BUECHER

Montag, 2. November 2009

Der Friedhof als Refugium

Das Graveyard-Buch von Neil Gaiman

graveyard-buchWährend die 3D-Puppentrickverfilmung von Neil Gaimans Roman Coraline das Kinopublikum seit einigen Monaten in eine grell-bunte und düstere Parallelwelt entführt, ist im Arena Verlag inzwischen ein weiteres bemerkenswertes Jugendbuch des erfolgreichen britischen Schriftstellers erschienen, mit dem Neugier weckenden Titel: Das Graveyard-Buch.

Der Titel ist als eine Anspielung auf Rudyard Kiplings Kinderbuchklassiker Das Dschungelbuch zu verstehen. Beide Bücher beschäftigen sich mit dem Prozess des Erwachsenwerdens in einer ungewöhnlichen Umgebung, einem Bereich, der scheinbar abgeschnitten ist vom Rest der Gesellschaft und nach eigenen Regeln funktioniert. In Kiplings Werk wird der Junge Mowgli von Tieren im Dschungel großgezogen, während in Gailmans Roman nun Friedhofs-Geister als Erziehungsberechtigte der Hauptfigur mit dem bezeichnenden Namen Nobody Owens fungieren.

Nobody ist noch ein Baby, als seine gesamte Familie von einem grausamen Auftragskiller getötet wird. Ihm gelingt als Einzigem krabbelnd die Flucht. Überraschenderweise wird der benachbarte Friedhof zu seinem Zufluchtsort. Die Geister der auf dem viktorianischen Friedhof beigesetzten Menschen, nehmen sich des Jungen an und werden zu Nobodys neuer Familie. Über viele Jahre hinweg bieten sie ihm Unterschlupf und Schutz vor dem mysteriösen Mörder, der unermüdlich nach ihm fahndet.

In episodenhaften Kapiteln werden die Abenteuer Nobody Owens erzählt. Der Leser lernt den verwunschenen Friedhof als einen Ort voller Geheimnisse, mythischer und phantasievoller Gestalten und liebenswerter Geister kennen. Nobody lebt in einer Welt der Toten, die sich wohlwollend um ihn kümmern und ihn Menschlichkeit, Mut aber auch Fähigkeiten, zu denen nur Geister fähig sind – wie z.B. Unsichtbarkeit –, lehren. Nobody reiht sich somit in die lange Liste der außergewöhnlichen Waisen der Kinder- und Jugendliteratur ein, die mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind, wie bspw. Harry Potter oder Momo.

Der Friedhof fungiert als Hauptschauplatz der Handlung und stellt im doppelten Sinne ein Refugium für Nobody dar. Er bietet ihm zum einen Schutz vor der konkreten, drohenden Gefahr in Form des Auftragskillers, ist aber zum anderen auch eine ungewöhnliche Metapher für die Kindheit und Jugend. Denn irgendwann muss Nobody den Friedhof, die Insel der Ruhe inmitten einer bedrohlich anmutenden Gesellschaft, verlassen und in die Welt hinausgehen. Kurzum, er muss erwachsen werden – ebenso wie Mowgli.

Gaiman ist mit dem Graveyard-Buch ein ungewöhnlicher, spannender und intelligenter Roman gelungen, der sich durch einen sensiblen und ganz und gar nicht Furcht erregenden Umgang mit dem Tabuthema Tod auszeichnet, ohne diesen Aspekt bemüht in den Vordergrund zu stellen. Denn vor allem handelt es sich beim Graveyard-Buch um eine abenteuerliche und mitreißende Geschichte, bei der der Humor nicht zu kurz kommt.

Ironischerweise ist ausgerechnet dieser "Friedhofs-Roman“, der in Amerika mit bedeutenden Jugendliteraturpreisen ausgezeichnet wurde, ein Plädoyer für das Leben. Er vermittelt die Überzeugung, dass das Leben, trotz der schmerzvollen Erfahrungen, die jedem widerfahren können, voller kleiner Glücksmomente und Entdeckungen steckt. Man muss nur den Mut haben sich dem Abenteuer Leben zu stellen. (Anette John)

Neil Gaiman:
Das Graveyard-Buch
Aus dem Englischen von Reinhard Tiffert
Arena Verlag, 2009
312 Seiten, gebunden
14,95 EUR, ISBN 978-3-401-06463-5

