und Trauer, die den Roman auszeichnet. An keiner Stelle wirkt der Text übertrieben oder unglaubwürdig und schwebt dennoch archaisch und voller Magie über dem Erboden. (kw)

Meg Rosoff: So lebe ich jetzt, a.d. Engl. v. Brigitte Jakobeit, Carlsen 2005, 208 S., € 14,90.

(Dieser Artikel erschien zuerst im Eselsohr, Oktober 2005, S.18)

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