Astrid Lindgren

Montag, 26. November 2007

*100 Jahre Astrid Lindgren*

Astrid Lindgren im WorldWideWeb
- Tipps von juvenil


Texte von Astrid Lindgren:
Astrid Lindgren: Niemals Gewalt. Vollständiger Text der Rede Astrid Lindgrens anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 22. Oktober 1978 in Frankfurt/Main. (www.oetinger.de)
Astrid Lindgren: Der Räuber Assar Bubbla. "Eine vergriffene Geschichte über den Raub einer Aktentasche: Warum es um ein Haar kein Buch über Pippi Langstrumpf gegeben hätte." (www.zeit.de)

Lindgren-Seiten:
www.astrid-lindgren.de Die Lindgren-Seite von Oetinger.
www.efraimstochter.de Private Fan-Seite mit viel Wissenswertem.

So feiert Schweden:
www.astridlindgren2007.se
www.jubileum.vimmerby.se
www.alv.se
Alle Seiten sind auch auf deutsch abrufbar.

Sonstiges:
Warum einige Namen und Formulierungen in Lindgren-Klassikern geändert wurden.
Auf diese Frage antwortet die Oetinger-Verlegerin Silke Weitendorf in einem Brief an die Leser.
Astrid Lindgren-Datenbank der Hochschule für Angewandte Wissenschafen Hamburg. Mit sämtlichen Werken und Sekundärliteratur.
Bart Moeyaert: "Tief innen komme ich eigentlich aus Schweden" (Buch und Maus, Heft 3/2007)
Astrid-Lindgren-Quiz von Spiegel online.

Dienstag, 20. November 2007

*100 Jahre Astrid Lindgren*

Hälsningar från Vimmerby
[dt. Grüße aus Vimmerby]

„Und dort hinten ... genau hier befand sich einmal die Eingangstür. Wenn Sie einmal schauen möchten.“ Lächelnd bittet die junge Frau zehn Erwachsene und zwei Jugendliche sich nach der ehemaligen Eingangstür umzusehen. Im Gänsemarsch laufen alle brav eine Runde um den gemütlichen Kachelofen und schauen auf die noch vorhandenen Umrisse der ehemaligen Tür. So, so ... Weiter geht es in den Schlafraum. Hier in dem großen Bett schlief Samuel August – Astrid Lindgrens Vater.
Wir befinden uns in dem Haus, in dem Astrid Anna Emilia Ericsson am 14. November 1907 als zweites von vier Kindern auf die Welt kam. Das kleine rote Haus gehörte zum Pfarrhof Näs, am Rand der südschwedischen Stadt Vimmerby.

Astrid Lindgrens Geburtshaus
Astrid Lindgrens Geburtshaus (Foto: bp)

Erst im Juni wurde das neue Dokumentationszentrum „Astrid Lindgrens Näs“ von Kronprinzessin Viktoria von Schweden eingeweiht. Noch sieht es auf den ersten Blick ein bisschen leer und verlassen aus. Auf dem großen Parkplatz stehen nur wenige Autos, es herrscht kein Trubel. Der Eintrittspreis ist erschreckend hoch – für Familien ein teures Vergnügen.