Donnerstag, 29. Oktober 2009

"Biss ins Hirn"

Lesenswert: Was "Emma" über "Twilight" schreibt

twilight
Die Twilight-Manie
Wovon Mädchen träumen

von Anna Gielas
EMMA 3/2009


„Während die Mütter von Karriere reden, träumen ihre Töchter davon, jungfräulich in die Ehe zu gehen – um sich dann umso wonniglicher dem finalen Vampir-Biss hinzugeben.“ Weiter auf www.emma.de




Twilight, (c) Concorde 2009

Freitag, 16. Oktober 2009

nominiert: "Die Bücherdiebin"

DJLP, Auswahl Jugendjury

Markus Zusak
Die Bücherdiebin
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
cbj, 2008

Buecherdiebin
(c) 2008, cbj Kinder- und Jugendbücher, München

Eine kalte Geschichte, erzählt mit Wärme
Eine bayrische Kleinstadt zu Beginn des zweiten Weltkrieges. Liesel, ein abgemagertes, von Trauer erfülltes Mädchen, wird nach dem Tod ihres Bruders von ihrer Mutter bei Pflegeeltern abgegeben. Zum ersten Mal dem Tod begegnet, ist ein gestohlenes Buch ihre einzige Erinnerung an die verlorene Familie. Es ist nicht das letzte Buch, das die Leseratte sich aneignet.

Die Bücherdiebin erzählt mit viel Feingefühl von einer zerrissenen Jugend im zweiten Weltkrieg. Einerseits sorgt alltägliches wie Fußballspielen und Äpfel klauen für Geborgenheit, andererseits muss Liesel ein schweres Geheimnis bewahren und wird von Alpträumen geplagt.

Das Besondere an diesem Roman ist, dass die Geschichte nicht aus der Sicht der Hauptfigur erzählt wird, sondern aus der Perspektive des Todes höchstpersönlich. Und dieser kann sich so manchen trockenen Kommentar nicht verkneifen.

Markus Zusak erzählt mit viel Humor und Wärme eine kalte Geschichte. Die ungewöhnliche Perspektive schafft dabei die nötige Distanz zu den schrecklichen Ereignissen, die mit manchmal schmerzhaft treffender Sprache geschildert werden.

Die Romane des deutsch-australischen Autors werden von jugendlichen als auch erwachsenen Lesern geschätzt. Bereits 2007 verlieh die Jugendjury ihm und Übersetzerin Alexandra Ernst den Deutschen Jugendliteraturpreis für den Roman Der Joker. Obwohl der Autor selbst Die Bücherdiebin als sein erstes Werk für Erwachsene bezeichnet, hat er es auch mit diesem Roman in die Auswahlliste der Jugendjury geschafft. In Deutschland ist das Buch sowohl als Jugend- als auch als Erwachsenenausgabe erhältlich. (Anne Siebeck)

nominiert: "Wintereis"

DJLP, Sparte Jugendbuch

Peter van Gestel
Wintereis. Roman
Aus dem Niederländischen und mit
einem Nachwort von Mirjam Pressler
Beltz & Gelberg, 2008

Wintereis
(c) 2008, Beltz & Gelberg, Weinheim, Basel

Frost und Schneeschmelze, Kindheit und Jugend, Schweigen und Reden, Vergangenheit und Zukunft, Verdrängung und Sehnsucht. Der bereits mehrfach ausgezeichnete Roman „Wintereis“ des berühmten, 1937 geborenen niederländischen Autors Peter van Gestel, siedelt vieles „zwischen den Welten“ an.

Da gibt es die Freundschaft zwischen dem zwölf Jahre alten Thomas mit dem gleichaltrigen Zwaan und dessen zwei Jahre älterer Cousine Bet. Es gibt den fragilen Zustand der Erwachsenen, die nach den zurückliegenden Ereignissen im Krieg kaum den Alltag bewältigen, in Amsterdam, im Februar 1947 als die Grachten zugefroren sind. Alle haben großen Verlust zu beklagen: Thomas‘ Mutter starb an Typhus, Zwaans Eltern und Bets Vater wurden von den Nazis deportiert und umgebracht. Der Ich-Erzähler Thomas erfährt von Zwaan, dass er während der Zeit deutscher Besatzung in einem Versteck lebte.

