Ausstellungen

Samstag, 28. August 2010

Orange Revolution

Anlässlich des 80. Geburtstags würdigt das Bilderbuchmuseum Troisdorf mit einer Ausstellung das verlegerische Werk Hans-Joachim Gelbergs.
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Gelberg
Hans-Joachim Gelberg, (c) Alexa Gelberg

Mittwoch, 26. Mai 2010

Zum blauen Dreieck

In Ravensburg feierten am Wochenende über 1.000 Besucher die Eröffnung des neuen "Museum Ravensburger"

Das Konzept des Museums rund um die Geschichte des Unternehmens sowie dessen Produkte lautet "Interaktivität", die Besucher sollen Anfassen dürfen und Mitmachen können. Die Ausstellung auf rund 1000 m² Gesamtfläche zieht sich über drei Stockwerke. [weiter ...]

Dienstag, 15. Dezember 2009

Erinnerung an eine unvergessliche Vernissage mit dem Herrn Janosch

Und das schlimmste Interview im Leben des Roberto Cappelluti

Armer Roberto Cappelluti. Der sympathische hr-Moderator, den man aus Fernsehsendungen wie Strassen Stars oder Late Lounge kennt, hatte die anspruchsvolle Aufgabe, die Eröffnungs-veranstaltung der Ausstellung Janosch: Grafiken und Aquarelle im Museum für Kommunikation Frankfurt am Main zu moderieren.

Janosch-Des-Kuenstlers-wahres-GesichtDie Hauptperson des Abends, der Künstler Janosch (Herr Janosch, wie dieser insistierte), ist berüchtigt. Der einsiedlerische Autor und Maler gilt als öffentlichkeits- und medienscheu und als ein schwieriger Interviewpartner, der gerne einmal Unsinn erzählt. Roberto Cappelluti hingegen erwartete anscheinend einen mitteilungsfreudigen, medienerfahrenen Künstler, der bereitwillig auf mehr oder weniger phantasievolle Fragen eingeht. Sonst hätte er sich bestimmt besser auf das Gespräch vorbereitet.

Kuratorin Jacqueline Wood-Marks (von der Galerie am Dom) gab sich Mühe, auf die größtenteils sehr allgemein gehaltenen Fragen des Moderators einzugehen (Cappelluti: „Wie macht man eine solche Ausstellung, wie läuft das ab?“ Wood-Marks: „Nun ja, man sucht die Bilder aus, rahmt sie ein und … hängt sie auf.“). Herr Janosch hingegen hatte dazu keine Lust und so waren seine Antworten meist trocken-ironische Kommentare, Nonsens oder schmunzelndes Schweigen.

Immer wieder ließ er den ahnungslosen Cappelluti ins Leere laufen (Cappelluti: „In der Ausstellung sind ja auch einige Bilder mit Weihnachtsmotiven zu sehen … “ Janosch: „Ich hasse Weihnachten.“), schaffte es aber mit seiner lausbubenhaften Art, dabei keineswegs bösartig zu wirken. Zunehmend verzweifelte der Moderator (Janosch: „Sie sind nervös, ne?“).

Janosch-Mein-Gott-wie-ist-das-LebenCappelluti schwenkte wieder auf die Kuratorin um und fragte sie nach ihrem Lieblingsbild in der Ausstellung. Das Aquarell „Mein Gott, wie ist das Leben schön“ gefiele ihr besonders, sagte sie. Sie sehe es als Darstellung von Lebensfreude und empfinde es als ermutigend. Prompt widersprach Janosch, er wolle damit eben diesen tragischen Selbstbetrug der Menschen zeigen und blamierte so die Kuratorin mit einer entlarvten Fehlinterpretation.