Ein kleines Mädchen steht gebannt vor einer meterhohen großen Kiste, in der ein Troll wütet. Die Kiste knarrt und rumpelt, aber der Troll kann nicht ausbrechen, denn die Kiste ist mit schweren Eisenketten gesichert. Zum Glück ... Trotzdem läuft das Mädchen lieber zurück zu seiner Mutter, die gerade den Kinderwagen durch den „Büchertunnel“ schiebt.
Im so genannten Pavillion, dem Herzstück von Näs, wird das Leben von Astrid Lindgren dokumentiert. Dazu gehören die Geborgenheit und Freiheit der jungen Astrid auf Näs, die Schwierigkeiten der allein stehenden Mutter Astrid, die Anfänge von Pippi, die Arbeit der Redakteurin und Schriftstellerin Astrid Lindgren, die zahlreichen Übersetzungen ihrer Bücher, die vielen Preise und der lebenslange Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung von Kindern. Die Ausstellung verschafft dem Besucher einen interessanten Überblick über das Leben und Schaffen der Künstlerin und macht begreiflich, was für ein Mensch Astrid Lindgren war.
Bestechend schön und rührend sind die Modelle von Oscar Nilsson, die einschneidende Szenen aus dem Leben Astrid Lindgrens darstellen. Wir sehen Astrid Lindgren, wie sie als alte Frau auf dem Balken eines Heubodens balanciert. Ergreifend ist auch jene Astrid Lindgren, die am Ende der Ausstellung als kleine, alte Frau mit geschlossenen Augen in einem scheinbar zu großen Lesesessel sitzt.
Die Ausstellung wird bestimmt durch sehr viel Text, schwedischen Text. Übersetzungen ins Englische und Deutsche gibt es nicht. Beschreibungen zu ausgewählten Bildern und Lebensabschnitten kann man an der Kasse erfragen. Das ist schade, und passt so gar nicht zum Titel der Ausstellung „Astrid Lindgren für die ganze Welt“.

Während wir uns nun in den dritten und leider letzten Raum des Geburtshauses drängeln, erzählt uns die Führerin von Astrids Kindheit auf dem Gut. Von den phantasievollen Spielen, die sich Astrid und ihre Geschwister ausgedacht haben, weil sie nur wenig Spielzeug hatten. Und von der toleranten Mutter Hanna, die niemals mit den Kindern schimpfte, auch wenn sie noch so verschmutzt oder mit zerrissenen Hosen nach Hause kamen.
Das Geburtshaus, versteckt hinter großen Bäumen, verzaubert die Besucher. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass Astrid Lindgren hier glücklich war. Und dass sie hier Ideen für ihre Geschichten sammelte.
Die Führung ist zu Ende und wir werden direkt auf die Scheune gelenkt, die sich in unmittelbarer Nähe befindet. Hier verkaufen die Angehörigen Lindgrens Bücher in allen Sprachen. Im oberen Teil der Scheune gibt es eine Ausstellung zum Leben der Geschwister. Vielleicht liegt es am Aufwachsen auf Näs, vielleicht aber auch einfach an der Popularität ihrer Schwester, denn sowohl Ingegerd als auch Stina und Gunnar haben ein vielfältiges und interessantes Leben gehabt, über das es sich zu berichten lohnt.

Im vierten Ausstellungsgebäude wird gerade die aktuelle Ausstellung „Näs vor hundert Jahren“ gezeigt. Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf Pippis Limonadenbaum, den es hier wirklich gibt, verlassen wir Näs und machen uns auf den Weg ins Zentrum von Vimmerby.

In Vimmerby wird – wie überall in Schweden – Astrid Lindgren gefeiert. Die Buchhandlung vor dem Rathaus hat das gesamte Schaufenster mit Lindgrens Büchern geschmückt.

Schaufenster in Vimmerby 2

Schaufenster in Vimmerby 1
Astrid und Pippi prägen das Stadtbild von Vimmerby (Fotos: bp)


Passend dazu steht mitten auf dem Platz ein Denkmal, das Astrid Lindgren in ihrem Schreibzimmer an der Schreibmaschine zeigt. Ein zweiter, leerer Stuhl steht einladend direkt am Tisch. Die Sonne scheint und der Tag ist noch lang ... was läge also näher als sich dieser großartigen Schriftstellerin gegenüberzusetzen und ihr beim Geschichtenschreiben zuzuschauen. (bp)

Astrid Lindgren-Denkmal in Vimmerby













Astrid Lindgren an ihrem Schreibtisch mitten in Vimmerby (Foto: bp)