Der Leser lässt sich nicht blenden und hat ein Vergnügen an den sprudelnden, blitzschnellen Dialogen, die das Gegenteil dessen besagen, was sie meinen. Die vordergründigen Gleichgültigkeiten sind in Wirklichkeit wahre Liebeserklärungen der drei untereinander. Hinter dieser Rauheit finden die drei Freunde eine Möglichkeit, sich in diesem schwierigen „Dazwischen“ zurechtzufinden und die Worte bleiben nicht Hülle des Gesagten.

Die metaphorische Schmelze des Beschweigens zurückliegender Ereignisse im Krieg geht einher mit dem Jahreszeitenwechsel und mündet nicht in ein tröstliches, glättendes Ende. Tröstlich ist jedoch das Wissen der drei Freunde umeinander, wenn auch jeder seinen eigenen Weg geht, bis Amerika. Zurück bleibt das Schwebende, dessen Ambivalenz zugleich Eigenart und große Stärke dieses Romans ist. (Linde Storm)

Mittwoch, 14. Oktober 2009

nominiert: "Der Traum vom Fliegen"

DJLP, Sparte Sachbuch

Susanna Partsch & Rosemarie Zacher
Der Traum vom Fliegen
Wie Leonardo & Co. sich und anderen Flugapparate bauten

Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, 2008

Traum-vom-Fliegen
(c) 2008, Bloomsbury Berlin

"Mit den Augen eines Leonardos“
Eine auf einem Stift reitende kleine Hexe aus Knete, ein über Häuser schwebendes Liebespaar auf einem Bild von Chagall, viele Zeichnungen von Flugkonstruktionen Leonardo da Vincis und die in die marokkanische Wüste aus Lehm gebaute 16 Meter hohe Himmelstreppe des Malers und Bildhauers Hannsjörg Voth – was verbindet sie? Der Traum vom Fliegen! Das gleichnamige Sachbuch ist der dritte Band der Reihe Kunst kennen – Kunst können.

Leitfaden durch das Buch sind die vielen Fluggeräte, die Leonardo da Vinci im Laufe seines Lebens gezeichnet hat. Locker wechseln sie ab mit eingefügten Erläuterungen über den Luftwiderstand, den Austausch von warmer und kalter Luft, mit einer Friedenstaube und einem Raubvogel auf dem Bild Taufe Christi von Leonardo und vielem mehr. Das Buch zeigt eine spielerische Mischung der unterschiedlichsten Zugänge zum Thema Fliegen: von der Bildkunst, über die Geschichte des Fliegens, angefangen bei Daidalos und Ikarus, bis hin zur Raumfahrt, Naturbeobachtungen sowie Anleitungen, das Fliegen „selbst in die Hand zu nehmen“ und Flugobjekte verschiedenster Bauart zu basteln. Die Leser finden also z. B. Anleitungen zum Bauen von „Nurflügelfederfliegern“, einem kleinen Fallschirm oder auch einer Wasserrakete, lernen aber auch die Mona Lisa und das Abendmahl kennen.

Dieses kleine, ungewöhnliche Sachbuch für Leser ab acht Jahren regt an zu einer Weitung des Blicks, der auch einmal thematisch das zueinander bringt, was nicht gleich offensichtlich ist. Seine Stärke ist die Ungezwungenheit und das Assoziative der Aufbereitung des Materials. Es ist genau das, was Leonardo da Vinci selbst tat: Beobachten, Malen, Konstruieren, Zeichnen, Probieren. Vielleicht betrachtet man nun das Staubkorn im Sonnenlicht, fallende bunte Blätter und die Zugvögel im Herbst, ein durch die Luft wirbelndes Samenkorn, den selbst gebastelten Papierflieger oder die in der Vorweihnachtszeit vermehrt auftretenden Engel und ihre Flügel fortan anders.
Eine Zeittafel über das Leben Leonardo da Vincis und ein Abbildungsverzeichnis ergänzen den Band. (Linde Storm)

Dienstag, 13. Oktober 2009

nominiert: "Das Rätsel der Varusschlacht"

DJLP, Sparte Sachbuch

Wolfgang Korn (Text)
Klaus Ensikat (Illustration)
Das Rätsel der Varusschlacht
Archäologen auf der Spur der verlorenen Legionen

Fackelträger Verlag, 2008

Varusschlacht
(c) 2008, Fackelträger Verlag Köln

Spurensuche
"Quintili Vare, legiones redde!“ – Quinctilius Varus, gib die Legionen zurück!“ Hat der römische Kaiser Augustus tatsächlich mit diesen Worten seiner Trauer über den Verlust der Legionen 17, 18 und 19 – und damit über den Tod von etwa 20.000 Menschen – Ausdruck verliehen?

