100 Jahre Astrid Lindgren
Zum hundertsten Geburtstag erscheinen auf der ganzen Welt unzählige Liebeserklärungen an Astrid Lindgren. Und dem Wesen von Liebeserklärungen entsprechend, sind diese sehr persönlich. Die Großzahl aller Beiträge über Astrid Lindgren, nicht nur in diesem Jubiläumsjahr, sondern in den vergangenen Jahrzehnten, und besonders die Nachrufe auf die weltberühmte Kinderbuchautorin im Januar 2002 sind von einer Subjektivität, die kollektive Züge annimmt. Die Verfasser stellen ihre eigenen Beziehungen zu Lindgren in den Vordergrund, seien es die eigenen kindlichen Lektüreerfahrungen mit Pippi, Karlsson und Co. oder persönliche Erlebnisse mit der Autorin, sofern sie diese einmal selbst getroffen haben.
Es fängt damit an, dass beim Lesen von Lindgrens Erzählungen das Gefühl zu entstehen scheint, die Autorin habe für einen ganz persönlich geschrieben, so stark sind der Wiedererkennungswert eigener Gefühlslagen sowie die Sehnsucht nach den Welten, die Lindgren entwirft. Als Kind (und nun beginne auch ich von meinen eigenen Lektüreerfahrungen zu berichten, was ich eigentlich vermeiden wollte) wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass auch andere junge Leser meine Empfindungen teilen, als ich den Brief eines Mädchens an Astrid Lindgren auf dem Buchrücken der Bullerbü-Gesamtausgabe las. Es war eine Mischung aus Bewunderung, dass dieser Lindgren-Fan der Autorin geschrieben hatte, diese den Brief gelesen haben musste und der Brief dann auch noch abgedruckt worden war, und Neid, dass die Leserin womöglich sogar eine Antwort von Lindgren persönlich bekommen hatte, sowie Enttäuschung, dass meine ureigene Rezeptionserfahrung plötzlich nicht mehr einmalig war. Mit einem Mal war ich nur noch eine von unendlich vielen Lindgren-Verehrerinnen. Dies bezeugen im Übrigen auch die Tonnen von Briefen, die Lindgren im Laufe ihres Lebens von Kindern aus aller Welt erhalten hat oder, aktuell, das "Erinnerungsbuch" auf
www.astrid-lindgren.de.
Dass Astrid Lindgren jungen Leserinnen und Lesern als Autorin ihrer Bücher überhaupt ein Begriff ist, ist nicht selbstverständlich. Kinder achten viel weniger auf Autorennamen, als erwachsene Leser, und generell haben Autoren im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur eine wesentlich niedrigere Position inne, als dies im allgemeinen Literaturbetrieb üblich ist. Nicht so Astrid Lindgren: Jeder weiß, dass sie Schwedin ist und (angeblich) eine Bullerbü-Kindheit auf dem Land verbracht hat und kann außerdem mehrere Titel der Autorin aufsagen.
Besonders prädestiniert über ihre kindlichen Lese-Erlebnisse mit Astrid Lindgren zu schreiben scheinen KinderbuchautorInnen zu sein. Zum Beispiel Kirsten Boie, die schon mehrere "Liebeserklärungen" an Lindgren veröffentlich hat (u.a. im
Oetinger Almanach) und mit ihren "Möwenweg"-Erzählungen ein modernes Bullerbü geschaffen hat, oder der flämische Jugendbuchautor Bart Moeyaert, der von sich behauptet: "Tief innen komme ich eigentlich aus Schweden" (
Buch und Maus). So ernüchternd es für den individuellen Leser auch sein mag, diese subjektiven Erfahrungen mit Vielen teilen zu müssen, so wenig erfährt man in diesen "Liebeserklärungen" Neues. Worin liegt beispielsweise der Erkenntniswert, wenn Juli Zeh berichtet, dass sie in einer Art Villa Kunterbunt lebt? (
Frankfurter Rundschau)
Diejenigen, die die Ehre hatten, die Autorin persönlich kennen zu lernen – und damit ein wenig über dem Kollektiv stehen – haben jedoch auch nur selten Neues zu berichten (abgesehen natürlich von den Menschen, die Lindgren wirklich nahe standen). Astrid Lindgren wusste ganz genau, was sie von sich preisgeben wollte und was nicht. Das Bild, das sie von sich als Autorin vermittelte hat sie perfekt konstruiert und wich keinen Millimeter davon ab. So ist es ihr gelungen, dass die Berichterstattung selbst nach ihrem Tod dieses Bild weiter verbreitet. Daran hat auch die Tatsache, dass in jüngerer Zeit die Schattenseiten ihres Lebens ans Licht gekommen sind, nichts geändert. Wurde die Biographie von Maren Gottschalk "Jenseits von Bullerbü. Die Lebensgeschichte der Astrid Lindgren" (
Beltz & Gelberg 2006) damit beworben, dass sie eben diese Schatten- und nicht nur die Bullerbü-Seiten in Lindgrens Leben darstellt, so unterscheidet sie sich im Wesentlichen nur durch den weniger sentimentalischen Ton von den älteren schwedischen Lindgren-Biographien, dem Zugang zu bisher unveröffentlichtem Material und dem Bezug zum deutschsprachigen Kinderbuchmarkt.