Mehr Infos unter www.astridlindgrensnas.se

Freitag, 16. November 2007

*100 Jahre Astrid Lindgren*

"Auf nach Taka-Tuka-Land!"
ARD-Radionacht für Kinder

Heute, 20.05 - 01.00 Uhr
auf hr2 kultur, radioBerlin, SWR2 etc.
Alle weiteren Infos unter http://www.br-online.de/bayern2radio/radionacht.shtml

Donnerstag, 15. November 2007

*100 Jahre Astrid Lindgren*

"Unsere Astrid"

Zum hundertsten Geburtstag erscheinen auf der ganzen Welt unzählige Liebeserklärungen an Astrid Lindgren. Und dem Wesen von Liebeserklärungen entsprechend, sind diese sehr persönlich. Die Großzahl aller Beiträge über Astrid Lindgren, nicht nur in diesem Jubiläumsjahr, sondern in den vergangenen Jahrzehnten, und besonders die Nachrufe auf die weltberühmte Kinderbuchautorin im Januar 2002 sind von einer Subjektivität, die kollektive Züge annimmt. Die Verfasser stellen ihre eigenen Beziehungen zu Lindgren in den Vordergrund, seien es die eigenen kindlichen Lektüreerfahrungen mit Pippi, Karlsson und Co. oder persönliche Erlebnisse mit der Autorin, sofern sie diese einmal selbst getroffen haben.

Es fängt damit an, dass beim Lesen von Lindgrens Erzählungen das Gefühl zu entstehen scheint, die Autorin habe für einen ganz persönlich geschrieben, so stark sind der Wiedererkennungswert eigener Gefühlslagen sowie die Sehnsucht nach den Welten, die Lindgren entwirft. Als Kind (und nun beginne auch ich von meinen eigenen Lektüreerfahrungen zu berichten, was ich eigentlich vermeiden wollte) wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass auch andere junge Leser meine Empfindungen teilen, als ich den Brief eines Mädchens an Astrid Lindgren auf dem Buchrücken der Bullerbü-Gesamtausgabe las. Es war eine Mischung aus Bewunderung, dass dieser Lindgren-Fan der Autorin geschrieben hatte, diese den Brief gelesen haben musste und der Brief dann auch noch abgedruckt worden war, und Neid, dass die Leserin womöglich sogar eine Antwort von Lindgren persönlich bekommen hatte, sowie Enttäuschung, dass meine ureigene Rezeptionserfahrung plötzlich nicht mehr einmalig war. Mit einem Mal war ich nur noch eine von unendlich vielen Lindgren-Verehrerinnen. Dies bezeugen im Übrigen auch die Tonnen von Briefen, die Lindgren im Laufe ihres Lebens von Kindern aus aller Welt erhalten hat oder, aktuell, das "Erinnerungsbuch" auf www.astrid-lindgren.de.

Dass Astrid Lindgren jungen Leserinnen und Lesern als Autorin ihrer Bücher überhaupt ein Begriff ist, ist nicht selbstverständlich. Kinder achten viel weniger auf Autorennamen, als erwachsene Leser, und generell haben Autoren im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur eine wesentlich niedrigere Position inne, als dies im allgemeinen Literaturbetrieb üblich ist. Nicht so Astrid Lindgren: Jeder weiß, dass sie Schwedin ist und (angeblich) eine Bullerbü-Kindheit auf dem Land verbracht hat und kann außerdem mehrere Titel der Autorin aufsagen.

Besonders prädestiniert über ihre kindlichen Lese-Erlebnisse mit Astrid Lindgren zu schreiben scheinen KinderbuchautorInnen zu sein. Zum Beispiel Kirsten Boie, die schon mehrere "Liebeserklärungen" an Lindgren veröffentlich hat (u.a. im Oetinger Almanach) und mit ihren "Möwenweg"-Erzählungen ein modernes Bullerbü geschaffen hat, oder der flämische Jugendbuchautor Bart Moeyaert, der von sich behauptet: "Tief innen komme ich eigentlich aus Schweden" (Buch und Maus). So ernüchternd es für den individuellen Leser auch sein mag, diese subjektiven Erfahrungen mit Vielen teilen zu müssen, so wenig erfährt man in diesen "Liebeserklärungen" Neues. Worin liegt beispielsweise der Erkenntniswert, wenn Juli Zeh berichtet, dass sie in einer Art Villa Kunterbunt lebt? (Frankfurter Rundschau)