Gewiss ist das nicht. Sicher aber ist, dass im Jahr 9 n. Chr. eine verheerende Schlacht in der norddeutschen Tiefebene östlich des Rheins zwischen Römern, angeführt von Varus, und Germanen, befehligt vom Cherusker Arminius (dessen römischer Name ins Deutsche mit "Hermann“ übersetzt wurde) stattfand, die mit ungeheuren Verlusten auf römischer Seite endete. Aber wo genau wurde die Schlacht ausgefochten? Dem Forscher liegt zweierlei Material vor: Funde in der Region wie etwa 1.500 römische Münzen und römische Quellen, in denen die Schlacht – eben aus römischer Sicht – erwähnt wird.

In Das Rätsel der Varusschlacht von Wolfgang Korn beginnt die Suche nach diesem Ort mit einer Darstellung der Untersuchungsmethoden der Wissenschaftsdisziplinen Geschichte und Archäologie. Der Erzähler, obgleich er mit einer Stimme spricht, lotet quasi dialogisch und stets sorgfältig und gründlich das Für und Wider der Argumentationsstränge für die unterschiedlichen örtlichen Zuweisungen der Schlacht aus (zur Varusschlacht gibt es ca. 700 Theorien). Der Leser wird somit selbst zum Forscher. Ob das nicht störend wirkt? Trotz völliger Abwesenheit Affekt heischender Thesen, erwartet den Leser eine packende, wissenschaftliche, chronologisch angelegte Spurensuche. Er erhält z. B. Einblick in den germanischen und römischen "Kriegeralltag“ sowie grundlegende strategische Überlegungen. Nebenbei erfährt er, dass "Thusnelda“ die Frau des Arminius‘ ist und dass ein Römer durch Helm, Kettenpanzer, Gürtel, Schild, Schwert, Dolch und Wurflanze ein zusätzliches Kampfgewicht von 30 kg tragen musste. Nicht also die Schlacht selbst wird hier "ausgeschlachtet“.

Wissen wird auch ästhetisch vermittelt durch die mit Ensikats typischem feinem Strich gezeichneten ansprechenden Illustrationen. Uniformen, Münzen, Kriegsschiffe, Landkarten, Gebäude u.v.m. nehmen so Gestalt an. In kleinen Infokästen werden z. B. Tacitus, das Hermanns-Denkmal, die Ausstattung Germanischer Kämpfer oder das Weltkulturerbe Limes erläutert. Lektüreempfehlungen am Ende des Buches ermöglichen einen weiteren Zugang zu dem Thema.

In überaus positiver Weise konkurrieren die beiden Themen dieses Sachbuches: Die Varusschlacht, aufgezeigt am Beispiel einer ausgewogenen methodischen Annäherung oder die Darstellung einer mitreißenden Untersuchungsmethode von Forschern am Beispiel der Varusschlacht. Die Faszination, die das Rätsel um den genauen Austragungsort der Varusschlacht seit jeher verströmt, hat unmerklich Raum gemacht für die Freude an der Spurensuche selbst.

Dieses 224 Seiten umfassende Sachbuch ist ein vom Verlag ausgewiesenes Beispiel für einen in diesem Falle sinnvoll gefüllten "All-age"-Literaturbegriff, mit der Altersangabe: "Ein Wissensbuch für Leser zwischen 10 und 100." (Linde Storm)

Montag, 12. Oktober 2009

nominiert: "Tote Maus für Papas Leben"

DJLP, Sparte Kinderbuch

Marjorlijn Hof
Tote Maus für Papas Leben
Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik
Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, 2008

Tote-Maus-fuer-Papas-Leben
(c) 2008, Bloomsbury Berlin

"Mein Vater war auf dem Weg in den Krieg. Die Tasche war schon gepackt, er musste sich nur noch verabschieden."