Sucht man nach neuen Ansätzen in der Betrachtung von Lindgrens Werk, so sollte man sich im Bereich der Kinderliteraturforschung und der Skandinavistik umschauen. Hier finden sich Arbeiten, die sich beispielsweise mit dem Kindheitsbild Lindgrens, ihrem Autorkonzept, der Verhaftung ihrer Texte im skandinavischen Modernismus oder den reformpädagogischen Einflüssen auf ihr Werk befassen. Und hier wird auch schnell deutlich, dass viele Aspekte des Lindgren'schen Werkes noch nicht erforscht sind und wie vielschichtig in unterschiedlichster Hinsicht dieses ist.
Kann die Wissenschaft auch erklären, was genau dieses kollektive subjektive Gefühl bei Millionen von jüngeren und älteren Lesern auslöst?
Ich glaube, dass niemand
Kindheit so
pur erzählt, wie Astrid Lindgren. Jenseits von Raum und Zeit, möchte man sagen. Daher schreibt sie auch nie über Teenager, geschweige denn über Erwachsene. Im Interview dazu befragt, warum sie nie für ältere Kinder geschrieben habe, antwortet sie kurz: "Weil ich nicht weiß, wie sie sind." und auf die Frage, ob Pippis Krummeluspillen wirklich wirken, stellt sie klar: "Keine Angst, die Pillen wirken. Pippi wird nie älter als neun Jahre." "Sie kann ruhig Seeräuber sein, ohne älter zu werden. Pippi wird nicht älter, und sie will nicht älter werden. So ist das." (
FR) Ihren eigenen Abschied von der Kindheit, der damit begann, dass sie nicht mehr spielen konnte, beschreibt sie wie einen tiefen Schicksalsschlag. Auch der Zuwachs an Wissen bedeute das Ende der Kindheit.
Dass Lindgren nie über Adoleszente geschrieben hat, stimmt nicht. Zu ihren ersten veröffentlichten Büchern zählen die Kati-Bände, "Kerstin und ich" und "Britt-Mari erleichtert ihr Herz". Diese sind zu Unrecht in Vergessenheit geraten, was aber möglicherweise gerade daran liegt, dass sie nicht die Kindheit und deren Ur-Gefühle zum Thema haben, sondern sich mit den akuten Problemen von Teenagern befassen und zudem gänzlich in der Zeit ihrer Entstehung verwurzelt sind, also deutlich historische Bezüge haben.
Aber auch diese Titel haben es verdient, noch einmal gelesen zu werden. Astrid Lindgrens Werk umfasst nämlich mehr als Pippi Langstrumpf, die in allen Berichten über Lindgren mit Abstand am häufigsten genannte Figur. Das geht so weit, dass die Autorin sogar immer wieder mit ihrer Schöpfung gleichgesetzt wird. Und wenn man ein Foto betrachtet, auf dem Lindgren 1989 in der Moskauer Fußgängerzone tanzt, inmitten von griesgrämigen, stur geradeaus blickenden Gesichtern, dann wird noch einmal klar, dass sie, ähnlich wie Pippi, ziemlich viel Leben auf dieser Erde verstreut hat. Und es sei erlaubt, sich darüber ganz persönlich zu freuen. Denn gerade das macht den kollektiven Mythos ja aus. (kw)
juvenil.kw - 15. Nov, 13:34