Diejenigen, die die Ehre hatten, die Autorin persönlich kennen zu lernen – und damit ein wenig über dem Kollektiv stehen – haben jedoch auch nur selten Neues zu berichten (abgesehen natürlich von den Menschen, die Lindgren wirklich nahe standen). Astrid Lindgren wusste ganz genau, was sie von sich preisgeben wollte und was nicht. Das Bild, das sie von sich als Autorin vermittelte hat sie perfekt konstruiert und wich keinen Millimeter davon ab. So ist es ihr gelungen, dass die Berichterstattung selbst nach ihrem Tod dieses Bild weiter verbreitet. Daran hat auch die Tatsache, dass in jüngerer Zeit die Schattenseiten ihres Lebens ans Licht gekommen sind, nichts geändert. Wurde die Biographie von Maren Gottschalk "Jenseits von Bullerbü. Die Lebensgeschichte der Astrid Lindgren" (Beltz & Gelberg 2006) damit beworben, dass sie eben diese Schatten- und nicht nur die Bullerbü-Seiten in Lindgrens Leben darstellt, so unterscheidet sie sich im Wesentlichen nur durch den weniger sentimentalischen Ton von den älteren schwedischen Lindgren-Biographien, dem Zugang zu bisher unveröffentlichtem Material und dem Bezug zum deutschsprachigen Kinderbuchmarkt.

Sucht man nach neuen Ansätzen in der Betrachtung von Lindgrens Werk, so sollte man sich im Bereich der Kinderliteraturforschung und der Skandinavistik umschauen. Hier finden sich Arbeiten, die sich beispielsweise mit dem Kindheitsbild Lindgrens, ihrem Autorkonzept, der Verhaftung ihrer Texte im skandinavischen Modernismus oder den reformpädagogischen Einflüssen auf ihr Werk befassen. Und hier wird auch schnell deutlich, dass viele Aspekte des Lindgren'schen Werkes noch nicht erforscht sind und wie vielschichtig in unterschiedlichster Hinsicht dieses ist.

Kann die Wissenschaft auch erklären, was genau dieses kollektive subjektive Gefühl bei Millionen von jüngeren und älteren Lesern auslöst?

Ich glaube, dass niemand Kindheit so pur erzählt, wie Astrid Lindgren. Jenseits von Raum und Zeit, möchte man sagen. Daher schreibt sie auch nie über Teenager, geschweige denn über Erwachsene. Im Interview dazu befragt, warum sie nie für ältere Kinder geschrieben habe, antwortet sie kurz: "Weil ich nicht weiß, wie sie sind." und auf die Frage, ob Pippis Krummeluspillen wirklich wirken, stellt sie klar: "Keine Angst, die Pillen wirken. Pippi wird nie älter als neun Jahre." "Sie kann ruhig Seeräuber sein, ohne älter zu werden. Pippi wird nicht älter, und sie will nicht älter werden. So ist das." (FR) Ihren eigenen Abschied von der Kindheit, der damit begann, dass sie nicht mehr spielen konnte, beschreibt sie wie einen tiefen Schicksalsschlag. Auch der Zuwachs an Wissen bedeute das Ende der Kindheit.

Dass Lindgren nie über Adoleszente geschrieben hat, stimmt nicht. Zu ihren ersten veröffentlichten Büchern zählen die Kati-Bände, "Kerstin und ich" und "Britt-Mari erleichtert ihr Herz". Diese sind zu Unrecht in Vergessenheit geraten, was aber möglicherweise gerade daran liegt, dass sie nicht die Kindheit und deren Ur-Gefühle zum Thema haben, sondern sich mit den akuten Problemen von Teenagern befassen und zudem gänzlich in der Zeit ihrer Entstehung verwurzelt sind, also deutlich historische Bezüge haben.

