Es war einmal ...
... eine Rezensentin, die stöberte in den Verlagsprospekten und entdeckte ein neues Buch: Mirjam Pressler stand auf dem Titel. Das machte sie neugierig. Denn die schönsten Prinzessinnenmärchen sollten in dem Buch versammelt sein. Doch manchmal erzählt schon das Buchcover selbst ein Märchen ...
Die Nennung von Mirjam Pressler an dieser exponierten Stelle scheint marktstrategische Gründe zu haben. Denn in welcher Funktion sie das Buch geschrieben hat, bleibt uneindeutig. So heißt es auf dem Buchrücken, Pressler habe Märchen nacherzählt, in der genauen Titelangabe wird sie allerdings als Übersetzerin aus dem Niederländischen geführt. Schaut man hier noch genauer hin, erfährt man, dass das vorliegende Buch unter dem Titel Er was eens een prinses [Es war einmal eine Prinzessin] in Belgien erschienen ist.
Nun gut, dann sind das wohl niederländische oder flämische (?) Märchen, - wie man weiter erfährt ausgewählt von Henri van Daele –, und dann eben übersetzt von Mirjam Pressler. Doch warum sollte Pressler Märchenfassungen des Dänen Andersen aus dem Niederländischen übersetzten? Und was ist mit den in der Titelei erwähnten Märchen der Gebrüder Grimm? Nun ja, die werden dann wohl eher nacherzählt worden sein, reimt man sich da so zusammen.

Völlig unklar bleibt auch, nach welcher Vorlage nacherzählt oder übersetzt wurde. Denn das Buch gibt keinerlei Hinweise dazu, und es enthält kein erläuterndes Vor- oder Nachwort. Selbst das Inhaltsverzeichnis nennt nur die Märchentitel!
Etwa, weil man glaubt, dass jeder weiß, dass z.B. Hans mein Igel ein Grimmsches Märchen und der Fliegende Koffer ein Märchen von Andersen ist? Oder weil man diese Zusatzinformationen für grundsätzlich überflüssig hält und eh keiner wissen will, von welchen "anderen" Märchensammlern oder -autoren hier noch Texte abgedruckt sind?
Aber warum taucht dann in der hier wiedergegebenen Version des Aschenputtels plötzlich Aschenputtels Tante auf? In der geläufigen Grimmschen Fassung und auch bei Bechsteins Version des Aschenbrödels kommt sie nicht vor. Das alles versteht man nur, wenn man die zeitlich viel früher entstandene Version von Perrault kennt, die in diesem Fall wahrscheinlich als Erzählgrundlage gedient hat.
Auch sollte die Frage erlaubt sein, nach welchen Kriterien die hier versammelten Märchen ausgewählt wurden. Denn in zahlreichen Texten spielen Prinzessinnen nur eine unbedeutende, kaum handlungstragende Rolle, ja in den Beispielen: Des Teufels rußiger Bruder, Der singende Knochen und Der Krautesel kommt überhaupt keine einzige Prinzessin vor!
Und die Prinzessinnen, die vorkommen, sind - im Gegensatz zu der Verlagsankündigung - nicht immer nur liebreizend, zart und rosarot. Manche wollen beispielsweise gar nicht verheiratet werden (Das kluge Schneiderlein, Die weiße Schlange), manche sind unsympathisch (Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein) andere gar böse (Die drei Schlangenblätter).
Eigentlich also Stoff für ein emanzipiertes, differenziertes und gar nicht klischeehaftes Prinzessinnenbild. Ein Potential, das im Rahmen dieses Buches aber nicht genutzt wird. Stattdessen wird der (Vor-)Leser auf diese Vielfalt nicht vorbereitet sein und ggf. erstaunt, erschrocken und geschockt, auf jeden Fall aber verwirrt zurückbleiben.
Wenn die Rezensentin also einen märchenhaften Wunsch frei hätte, dann wäre das der Wunsch nach größerer editorischer Sorgfalt, der Wunsch nach mehr Informationen für den Leser über Entstehungszusammenhänge, geschichtliche Hintergründe und über das zugrunde liegende Konzept dieses Buches. Denn nur damit kann man die wahrscheinlich aus verschiedensten Traditionen und Epochen kommenden und in Ton und Stil so ganz unterschiedlichen Volks-, Zauber-, Verwandlungs- und Kunstmärchen einordnen und zudem die von Pressler getätigte Nacherzählungs- bzw. Übersetzungsleistung angemessen würdigen.
Sonja Müller
Mirjam Pressler: Zauberkind. Die schönsten Prinzessinnenmärchen. Von den Gebrüdern Grimm, H. C. Andersen und anderen. Illustrationen: Thé Tjong-Khing. Ausgewählt von Henri van Daele. Bindlach: Loewe 2007. 208 Seiten. 16,90€.
