Sonntag, 17. Oktober 2010

Das Possum in Neuseeland: Plage und Bilderbuchfigur

Die Diskussion um einen Possum-Weitwurf-Wettbewerb provoziert die Frage, wie Umwelt- und Tierschutz in Neuseeland vereinbar sind und was jungen Lesern darüber vermittelt wird. Das Bilderbuch Oh, no Mister Possum! hält jedenfalls eine ganz einfache Lösung für die Possumplage parat …

Die Neuseeländer und das Possum – ein schwieriges Verhältnis. Das einst zum Pelzhandel eingeführte Tier hat sich mangels natürlicher Feinde in Neuseeland rasant vermehrt und wurde in den 1940er Jahren offiziell als Plage deklariert und seitdem gejagt. Jeder anständige Kiwi (wie sich die Neuseeländer nach ihrem Nationaltier nennen) leistet gerne seinen Beitrag zur Dezimierung der pelzigen Spezies, etwa indem er das Gaspedal durchdrückt, sobald ein Possum über die Straße huscht. In Souvenirläden gibt es überfahrene Possums als Gummitiere, Kühlschrankmagneten usw., die Plage wird mit derbem Humor vermarktet.

Doch nun geht ein Aufschrei durch das Land. Schüler traten im Rahmen einer von der Schule organisierten Possumjagd bei einem Weitwurf-Wettbewerb an – mit toten Possums. Plötzlich, wie auch das deutsche Magazin Der Spiegel berichtet, entdeckt man die Würde des Possums. Die hitzige Diskussion zu einem Zeitungsartikel im Manawatu Standard bringt soziale Spannungen an die Oberfläche: Possum-geplagte Farmer, deren Kinder mit Possumjagd aufwachsen, schimpfen über überempfindliche, „politisch korrekte Yuppies“, die ihrerseits die „primitive“ Landbevölkerung verteufeln.

Ob Stadt- oder Landbewohner, neuseeländische Kinder werden von klein auf an das Problem der Possumplage herangeführt. Ein Beispiel ist das 2008 bei Puffin Books erschienene Bilderbuch Oh, no Mister Possum! von Erin Devlin.

Possum
(c) Puffin Books

In der Tradition der didaktisch geprägten Kinderliteratur der frühen Siedler, die die nachwachsenden Generationen über Flora und Fauna des Landes und die damit verbundenen Gefahren aufklären sollte, soll Oh, no Mister Possum! dem kindlichen Leser die ‚richtige‘ Einstellung zu Possums vermitteln.

In holperigen Reimen (es handelt sich um den Text des „Possum Songs“ auf der dem Buch beiliegenden CD) wird vor allem von der Bedrohung heimischer Wälder durch die pelzigen Gefährten erzählt. Drei Kinder versuchen, „Mister Possum“ mit Bitten, Drohungen und Apfelkuchen vom Verzehr der grünen Blätter ihres Baumes abzubringen. Als keine der Maßnahmen greift, wird das Tier kurzerhand in ein Flugzeug nach Australien verfrachtet und den Rest seiner Sippe darf „Mister Possum“ gleich mitnehmen.
Plakativ wird das Possum als Übeltäter inszeniert und als „naughty rascal“ (frecher Bengel oder Schurke) und „greedy pest“ (gefräßiger Schädling) bezeichnet. Die Illustrationen betonen die maskenartigen schwarzen Augenringe, die Krallen und die im Dunkeln leuchtenden Augen, wohl um den Beutelsäuger möglichst unsympathisch darzustellen. Generell ist die visuelle Gestaltung des Buches irritierend. Zum einen verwendet Grafik-Designer Greg O’Donnell so viele Schriftarten, -richtungen und -farben, dass teilweise die Lesbarkeit beeinträchtigt ist, zum anderen steht der moderne Illustrationsstil mit Fineliner, digitalem Airbrush und Neonfarben in krassem Gegensatz zu den anachronistisch wirkenden Szenen, welche ein ländliches Neuseeland der 1950er Jahre zeigen.

Die Message des Buches ist bedenklich: Schuld an der Plage sind nach Autorin Devlin die Australier, von deren Kontinent die Tiere eingeführt wurden: Die „bösen“ Possums werden in der Geschichte „zurück an den Absender“ geschickt. „Daheim in Australien“, so informieren die „Possum facts“ am Ende des Buches, sind sie schließlich eine geschützte Tierart. Kurz gesagt: Oh, no Mister Possum! bestätigt plump alte Vorurteile und Feindbilder statt Kindern eine reflektierte Auseinandersetzung mit den Problemen des besonderen Ökosystems ihres Landes zu ermöglichen.

Ihre „Umweltgeschichten“ erweckt Erin Devlin übrigens auch mit selbst hergestellten Handpuppen zum Leben, die zu den Büchern erhältlich sind, und tritt damit in Schulen auf. Ironischerweise sieht die Possum-Puppe deutlich niedlicher aus, als das Tier im Buch. (Anne Siebeck)

Possumpuppe
(c) Puffin Books; The Kiwi Puppet Company

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