Aber auch diese Titel haben es verdient, noch einmal gelesen zu werden. Astrid Lindgrens Werk umfasst nämlich mehr als Pippi Langstrumpf, die in allen Berichten über Lindgren mit Abstand am häufigsten genannte Figur. Das geht so weit, dass die Autorin sogar immer wieder mit ihrer Schöpfung gleichgesetzt wird. Und wenn man ein Foto betrachtet, auf dem Lindgren 1989 in der Moskauer Fußgängerzone tanzt, inmitten von griesgrämigen, stur geradeaus blickenden Gesichtern, dann wird noch einmal klar, dass sie, ähnlich wie Pippi, ziemlich viel Leben auf dieser Erde verstreut hat. Und es sei erlaubt, sich darüber ganz persönlich zu freuen. Denn gerade das macht den kollektiven Mythos ja aus. (kw)

*100 Jahre Astrid Lindgren*

Lindgren Briefmarke
(c) Deutsche Post

Die Sonderbriefmarke zu Ehren Astrid Lindgrens erscheint sowohl in Schweden als auch in Deutschland. Die Michel/Emil-Illustrationen stammen von Björn Berg.

Mittwoch, 14. November 2007

*100 Jahre Astrid Lindgren*

Pressespiegel

Bildet euch bloß nichts ein!
Petter Larsson über die Beliebtheit Astrid Lindgrens in ihrem Heimatland Schweden. (taz)

"Pippi war mir peinlich"
Paul Maar, Peter Härtling, Alexa Hennig von Lange und Burkhard Spinnen über Astrid Lindgren und Pippi Langstrumpf. (SZ)

juvenil-Empfehlung:
Fille und Rulle, der Hausbock und ich
Von Tilman Spreckelsen. (FAZ)

"Da können sie alle lachen"
Roswitha Budeus-Budde erinnert sich an einen Besuch bei Astrid Lindgren. (SZ)

Pippis geheime Gefühle
Irrwege von der glücklichen Kindheit: Zum 100. Geburtstag der Weltkinderautorin Astrid Lindgren. Von Wieland Freund. (Welt)

Die Frau, die immer Kind blieb
Von Susanne Gaschke. (Die Zeit)

Jeden Abend eine neue Geschichte
Interview mit Karin Nyman, der Tochter von Astrid Lindgren. (Die Zeit)

"Ich bin ein Kind geblieben, all die Zeit"
Interview mit der Autorin aus dem Jahr 1987 von Hannes Gamillscheg. (FR)

Pippi international
Von Mareen Linnartz. Mit Fotostrecke: Pippi-Buchcover weltweit. (FR)

Mittwoch, 13. Juni 2007

Astrid Lindgren und ihre Wirkungen in der Kinder- und Jugendliteratur

20. Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung

In diesem Jubiläumsjahr, in dem Astrid Lindgren 100 Jahre alt geworden wäre, machte auch die Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung (GKJF) das Werk der weltbekannten Autorin zum Thema der jährlich stattfindenden Tagung. Ca. 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz trafen sich in Erfurt, um über das Werk Lindgrens zu diskutieren. Zu Gast waren außerdem Ulf Boëthius aus Lindgrens Heimatland Schweden und Rolf Annas aus Südafrika. Beiträge über die Rezeption Lindgrens in Ungarn, Kroatien und den Niederlanden mussten krankheitsbedingt leider ausfallen.