– Was für ein Anfang in einem Kinderbuch! Und weiter geht Tote Maus für Papas Leben in der Logik, die bestimmend ist für die Erzählung: "Eigentlich geht man in die verkehrte Richtung, wenn man in den Krieg geht. Man sollte ihm so fern wie möglich bleiben."

Es ist die Logik eines Mädchens, das vielleicht elf Jahre alt ist, Kiki heißt und die Geschichte erzählt. Kikis Vater zieht regelmäßig in Krisengebiete, um dort als Arzt zu helfen. Dieses Mal reist er in eine nicht näher benannte Gegend, in der Krieg herrscht, und wie jedes Mal warten seine Frau und seine Tochter zuhause sehnsüchtig auf seine Anrufe. Doch dieses Mal kommen irgendwann keine Anrufe mehr und die Daheimgebliebenen erfahren, dass der Vater verschwunden ist.

Kiki denkt über "verirrte Kugeln" nach, die ihren Vater treffen könnten. Da nützt es auch nichts, dass ihr die Erwachsenen klar machen wollen, dass es keine verirrten Kugeln gebe. Ihr Vater könnte auch an Gelbfieber erkranken oder an Malaria, das Flugzeug könnte abstürzen oder er mit dem Auto verunglücken. Kiki weiß, dass ihre Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind, dennoch tun die Erwachsenen ihre Sorgen ab und beschwichtigen, indem sie von Schutzimpfungen und ähnlichem sprechen. Und von Wahrscheinlichkeiten.
"Nun musste ich erst mal über Wahrscheinlichkeiten nachdenken, die man größer oder kleiner machen konnte.
Ich dachte an Johnnys Vater. Den einzigen toten Vater, den ich kannte. Ich kannte außerdem noch drei Kinder mit einer toten Katze, zwei Kinder mit einem toten Hund und ein Kind mit einer toten Maus.
[…] Ich kannte niemanden mit einem toten Hund und einem toten Vater. Ein toter Hund und ein toter Vater kamen so gut wie gar nicht vor. Meine Mutter würde so etwas eine kleine Wahrscheinlichkeit nennen. Noch unwahrscheinlicher war jemand mit einer toten Maus, einem toten Hund und einem toten Vater.

"Kann ich eine Maus haben?" fragte ich meine Mutter.
So beginnt Kiki damit, Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen zu wollen.

Mit Tote Maus für Papas Leben hat die niederländische Autorin Marjolijn Hof eine mutige Erzählung geschrieben. Über kindliche Ängste, Hoffnungen und Logik. Über Erwachsene, die denken, dass sie die Kinder beschützen müssen und dabei versuchen, ihre eigenen Ängste zu verbergen. Über die Frage, ob das Verhalten des Vaters selbslos oder egoistisch ist. Über ein starkes Mädchen, das mit Willenskraft und Einfallsreichtum auf das Leben reagiert. Kiki könnte die Schwester von Polleke sein, der bekannten Kinderbuchheldin von Guus Kuijer.

Tote Maus für Papas Leben gibt es mittlerweile auch als Hörbuch im Audio Verlag. Außerdem hat das Theaterhaus Frankfurt eine Inszenierung von Tote Maus für Papas Leben im Programm, welche auf beeindruckende Weise die schwierigen sowie die entlastenden Momente der Erzählung auf die Bühne bringt. Die Inszenierung endet mit einem tiefen Aufatmen, und die Erzählung mit dem Satz: "Sein Brustkorb hob und senkte sich langsam."

Hat eigentlich schon einmal jemand über die Kinder nachgedacht, deren Väter in Afghanistan sind? (Kirsten Waterstraat)

Sonntag, 11. Oktober 2009

nominiert: “Scherbenpark“

DJLP, Sparte Jugendbuch

Alina Bronsky
Scherbenpark
Kiepenheuer & Witsch, 2008

Scherbenpark
(c) 2008, Kiepenheuer & Witsch, Köln

Vorsicht, Scherben!
Der Debütroman Scherbenpark der jungen, in Frankfurt lebenden Autorin mit dem Pseudonym Alina Bronsky erzählt aus der Perspektive des siebzehnjährigen Mädchens Sascha, wie es ist in einem ghettoähnlichen Wohnviertel am Rande einer deutschen Großstadt zu leben.

