Am 16. Oktober wurde zum 54. Mal der Deutsche Jugendliteraturpreis auf der Frankfurter Buchmesse verliehen.
Welche Eindrücke von der Veranstaltung bleiben hängen? Rosa (die Farbe, in er die gesamte Bühne erstrahlte), die Coachlandschaft (auf der nur Thomas Gottschalk fehlte), die oscarhafte Nennung der Preisträger. – Die
Preisträger? Die Bücher?
Seit wenigen Jahren wird der Deutsche Jugendliteraturpreis im Saal "Harmonie" des Congress Centre Messe Frankfurt verliehen, einem Saal mit ausreichend Platz für die mehr als 1.000 Gäste (darunter viele ältere und wenige junge). Die Verleihung wird wie eine Live-Sendung präsentiert und von einem Moderator geleitet. Dieser und alle weiteren Gäste werden mit eingespielter Musik auf der großzügigen Bühne empfangen. Das alles wirkt professionell und damit der Kinder- und Jugendliteratur gerecht, die kein Schattendasein zu führen braucht. Gleichzeitig wirkt die gesamte Veranstaltung aber auch übertrieben und weit entfernt vom Publikum, welches in erster Linie aus Verlagsleuten, Kritikern und Fachleuten besteht. Nicht selten war das Lachen in den Reihen begleitet von fassungslosem Kopfschütteln und ironischen Kommentaren. Die Verleihung des Jugendliteraturpreises ist der jährliche Treffpunkt der KJL-Szene, aber diese fühlt sich auf der Bühne nicht repräsentiert. Andererseits ist es gut, dass die Preisverleihung nicht in Selbstbeweihräucherung untergeht, sondern Bilder und O-Töne liefert, die auch Außenstehende ansprechen und von allgemeinen Medien aufgegriffen werden können.
Verleihung Sparte Bilderbuch: Marc Langebeck, Shaun Tan, Eike Schönfeld, PSt Dr. Hermann Kues, (c) José Poblete
Der Moderator war, wie schon im letzten Jahr, Marc Langebeck von der Kinderbuchsendung "quergelesen" (KiKa). Auch wenn ihm anzumerken ist, dass sein Metier die Moderation einer Studiosendung und keiner großen Show ist, so ist er immerhin vom Fach – nicht wie beispielsweise Nina Ruge, die die Preisverleihung auch schon moderiert hat – und tritt angenehm unprätentiös auf. Ganz Politiker war stattdessen Hermann Kues, derParlamentarische Staatssekretär, der an Stelle von Schirmherrin Ursula von der Leyen das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vertrat, welches den Preis stiftet. Kein Problem für einen Politiker, der auch noch Bücher mag, wie er zu versichern wusste.
Bücher lieben an diesem Abend natürlich alle, auch die Kinder der "Wer liest gewinnt!"-Aktion, die ausgerechnet vom Telefon
buch gesponsert wird, sowie die Begrüßenden, die ihre Ansprachen angenehm kurz hielten. Die Liebe zu Büchern wurde dann auch auf vielfältige Weise ausgedrückt, anhand von Zitaten aus dem großen Sprichwortlexikon (Hermann Kues und Gottried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins), über Bekenntnisse zum eigenen Leseverhalten mit Taschenlampe (Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse) hin zu den angenehm pragmatischen Worten von Regina Pantos (Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur, welcher den Deutschen Jugendliteraturpreis ausrichtet). Das Bekennen zum Buch gipfelte in Mimi Meisters angeblichem Poetry-Slam-Beitrag (in Wahrheit handelte es sich um den Vortrag eines Gedichts) "Ich bin Alexander der Große". Gekonnt verknüpfte und reimte Meister die Weltliteratur zur Reise eines Bücherwurms. Dennoch wirkte der Vortrag wie eine bildungsbürgerliche Auftragsarbeit, in dem eine Kritik an anderen Medien nicht fehlen durfte (
"Die Drei Fragezeichen hab ich nicht gehört, sondern gelesen. / Bei mir ist TV schon mit 5 out gewesen.") und der mit einem Satz endete, den zwar Jeder unterschreiben würde, der aber allzu political correct rüber kam:
"Nur eins dürfen Bücher nie wieder: Brennen".