Besonders häufig wurde die Rezeption von Lindgrens Werk einschließlich dessen Übersetzung thematisiert. So verglich Svenja Blume (Freiburg) die französische Übersetzung von Pippi Langstrumpf mit dem Original und stellte heraus, wie aus dem „Übermenschen in Kindergestalt“ durch zahlreiche Anpassungen und Veränderungen ein „enfant terrible“ wurde.
In Südafrika erscheint Pippi Langstrumpf seit den 70er Jahren, wird aber v.a. in Afrikaans gelesen und wesentlich seltener in Englisch. Übersetzungen in andere südafrikanische Sprachen existieren nicht. Im Land der Apartheid ist natürlich besonders der dritte Band, Pippi in Taka-Tuka-Land, brisant. Im Allgemeinen wurde der Lindgren-Klassiker in Südafrika aber positiv im Sinne von Grenzen überwindend und nicht als rassistisches Werk gelesen. In der britischen Übersetzung ist übrigens nicht von „Negern“ sondern von „Menschenfressern“ die Sprache.
Dass eine solche Lesart aber durchaus besteht, machte Konstanze Jung (Marburg) deutlich, die die literaturdidaktische Herangehensweise von Heidi Rösch an Pippi Langstrumpf kritisch unter die Lupe nahm. Jung zeigte auf, was aus dem Text wird, wenn er mit den Scheuklappen einer vermeintlichen politischen Korrektheit gelesen wird. Dass es sich bei Pippi Langstrumpf um ein historisches Werk handelt, wird von einer solchen didaktischen Lesart ignoriert.
Wie die deutsch-österreichische Literaturpädagogik der 50er und 60er Jahre Lindgrens Werk las, veranschaulichte Sonja Müller (Frankfurt/M.). Die sogenannte „Theorie des guten Jugendbuchs“ wirkte mit am Erfolg Lindgrens im deutschsprachigen Raum, da sie ihr Werk als besonders kindgemäß und gleichzeitig als „wahre Dichtung“ anerkannte. Anna Krüger, Richard Bamberger und Co. lasen Lindgrens Texte v.a. auf der entwicklungspsychologischen Ebene.
Ulf Boëthius (Uppsala) diskutierte “the contemporary debate on modern youth” und brachte Pippi Langstrumpf in Zusammenhang mit einer neuen Jugend, die er als „wild, uncivilised and disobedient“ beschreibt. Astrid Lindgren erlebte die neuen Entwicklungen selbst: Sie schnitt sich die Haare ab, tanzte zur „Negermusik“ Jazz und wurde schließlich jung zur unverheirateten Mutter.

Neue Medien und das Werk Astrid Lindgrens kamen auf der Tagung auch zur Sprache. Bettina Kümmerling-Meibauer (Tübingen) referierte über die Fotobilderbücher von Lindgren und der Fotografin Anna Riwkin-Brick, die ein neues Format in die Kinderliteratur einführten. Sie warfen in diesen Büchern einen „Blick auf das Fremde“ und beschrieben das Leben von Kindern aus aller Welt. Wobei dieses „Fremde“ im Rahmen des Folkloristischen und letztlich Bekannten blieb, v.a. aufgrund von Lindgrens Texten, die dem „Bullerbü-Konzept“ verhaftet sind.
Die Fotobilderbücher hatten nur in den 50er und 60er Jahren Erfolg; sie wurden abgelöst von neueren Medien, wozu seit knapp einem Jahrzehnt auch Computerspiele, die auf kinderliterarischen Vorlagen beruhen, gehören. Mela Kocher (Zürich) stellte Ronja Räubertochter und Karlsson vom Dach als Computerspiel vor. Dabei kam die Diskussion auf, ob man in diesem Fall von „Adaption“ sprechen kann oder Begriffe wie „Inszenierung“ oder „Stoff-Verwertung“ besser geeignet sind. Das Ronja-Spiel bewegt sich jedoch sehr nah an der ursprünglichen Geschichte, während das Spiel Karlsson vom Dach nur mit den Figuren, Motiven und Themen der Vorlage spielt.
Mit Lindgrenschen Erzählweisen, nicht auf CD-Rom, sondern in den Originaltexten, setzten sich Ann-Katrin Ostermann und Jana Mikota (Siegen) auseinander. Sie analysierten auf der Textebene moderne Erzählformen in Mio, mein Mio und Die Brüder Löwenherz.