Sascha, eine russische Migrantin, ist überdurchschnittlich intelligent, überdurchschnittlich schlagfertig und vor allem, so scheint es zunächst, überdurchschnittlich abgebrüht. Denn sie ist getrieben von mörderischen Rachegelüsten: Sie möchte Vadim töten, den ehemaligen Lebensgefährten und Mörder ihrer Mutter.
Sascha beschreibt darüber hinaus realitätsnah ein Milieu, das den meisten Menschen völlig unbekannt ist. Eine Art Parallelgesellschaft, in der man aufpassen muss wo man hintritt, denn inmitten der metaphorischen und realen Scherben kann man sich nur allzu leicht blutige Verletzungen zuziehen. Sascha ist jedoch zu eigensinnig, um vorsichtig zu sein. Sie setzt auf Konfrontation. Mit Vorliebe bricht sie die Regeln des Viertels, spielt lieber Schach und lernt, anstatt sich auf dem Spielplatz mit Gleichaltrigen zu betrinken. In einer klaren, schnörkellosen Sprache werden ihre Wut, ihre erzwungene Selbstständigkeit und die Unterschiede zwischen ihr und ihren wohlbehütet aufwachsenden Mitschülerinnen geschildert. Sascha gibt sich unverwundbar, doch für den aufmerksamen Leser ist ihre Verletzlichkeit und Melancholie deutlich spürbar, nicht nur zwischen den Zeilen.

Das erstaunliche an Scherbenpark ist außer dem mitreißenden Plot und dem Thema, das bisher eher selten Gegenstand der Jugendliteratur war, vor allem der Erzählstil. Denn dieser zeichnet sich, trotz der dramatischen Thematik, durch trockener Humor, Sarkasmus und scharfe Beobachtungsgabe aus. Die Autorin verzichtet außerdem auf Unterteilungen in Kapitel und vermittelt so das Gefühl, die junge Hauptfigur Sascha sitze dem Leser persönlich gegenüber und erzähle in einem rasenden und eigenwilligen Erzähltempo, das keine Unterbrechung duldet, ihre Geschichte. Man kann sich Sascha nicht entziehen und der spannende Roman lässt den Leser erst los, wenn er auf der letzten Seite angelangt ist.

Die Autorin Alina Bronsky, die im Alter von dreizehn Jahren mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland auswanderte, kennt das soziale Milieu, dem sie sich widmet, was erklärt, warum ihr Werk so glaubwürdig wirkt und sich nicht in gängigen Klischees verliert. Scherbenpark bekam nach seiner Veröffentlichung viel mediale Aufmerksamkeit und wurde u. a. in der Sendung “Lesen!“ von Elke Heidenreich und Campino, dem Sänger der "Toten Hosen“, wärmstens empfohlen. Ob dieser Roman den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Jugendbuch gewinnen wird, ist schwer einzuschätzen, aber eines steht fest: Scherbenpark ist ein außerordentlich gelungenes Debüt und macht die Jugendliteratur um eine starke weibliche Heldin reicher. Der Roman rüttelt auf, ohne bemüht Betroffenheit evozieren zu wollen und verdient daher eine große Leserschaft. (Anette John)

Samstag, 10. Oktober 2009

Nominiert: Rabenhaar

DJLP, Sparte Kinderbuch

Do van Ranst
Rabenhaar
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Mit Vignetten von Eva Schöffmann
Carlsen, 2008

Rabenhaar
(c) 2008, Carlsen Hamburg

Es ist das letzte große Spiel für Bram und seine Clique, bevor sich die Wege der 14-Jährigen trennen. Schon vieles haben sie gespielt, doch diesmal soll es etwas ganz Besonderes sein. Schließlich lassen sich alle auf Rabenhaars Vorschlag ein, eine Hochzeit zu feiern – mit Rabenhaar als Braut und Bram als Bräutigam.
Rabenhaar heißt eigentlich Fatima und kommt aus Marokko. Sie gehört noch nicht allzu lange zur Clique und kommt auch erst seit kurzem wieder zu den Treffen in einem alten Holzschuppen. Der Grund für Fatimas Verschwinden war das letzte Spiel der Clique: Ein Filmdreh, bei dem sich Rabenhaar und Bram am Ende küssen sollten. Doch genau bei diesem Kuss platzte Rabenhaars Vater herein. Wütend zerrte er seine Tochter an den Haaren heraus und beschimpfte sie als Hure. Für ein paar Wochen war Rabenhaar verschwunden. Sprachlos und verwirrt blieben Bram und seine Freunde zurück.