(c) Abbildung: Loewe
Die Nennung von Mirjam Pressler an dieser exponierten Stelle scheint marktstrategische Gründe zu haben. Denn in welcher Funktion sie das Buch geschrieben hat, bleibt uneindeutig. So heißt es auf dem Buchrücken, Pressler habe Märchen nacherzählt, in der genauen Titelangabe wird sie allerdings als Übersetzerin aus dem Niederländischen geführt. Schaut man hier noch genauer hin, erfährt man, dass das vorliegende Buch unter dem Titel Er was eens een prinses [Es war einmal eine Prinzessin] in Belgien erschienen ist.
Nun gut, dann sind das wohl niederländische oder flämische (?) Märchen, - wie man weiter erfährt ausgewählt von Henri van Daele –, und dann eben übersetzt von Mirjam Pressler. Doch warum sollte Pressler Märchenfassungen des Dänen Andersen aus dem Niederländischen übersetzten? Und was ist mit den in der Titelei erwähnten Märchen der Gebrüder Grimm? Nun ja, die werden dann wohl eher nacherzählt worden sein, reimt man sich da so zusammen.

Völlig unklar bleibt auch, nach welcher Vorlage nacherzählt oder übersetzt wurde. Denn das Buch gibt keinerlei Hinweise dazu, und es enthält kein erläuterndes Vor- oder Nachwort. Selbst das Inhaltsverzeichnis nennt nur die Märchentitel!
Etwa, weil man glaubt, dass jeder weiß, dass z.B. Hans mein Igel ein Grimmsches Märchen und der Fliegende Koffer ein Märchen von Andersen ist? Oder weil man diese Zusatzinformationen für grundsätzlich überflüssig hält und eh keiner wissen will, von welchen "anderen" Märchensammlern oder -autoren hier noch Texte abgedruckt sind?
Aber warum taucht dann in der hier wiedergegebenen Version des Aschenputtels plötzlich Aschenputtels Tante auf? In der geläufigen Grimmschen Fassung und auch bei Bechsteins Version des Aschenbrödels kommt sie nicht vor. Das alles versteht man nur, wenn man die zeitlich viel früher entstandene Version von Perrault kennt, die in diesem Fall wahrscheinlich als Erzählgrundlage gedient hat.
Auch sollte die Frage erlaubt sein, nach welchen Kriterien die hier versammelten Märchen ausgewählt wurden. Denn in zahlreichen Texten spielen Prinzessinnen nur eine unbedeutende, kaum handlungstragende Rolle, ja in den Beispielen: Des Teufels rußiger Bruder, Der singende Knochen und Der Krautesel kommt überhaupt keine einzige Prinzessin vor!
Und die Prinzessinnen, die vorkommen, sind - im Gegensatz zu der Verlagsankündigung - nicht immer nur liebreizend, zart und rosarot. Manche wollen beispielsweise gar nicht verheiratet werden (Das kluge Schneiderlein, Die weiße Schlange), manche sind unsympathisch (Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein) andere gar böse (Die drei Schlangenblätter).
Eigentlich also Stoff für ein emanzipiertes, differenziertes und gar nicht klischeehaftes Prinzessinnenbild. Ein Potential, das im Rahmen dieses Buches aber nicht genutzt wird. Stattdessen wird der (Vor-)Leser auf diese Vielfalt nicht vorbereitet sein und ggf. erstaunt, erschrocken und geschockt, auf jeden Fall aber verwirrt zurückbleiben.
Wenn die Rezensentin also einen märchenhaften Wunsch frei hätte, dann wäre das der Wunsch nach größerer editorischer Sorgfalt, der Wunsch nach mehr Informationen für den Leser über Entstehungszusammenhänge, geschichtliche Hintergründe und über das zugrunde liegende Konzept dieses Buches. Denn nur damit kann man die wahrscheinlich aus verschiedensten Traditionen und Epochen kommenden und in Ton und Stil so ganz unterschiedlichen Volks-, Zauber-, Verwandlungs- und Kunstmärchen einordnen und zudem die von Pressler getätigte Nacherzählungs- bzw. Übersetzungsleistung angemessen würdigen.
Sonja Müller
Mirjam Pressler: Zauberkind. Die schönsten Prinzessinnenmärchen. Von den Gebrüdern Grimm, H. C. Andersen und anderen. Illustrationen: Thé Tjong-Khing. Ausgewählt von Henri van Daele. Bindlach: Loewe 2007. 208 Seiten. 16,90€.
(c) Abbildung: Loewe
juvenil.beitrag - 30. Nov, 14:10