Die Beschäftigung mit einer Autorin, die sich weltweiter Bekanntheit erfreut, wirft unweigerlich einen Blick auf andere Autoren der gleichen Epoche, die möglicherweise in Lindgrens Schatten standen. Gleich drei Vorträge befassten sich mit diesem Thema: Gina Weinkauff (Heidelberg) stellte ein Nord-Süd-Gefälle in der (west-)europäischen KJL allgemein und ein Ost-West-Gefälle bezüglich des italienischen Kinderbuchautors Gianni Rodari im Besonderen fest. Rodari wurde in kommunistischen Ländern verstärkt wahrgenommen. Ernst Seibert (Wien) beschrieb u.a. das Werk Erica Lillegs im Rahmen der „Anfänge der phantastischen Literatur in Österreich“ in der Mitte des 20. Jahrhunderts. In dieser kinderliterarischen Epoche sieht er einen ersten kinderliterarischen Paradigmenwechsel. Kirsten Waterstraat (Frankfurt/M.) schließlich verglich Lindgren mit der „niederländischen Astrid Lindgren“ Annie M.G. Schmidt. Wo die Schwedin psychologisch differenzierte Charaktere zeichnet, sind die Figuren in Schmidts Werk Typen, wie sie dem volksliterarischen Erzählen entsprechen. Aber wo Lindgren glückliche Kindheiten nur in vergangenen oder mythischen Welten ansiedelt, ist Schmidts Werk tief in der säkularisierten niederländischen Alltagskultur verankert. So können im Werk beider Autorinnen sowohl moderne als auch traditionelle Themen und Formen ausgemacht werden.

Aus skandinavistischer Perspektive brachte Angelika Nix (Freiburg) dem weitestgehend aus Germanisten bestehenden Publikum „Astrid Lindgrens Verortung im skandinavischen Modernismus“ näher und machte damit deutlich, dass Lindgrens Werk in Schweden von der Literaturwissenschaft ganz anders eingeordnet wird, als im Deutschsprachigen Raum, wo die Autorin zur sogenannten „Kinderliteratur der Kindheitsautonomie“ zählt. In Schweden wird Lindgrens Werk sowie die Kinderliteratur ihrer Zeit vielmehr analog zur allgemeinen Literaturgeschichte verortet. In den 40er Jahren erlebt die skandinavische KJL einen „modernen Durchbruch“ und, nach der Jahrhundertwende, ein „zweites goldenes Zeitalter“. Lindgrens Werke werden u.a. als unmittelbare Folge der wichtigen skandinavischen Literaturentwicklungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gesehen: Mit dem „Modernen Durchbruch“ verschrieb sich die avantgardistische skandinavische Literatur dem Naturalismus, um sich schon wenige Jahre später einer neuen Innerlichkeit hinzuwenden. Paradigmatisch für diese Entwicklung steht Knut Hamsuns Hunger; dieser Text beeinflusste Lindgrens Werk unmittelbar. Die Reformpädagogik und die Kinderliteratur des „ersten goldenen Zeitalters“, deren herausragende Vertreterinnen Elsa Beskow und Selma Lagerlöf sind, beeinflusste die Entwicklung weiter, die schließlich in Pippi Långstrump kulminierte. Astrid Lindgrens Werk wird von der schwedischen Literaturgeschichtsschreibung eindeutig dem Modernismus zugeordnet.
Dass gerade Pippi Langstrumpf in Skandinavien als besonders modern und absurd angesehen wird, steht auch im Zusammenhang mit den Originalillustrationen von Ingrid Vang Nyman. Deren Pippi wirkt viel weniger „normal“ als die deutsche Pippi von Rolf Rettich und Vang Nymans Villa Kunterbunt erinnert an einen chaotischen, dadaistischen Merzbau, während Rettichs Villa nostalgisch und fast pittoresk aussieht.
Die Entscheidung des Oetinger Verlags für Rolf Rettich als Pippi-Illustrator ist nur ein Beispiel für den großen und unmittelbaren Einfluss, den Oetinger auf das Lindgren-Bild, auch außerhalb des deutschsprachigen Raums, hat. So ließ der Verlag die deutschen Bullerbü-Übersetzungen von der Schwedin Ilon Wikland illustrieren. Diese Illustrationen übernahm der schwedische Verlag für den Originaltext und so wurde Ilon Wikland zur wichtigsten Lindgren-Illustratorin, deren liebliche und angepasste Bilder für die Erzählungen Lindgrens schlechthin stehen und die in Vieler Augen Lindgrens Werk kongenial verbildlichen.
Mit zahlreichen Texten von und über Lindgren im Verlagsalmanach Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel beeinflusste Oetinger ebenfalls die Sichtweisen auf das Werk Astrid Lindgrens. So schrieben darin beispielsweise Anhänger der „Theorie des guten Jugendbuchs“ über Lindgrens Texte und richteten das Augenmerk v.a. auf die Anregung der Phantasie durch Lindgrens Texte sowie deren besondere "Kindgemäßheit".
Das enge Verhältnis zwischen Astrid Lindgren und ihrem deutschen Verlag wurde während eines Podiumsgesprächs deutlich, das Hans-Heino Ewers mit Silke Weitendorf führte. Weitendorf ist die Tochter von Heidi und Friedrich Oetinger, dessen 1946 gegründeter Verlag mit Pippi Langstrumpf der Durchbruch als Kinderbuchverlag gelang. Weitendorf berichtete vom Familienunternehmen, in dem sie schon als junges Mädchen die Manuskripte lesen und beurteilen durfte und v.a. Astrid Lindgren kennen und schätzen lernte. Der zweite große Lindgren-Verlag, nach Rabén & Sjögren in Stockholm, verdankt Lindgren „alles“, wie Weitendorf feststellt und fühlt sich Lindgren und deren Werk nicht nur aufs Engste verbunden, sondern auch verpflichtet.