Ein weiterer kreativer Beitrag war die Präsentation der Jugendjury, die ihre nominierten Titel anhand kurzer Textabschnitte szenisch umsetzte, die Atmosphäre der Texte spürbar machte und damit die Romane und Erzählungen für einen Moment in den Mittelpunkt stellte. Dennoch bleibt es diskussionswürdig, warum die Präsentation der Jugendjury so anders geartet ist als die der Kritikerjury. Sind die Jugendlichen denn keine Kritiker?
Präsentation der Jugendjury, (c) José Poblete
Oscarhaft aber nicht oscarreif war schließlich die Verleihung der Preise. Der Politiker, dem der Bezug zu den nominierten Büchern fehlte, versuchte immerhin mit einem trocken-ironischen "Spannung" eben jene zu erzeugen. Aber es war eben kein "and the winner is …" - was ja auch nicht unbedingt sein muss. Die Preisträger selbst hatten nur kurz die Möglichkeit, etwas zu sagen, während die Jury gar nicht zu Wort kam. Lediglich die Juryvorsitzende, Susanne Helene Becker, brachte ein Statement, in welchem sie darauf hinwies, dass die Auswahl keinesfalls eine "geschmäckleriche" sei und dass jedes Buch für sich stünde und unabhängig von den übrigen nominierten Titeln beurteilt würde. Ausgezeichnet würden Bücher, die "neue kinderliterarische Maßstäbe setzen", wie beispielsweise Andreas Steinhöfels
Rico, Oskar und die Tieferschatten. Die ausführlichen Jurybegründungen können im Internet nachgelesen werden. Dennoch bleiben Kriterien, Herangehensweise und Besetzung der Jury nebulös. Und gerade dies ist einer der großen Kritikpunkte am Deutschen Jugendliteraturpreis. Andererseits sind gerade die Diskussionen um die Auswahl der Jury das Salz in der Suppe.
Gerne hätte man von den Autoren mehr gehört über ihre Bücher. So erzählte der Autor Wolfgang Korn, dass er im Jubiläumsjahr 2009 kein Buch über die Varusschlacht hatte schreiben wollen, bis er auf die Idee gekommen sei, ein
Jugendbuch darüber zu schreiben und der Fackelträger Verlag
Das Rätsel der Varusschlacht in dem ansonsten auf Titel für Erwachsene beschränkten Programm veröffentlicht habe. Auch der Siegertitel der Jugendjury,
Die Bücherdiebin, bewegt sich auf der Schwelle zwischen Jugend- und Erwachsenenbuch. cbj-Verleger Jürgen Weidenbach, der den Preis stellvertretend für den Schriftsteller Markus Zusak entgegen nahm, gab zu, dass er nicht mit einem Preis für dieses nicht gerade einfache, aber wichtige Buch gerechnet habe und zeigte sich erfreut darüber, dass die Jugendjury nun bereits zum zweiten Mal einen Titel von Zusak ausgezeichnet habe (
Der Joker, 2007). (Erfolgs-)Geschichten wie diese sind es, die den Jugendliteraturpreis auszeichnen.
Einige Preisträger nutzten die Gelegenheit, den Mitarbeitern in ihren Verlagen zu danken. Die Liebeserklärungen an Lektorinnen und Übersetzerinnen – die der Großteil des Publikums nicht gekannt haben dürfte – erinnerten dann wieder daran, dass es sich bei der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises eben doch um ein Treffen der 'community' handelt. Geht man vom Applaus aus, der Steinhöfel und seinem Werk gezollt wurde, dann hatte
Rico, Oskar und die Tieferschatten, ausgezeichnet in der Sparte Kinderbuch, an diesem Abend die meisten Fans.
Die "Momo" in Bronze.
Preisfigur des Deutschen Jugendliteraturpreises, (c) AKJ
Jutta Bauer, die mit dem Sonderpreis Illustration für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet wurde, nutzte die Gunst der Stunde für ein paar kritische Anmerkungen. Mit den technischen Möglichkeiten, die heute bestünden, sei es sehr leicht geworden, in die Werke von Illustratorinnen und Illustratoren einzugreifen. Wenn sie selbst aber einen grauen Himmel gemalt habe, dann habe sie das nicht ohne Grund getan und wolle nicht, dass der Verlag daraus einen andersfarbigen Himmel mache, nur weil dieser sich besser verkaufe, wie zum Beispiel ein Himmel in rosa. – Letzteres merkte Jutta Bauer übrigens mit Verweis auf die Bühnenausstattung an. (kw)
juvenil.kw - 19. Okt, 16:44