Janosch: Mein Gott wie ist das Leben schön! Aquarell auf Bütten (c) Janosch

Nachdem sämtliche Ansätze eines sinnvollen Interviews im Keim erstickt worden waren, ließ der Moderator schließlich Janosch selbst die Interviewfragen ersinnen – es blieb aber bei einem Versuch:

Cappelluti: „Welche Frage hätte Ihnen schon immer mal jemand stellen sollen?“
Janosch: „Warum mir alle Frauen davon laufen. “
Cappelluti: „Warum laufen Ihnen denn alle Frauen davon?“
Janosch: „Weiß ich doch nicht, müssen Sie die Frauen fragen.“

Die Stimmung im Saal schwankte zwischen Amüsement über die schlagfertigen Äußerungen Janoschs und Mitleid mit Moderator und Kuratorin, gemischt mit einer Prise Fremdschämen ob der schlechten Vorbereitung. Letztendlich kapitulierte Cappelluti: „Wenn ich jetzt sage, dass das das schlimmste Interview meines Lebens ist, freut Sie das bestimmt? – Das ist das schlimmste Interview meines Lebens.“. (Anne Siebeck)

Janosch: Grafiken und Aquarelle - Flyer

Freitag, 11. Dezember 2009

Janosch im Museum

Zwischen Idylle und Frivolität

Seit dem 12. November läuft im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main die Ausstellung "Janosch. Grafiken und Aquarelle". Bis zum 31. Januar 2010 können über 100 thematisch angeordnete Farbradierungen und Aquarelle des Künstlers bestaunt werden. Die Bilder wurden von der Galerie am Dom zusammengestellt und der geneigte Besucher kann Kunstdrucke und gerahmte Originale für bis zu 4.000 Euro erwerben (die Rahmen seien sowieso das Teuerste, betonte der Maler augenzwinkernd bei der Vernissage). Anstelle des Janosch-Kalenders vom Discounter können Eltern aus dem Bildungsbürgertum nun ein Unikat ins Kinderzimmer hängen. Auch eine limitierte, mehr oder weniger originelle Frankfurt-Grafik von Janosch wird zum Verkauf angeboten, die der Künstler eigens für diese Ausstellung schuf – man wird das Gefühl nicht los, dass da jemand dringend Geld braucht.

Janosch-Des-Kuenstlers-wahres-Gesicht
Janosch: Des Künstlers wahres Gesicht (Farbradierung)
(c) Janosch /
Galerie am Dom Frankfurt am Main

In der Ausstellung sind einerseits die typischen Postkartenmotive Janoschs zu sehen, die man aus Geschenkläden kennt, andererseits aber auch das freie Schaffen des Malers, in dem sich auch Frivoles und Kritisches findet. So stehen etwa kirchenkritische Bilder scheinbar harmonischen Weihnachtsmotiven mit Tiger, Bär & Co gegenüber. Aquarelle mit surrealen Motiven wie „Der Vogel Walter betrachtet seine Frau Luise“ dürften so manchen Betrachter überraschen, der bisher nur mit dem „Tigerenten-Janosch“ vertraut war. Diese Konfrontation des „Erwachsenen“-Janoschs mit dem „Janosch für Kinder“ macht den Reiz der Ausstellung aus.

Kurz gesagt: Hingehen, Vertrautes, Neues und Unverschämtes entdecken, schmunzeln, und danach bei einer heißen Schokolade unter der Glaskuppel des Museumscafés darüber diskutieren, ob man nun schlau aus diesem Janosch wird. (Anne Siebeck)


Janosch: Grafiken und Aquarelle
bis 31. Januar 2010
Museum für Kommunikation Frankfurt, in Kooperation mit der Galerie am Dom
Schaumainkai 53 (Museumsufer)
Eintritt: 6-16 Jahre 1 EUR, ab 16 Jahren 2,50 EUR
Öffnungszeiten: Di - Fr 9 - 18 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertage 11 - 19 Uhr
An allen Feiertagen geöffnet, außer am 24., 25., 31.12. und 01.01.
Weitere Informationen siehe Webseite des Museums

Donnerstag, 17. September 2009

Hinein in den Struwwelpeter

Die Macher der Ausstellung Struwwelpeters Nachfahren. Starke Kinder im Bilderbuch der Gegenwart haben sich Gedanken darüber gemacht, wie man Bücher ausstellen kann und präsentieren ein überzeugendes Ergebnis.