Astrid Lindgrens Wirkungen in der Kinder- und Jugendliteratur sind unverkennbar; das hat die diesjährige GKJF-Tagung gezeigt. Wünschenswert wäre eine Abschlussdiskussion gewesen, gerade bei einem solchen Thema, das das Werk einer einzelnen Autorin fokussierte. In den auf die einzelnen Vorträge folgenden Diskussionen wurden bestimmte Aspekte dieses Werkes und seiner wissenschaftlichen Erforschung immer wieder thematisiert. Zum Beispiel die Diskrepanz zwischen Modernismus und Traditionalismus oder die Darstellung von idyllischen, heilen Kinderwelten neben Einsamkeit und Trauer – Gefühlen, mit denen Lindgren ihre kindlichen Figuren und Leser ebenso konfrontiert. Auffallend war auch die Dominanz der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Pippi Langstrumpf, während andere Werke von Lindgren, wie zum Beispiel die Geschichten um Kati, Madita, die Kinder aus der Krachmacherstraße oder Kalle Blomquist, nur am Rande gestreift wurden. So viel bereits über Astrid Lindgren geschrieben wurde – zahlreiche Facetten ihres Oeuvres warten noch darauf, erforscht zu werden. (kw)

Internetauftritt der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung: www.gkjf.de
Ein Sammelband mit verschiedenen Tagungsbeiträgen ist in Planung.

Donnerstag, 5. April 2007

INFO

Die Astrid Lindgren-Radionacht

Unter dem Motto "Auf nach Taka-Tuka-Land!" veranstalten
die ARD-Landesrundfunkanstalten am 16. November eine lange Radionacht für Kinder.

Anlass ist der 100. Geburtstag von Astrid Lindgren.

Zwischen 20.05 Uhr und 1 Uhr können die Zuhörer alles über die Autorin
und ihre berühmten Figuren erfahren und einige ihrer Geschichten hören.

Unterstützt wird der Abend vom Börsenverein.
[Quelle: boersenblatt.net]

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