Der flämische Autor Do van Ranst hat eine Erzählung geschrieben, die die Problematik kultureller Unterschiede und von Zwangsverheiratungen auf besondere Weise erzählt ohne dabei anbiedernd oder belehrend zu wirken. „Wir mögen alle verrückt nach Rabenhaar sein, anfangs hatten wir Schwierigkeiten mit ihrer Anwesenheit. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir sie nett fanden. Oder besser gesagt: bis wir es zugaben.“ Auch Bram und seine Freunde haben zunächst Vorurteile gegenüber Fatimas Kopftuch, ihrem Bedürfnis, die Schuhe im Schuppen ausziehen zu müssen und ihrem scheuen Wesen, das „oft auch nur von innen lachte“. Doch bald schon gehört Fatima zur Clique. Ihren wunderschönen langen schwarzen Haaren verdankt sie den Namen Rabenhaar.
Erst während des jetzigen Spiels können die Freunde wieder über das Geschehnen sprechen und die Reaktion des Vaters einordnen. Nach und nach erzählt Rabenhaar von ihrer Familie, die streng gläubig ist. Sie erzählt von den Sünden, zu denen auch ein Kuss gehört, von ihren Schwestern, die mit 14 Jahren verheiratet wurden und der Tatsache, dass ihr vermutlich dasselbe droht. Und genau das ist der Grund, warum sie sich das letzte Spiel gewünscht hat. Sollte ihr Vater tatsächlich einen Mann für sie aussuchen, so möchte sie doch wenigstens einmal denjenigen geheiratet haben, in den sie wirklich verliebt ist.
Ernsthaft und sehr offen erzählt Rabenhaar, was es bedeutet unbefleckt zu sein, was es heißt verheiratet zu werden und ab wann ein Mädchen eine Frau ist. Für die Freunde ist es zunächst schwer, das alles zu verstehen: „Ich finde es so wenig normal, dass ich mich frage, ob wir dieses Gespräch überhaupt führen dürfen. Ich schaue mich um und sehe den Käscher, mit dem wir so hoffnungsvoll auf die Frösche gewartet haben. Ich sehe den Bollerwagen, mit dem wir Dutzende von erfundenen Bränden gelöscht haben.“

Es geht um Viel in Do van Ranst' ruhigem, aber wort- und bildstarken Buch. Es geht um das Erwachsenwerden, um Verliebt sein und Eifersucht, um Spiel und Ernst. Als Bram das Hochzeitskleid nicht sehen darf, wird ihm bewusst: „Das ist eben eine der Spielregeln, die man einhalten muss. Mein Körper tut fast weh dabei.“

Die Erzählung endet mit einem glücklichen Brautpaar und einem echten, „mega-sündhaften“ Kuss. Gleichzeitig lässt der Autor dem Leser die Hoffnung, dass Rabenhaar in Wirklichkeit vielleicht doch nicht verheiratet wird.

Auf dem Cover der belgischen Original-Ausgabe liegt ein Mädchen im Gras und schaut in den Himmel - ein ähnliches Motiv wäre auch für die deutsche Ausgabe wünschenswert gewesen. Das von Eva Schöffmann gestaltet Cover ist schön, passt aber nicht zum Inhalt des Buches, im Gegensatz zu den filigranen schwarz-weiß Vignetten im Innenteil, die den Text auf besondere Weise unterstreichen. Statt einer sensiblen Geschichte über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und kultureller Unterschiede verheißt das Cover viel eher ein Märchen bzw. ein Buch für sehr junge Leser.
2007 erhielt Do van Ranst für sein Jugendbuch Wir retten Leben, sagt mein Vater den Deutschen Jugendliteraturpreis. Wie vielfältig, niveauvoll und preisverdächtig der Autor schreiben kann, beweist er auch mit Rabenhaar. (Brigitte Paul)

Freitag, 9. Oktober 2009

Lesenswert: "The arrival"

Kommentar zur nominierten graphik novel Ein neues Land : http://juvenil.twoday.net/stories/5975600/#5984247

juvenil

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