Sind Bilderbücher mit farbenfrohen Illustrationen im Vergleich zu bloßen "Bleiwüsten" schon dankbare Ausstellungsstücke, so ist es doch immer eine schwierige Aufgabe, Bücher ansprechend zu präsentieren. Der Kuratorin Linde Storm (Institut für Jugend-buchforschung, Frankfurt am Main) und den Designern Sebastian Herkner, Reinhard Dienes, Daniel Weitenauer und Kai Linke (Hochschule für Gestaltung, Offenbach) sowie dem Team der Deutschen Nationalbibliothek ist dies gelungen.

Struwwelpeters-Nachfahren-1

Als Besucher betritt man nicht einfach einen Ausstellungsraum, sondern geht mitten hinein in den Struwwelpeter: in den Vorgarten, in dem der Hase auf den Jäger schießt, ins Haus, wo Philipp am Esszimmertisch zappelt, Kaspars Suppe in der Küche vor sich hin kocht und Peter sich im Badezimmer nicht kämmen will.

Die Bilderbücher mit den Nachfahren des Struwwelpeters befinden sich also gewissermaßen in den Geschichten des Struwwelpeter-Buches. So können die Nachfahren gleich mit ihren Vorfahren verglichen werden und wer sich nicht mehr ganz sicher ist, kann sein Wissen in Sachen Struwwelpeter wieder aktualisieren. In jeder "Abteilung" wird die Originalgeschichte auf einem Bildschirm gezeigt, der sich einmal im Suppentopf, ein andermal in einem Fernrohr versteckt. Die Ausstellung ist gegliedert nach den Nachfahren der einzelnen Figuren, zum Beispiel den Nachfahren des Paulinchens oder der Tintenbuben.

In der Ecke, in der der "bitterböse Friederich" wütet, kann der Besucher sich ebenfalls austoben und Stühle durch die Ausstellung schmeißen, - aber keine Angst, diese sind aus Schaumstoff. Und von der Empore aus kann man gemeinsam mit Hanns Guck-in-die-Luft dem Fliegenden Robert hinterher schauen.

Es sind die vielen großen und kleinen Details, die zeigen, dass die Ausstellungsmacher den Bilderbüchern nicht nur einen schönen Rahmen gewähren wollten, sondern sich intensiv mit dem Struwwelpeter auseinander gesetzt haben und die Geschichten nicht nur inszenieren, sondern auch interpretieren.

Einziger Minuspunkt: Die Ausstellung ist so ansprechend, schön und ungewöhnlich, dass das Wichtigste - die Bilderbücher! – fast ein wenig in den Hintergrund geraten. Positiv formuliert kann aber auch gesagt werden, dass es sich im Grunde genommen um zwei Ausstellungen handelt: Zum einen die begehbaren Struwwelpeter-Geschichten, zum anderen die Nachfahren des Struwwelpeters. Damit letztere auch auf juvenil nicht zu kurz kommen, folgt hier in Kürze eine Betrachtung der ausgestellten Bilderbücher. (kw)

Nachfahren-2

Struwwelpeters-Nachfahren-3

(c) Fotos: Linde Storm

Weitere Informationen zur Ausstellung hier.

Dienstag, 8. September 2009

Struwwelpeters Nachfahren

Starke Kinder im Bilderbuch der Gegenwart
Ausstellung - verlängert! - bis zum 31. Oktober 2009
in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main

Struwwelpeters-Nachfahren1
Antje Damm: Räuberkinder
(c) 2008 Gerstenberg Verlag, Hildesheim.
Gestaltung: Hochschule für Gestaltung,
Offenbach am Main

Die Deutsche Nationalbibliothek lädt in Kooperation mit dem Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main dazu ein, die Kinderwelten im Bilderbuch der Gegenwart zu durchstreifen. Sie beziehen sich in ganz unterschiedlicher Weise auf den Struwwelpeter als den Urtext des modernen Bilderbuchs.
Keckheit, Aufmüpfigkeit, Stärke und Mut haben die Helden dieser Bücher mit ihren Vorfahren aus der Feder Heinrich Hoffmanns gemeinsam. Denn viele Bilderbücher der Gegenwart lassen sich als verdeckte Antworten auf den Struwwelpeter lesen – ganz unabhängig davon, ob die Autoren und Illustratoren eine solche Auseinandersetzung bewusst beabsichtigt haben. Allerdings ergeht es den kindlichen Nachfahren der Struwwelpeter-Figuren heute merklich besser: Sie müssen nicht mit dem Daumen oder gar dem Leben bezahlen.

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag 10-20 Uhr
Freitag 10-18 Uhr
Samstag 10-17 Uhr
Sonn- und Feiertage geschlossen
Eintritt frei
www.d-nb.de

Zur Ausstellung ist ein Begleitbuch erschienen.

Montag, 11. Februar 2008

AUSSTELLUNG

"Comics made in Germany. 60 Jahre Comics aus Deutschland"

Comic und Deutschland? Comics aus Deutschland? Für all diejenigen, die ein relativ comicfernes Leben führen, passen diese beiden Begriffe nicht auf Anhieb zusammen. Da wundert es nicht, dass die Ausstellung über deutsche Comics mit einem englischsprachigen Titel daherkommt. Assoziieren Viele doch USA mit dem Comic, Frankreich und Belgien oder in jüngster Zeit auch Japan – aber eben nicht Deutschland.

Fix und Foxi
Rolf Kauka: Fix und Foxi (1967) © Rolf Kauka 1953/2000 & Promedia, Inc. 2001/2008.

Ist man hingegen mit Comics aufgewachsen und hat sich auch als Erwachsener nicht von den bunten Heften abgewandt, dann beginnt bei diesem Ausstellungstitel ganz sicher das Gehirn zu rattern und nach den eindrücklichsten Vertretern dieser Gattung zu suchen. Je nachdem welcher Generation man angehört, dürften einem die unterschiedlichsten Helden einfallen: zum Beispiel Lupo, Fix und Foxi (von Rolf Kauka) oder das kleine Arschloch (von Walter Moers). Roland Kaehlbrandt von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, die die Ausstellung unterstützt, erinnert sich außerdem an Lurchi, den Salamander der gleichnamigen Schuhmarke. Als Marketingprodukt steht Lurchi in der Ausstellung leider kein Platz zu, ansonsten finden sich aber alle deutschen Comic-Helden, die Rang und Namen haben in den Ausstellungsvitrinen wieder.

Die Comic-Fernen können sich in der Ausstellung einen guten Überblick über 60 Jahre deutschen Comic verschaffen, die Comic-Affinen werden viele alte und neue Bekannte treffen und – je nach Alter – in Erinnerungen schwelgen. In jedem Fall aber sollte man die Ausstellung "Comics made in Germany" in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt nicht verpassen. denn so eine Möglichkeit bietet sich nur selten. Im Übrigen handelt es sich um eine Ausstellung, die auch Kinder und besonders Jugendliche nicht langweilen wird.

Dank der Zusammenarbeit von Deutscher Nationalbibliothek und Institut für Jugendbuchforschung der Frankfurter Universität wurde eine repräsentative Comic-Auswahl getroffen und werden Hefte und Bücher gezeigt, die sonst in dunklen Archiven vor sich hin schlummern. Die gelungene Auswahl, die sicher nicht einfach gewesen sein dürfte – "welche Reihe, welcher Band, welche Seite? oder doch das Cover?" – ist v.a. einem zu verdanken: dem deutschen Comic-Fachmann und Kurator der Ausstellung Dr. Bernd Dolle-Weinkauff vom Institut für Jugendbuchforschung. Er betreut auch die umfangreiche Comic-Sammlung des Instituts, die in Deutschland ihresgleichen suchen dürfte. Superhasi
Mawil: Das große Supa-Hasi Album (2005) © Reprodukt, Berlin

Äußerst gelungen ist auch die Präsentation der Exponate. Als Betrachter läuft man gewissermaßen durch einen Comic-Strip: Die einzelnen Sequenzen präsentieren jeweils einen Zeitraum mit seinen charakteristischen Strömungen, Sprechblasen erläutern die Exponate und Comic-Helden begegnen einem in voller Größe. So bahnt der Besucher sich einen Weg durch die Welt des deutschen Comic: Von Detektiv Nick Knatterton aus den 50er Jahren über die Ottifanten der 80er bis hin zu Berliner Comic-Reportagen des 21. Jahrhunderts. Als "Gimmick" haben die Ausstellungsmacher der Humorhauptstadt Frankfurt eine gesonderte Sequenz geweiht. Mit ihren Verlagen (z.B. Eichborn) und Zeitschriften (z.B. Titanic) und vor allem den Künstlern der Neuen Frankfurter Schule hat die Stadt zur Entwicklung dieser Kunst beigetragen und gezeigt: auch Deutschland hat Humor.

Und dank der Ausstellung "Made in Germany" wissen nun auch diejenigen, die bislang noch dachten, dass alle Comics aus Donald Ducks Heimat stammen, dass es auch in Deutschland eine spannende Comickultur gibt. (kw)

* * *
bis 24. Mai 2008
Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main, Adickesallee 1
Die Ausstellung befindet sich im Foyer des Gebäudes und ist während der normalen Öffnungszeiten zugänglich. Der Eintritt ist frei.
Mo-Do 10-20 Uhr, Fr 10-18 Uhr, Sa 10-17 Uhr

Begleitbuch zur Ausstellung:
Comics made in Germany. 60 Jahre Comics aus Deutschland.
Hg. v. der Gesellschaft für das Buch e.V. Wiesbaden: Harrassowitz 2008. - 142 S. mit zahlr. Abbildungen ISBN 978-447-05690-8. Das Begleitbuch ist zum Preis von 12,-- € in der Ausstellung erhältlich (im Buchhandel: 14,-- €)

Weiterführende Informationen im Netz:
60 Jahre Comics aus Deutschland. Über den Gegenstand der Ausstellung. Von Bernd Dolle-Weinkauff.

Irrweg nach Bonnahalla. Fix und Foxi statt Micky Maus, Tips und Taps statt Tarzan: Deutsche Comics gewannen über Jahre eine riesige Fangemeinde. Nur als der Erfolgsproduzent Rolf Kauka die drolligen Gallier Asterix und Obelix zu wackeren Germanen umtrimmen wollte, war Schluss mit lustig. Artikel von Bernd Dolle-Weinkauff auf "einestages" mit Bildergalerie.

Vom Kuriositätenkabinett zur wissenschaftlichen Sammlung. Das Comic-Archiv des Instituts für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Von Bernd Dolle-Weinkauff.

Montag, 28. Mai 2007

Kind sein dürfen

Ausstellung im Städel: Die Entdeckung der Kindheit. Das englische Kinderportrait und seine europäische Nachfolge

So wie die Kinderliteratur in der Aufklärung „entdeckt“ wurde, so begannen im 18. Jahrhundert auch die Maler sich mit Kindheit auseinander zu setzen und fertigten Portraits von Kindern an. Inspiriert von den neuen Ideen John Lockes und Jean-Jacques Rousseaus machten sie sich auf die Suche nach dem, was Kinder sind und malten sie nicht mehr als kleine Erwachsene, sondern als Kinder, die Kind sein dürfen.

"Die Natur will, dass Kinder Kinder sind, bevor sie Erwachsene werden." (Rousseau: Emile oder über die Erziehung)

Die Gemälde der Ausstellung im Städel zeigen deutlich diesen neuen Blick auf die Kindheit und spiegeln die Erziehungs-Auffassungen des 18. Jahrhundert. Die Kindheit wird nun als eine eigenständige und im Hinblick auf die Entwicklung des Menschen wichtige Lebensphase gesehen. So werden die Kinder auf den Bildern ihrem Alter gemäß dargestellt, mit entsprechenden Regungen, Bewegungen und Beschäftigungen.

William Beechey Die OddieKinder 1789 copyright Staedel

Nach dem Motto Rousseaus: Zurück zur Natur, werden nahezu alle Kinder in der Natur dargestellt. Diese galt als der perfekte Lebens- und Entwicklungsraum für Kinder, in dem sie ungezwungen spielen, sich bewegen und gesund leben konnten. Spiel und Bewegung waren zu wichtigen Elementen moderner Erziehung geworden. Und so finden sich auf den Bildern zahlreiche Spielgeräte wie Drachen, Reifen, Kricket-Schläger und Spielkarten. Das Spiel in der freien Natur erforderte natürlich Bewegungsfreiheit und auf den Gemälden ist gut nachvollziehbar wie sich die Kleidung für Kinder entwickelt: Von den gleichen Kleidungsstücken Erwachsene sie trugen – Uniform, Reifrock, Korsett und Perücke – hin zu bequemen Kleidern aus fließenden Stoffen. Offene Krägen, heruntergerutschte Socken und auf dem Boden liegende Hüte zeigen, dass die Bedürfnisse der Kinder wichtiger sind als ein perfektes Äußeres. Die vielen Tiere, die die Gemeinschaft der Kinder auf den Bildern teilen, stellen keine Allegorien oder fremde Wesen mehr dar, sondern werden zu zahmen Partnern der Kinder.

Henry Raeburn Boy and Rabbit copyright StädelSo modern die neue Sicht auf das Kind ist, so konventionell sind weiterhin die Rollen unter den Geschwistern verteilt. Immer nimmt der älteste Sohn – der Erstgeborene und Stammhalter der Familie – eine hervorragende Position ein, die auf seine Stellung verweist. So blickt er zum Beispiel auf vielen Bildern in die Ferne resp. Zukunft, während die Mädchen in heimeligeren Posen verweilen. Sie schmusen zärtlich mit ihren jüngeren Geschwistern, passen auf diese auf, und nehmen so bereits die Rolle ein, die sie später als Mutter inne haben werden. So wird die Kindheit zwar als Ort dargestellt, an dem die Kinder frei und sorglos ihre Zeit verbringen dürfen – dass diese aber begrenzt ist und eine Zukunft als Erwachsene auf die Kinder wartet verschweigen die wenigsten Bilder. Auch dass diese Art von Kindheit ein Privileg ist, wird nur auf einem Gemälde deutlich: „Bildnis der Kinder von Sir Francis Ford, die einem Bettler ein Almosen geben“ (um 1793) von William Beechey. Alle Portraitierten sind die Kinder von Adligen oder reichen Bürgern.

Der Besuch dieser Ausstellung lohnt sich auch oder gerade als Illustration moderner Pädagogik und visuelle Ergänzung zur Kinder- und Jugendliteratur dieser Zeit. (kw)

„Die Entdeckung der Kindheit“ ist noch bis zum 15. Juli im Städel zu besichtigen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen sowie eine Einführung für Schülerinnen und Schüler. Weitere Informationen: www.staedel.de

Abbildungen
oben: William Beechey: Die Oddie-Kinder (1789), Städel Frankfurt/M
unten: Henry Raeburn: Henry Raeburn Inglis (Boy and Rabiit) (1814), Städel Frankfurt/M

juvenil

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