Donnerstag, 7. Oktober 2010

Die Lebensgeschichte einer Toten. Auf sieben Kassetten

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis, Sparte Preis der Jugendjury: Tote Mädchen lügen nicht von Jay Asher

Asher_Tote_Maedchen
(c) cbt

„Der Postangestellte nimmt das Paket. Derselbe Schuhkarton, der vor nicht mal vierundzwanzig Stunden auf meiner Veranda gelegen hatte, wieder eingeschlagen in eine braune Papiertüte, verschlossen mit durchsichtigem Klebeband, genauso wie ich ihn bekommen hatte. Doch jetzt mit einem neuen Namen versehen. Dem nächsten Namen auf Hanna Bakers Liste."

Hanna Baker ist die Hauptfigur des Romans Tote Mädchen lügen nicht – und das, obwohl sie nie in Erscheinung tritt. Denn Hanna Baker ist zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Wochen tot. Der Leser begegnet dieser Figur nur durch ihre auf Band gesprochenen Aussagen – erkennbar an den im Buch kursiv gesetzten Textstellen.

„Live und in Stereo“ erzählt Hanna die Geschichte ihres Lebens auf insgesamt sieben Kassetten. Sie erzählt, warum ihr Leben ein Ende fand. „Und wenn ihr diese Kassetten hört, dann seid ihr einer der Gründe dafür!" – Was!? Nein! – Aber Hanna Baker ist gnadenlos: „Ich werde nicht verraten, welche Kassetten wen von euch ins Spiel bringen. Aber keine Sorge, wer diese hübsche kleine Schachtel bekommen hat, dessen Name wird irgendwann auftauchen – versprochen.“ Denn: „Tote Mädchen lügen nicht.“

Das Kassettenpaket hat auch Hannas Klassenkamerad Clay bekommen. Mit ihm zusammen hört sich der Leser Hannas Bericht an, – und zwar von Anfang an. Mit ihm zusammen setzt sich der Leser quasi auch die Kopfhörer auf, wandert an die von Hanna beschriebenen Orte und Plätze.

So gerät der Leser einerseits gemeinsam mit Clay mehr und mehr in Anspannung, in Wut, Entsetzen und Erstaunen darüber, was sich alles im Leben dieses Mädchens zugetragen hat. Andererseits fragt man sich aber auch, welche Rolle Clay dabei noch spielen wird, warum er überhaupt auf dieser Liste steht und auf welcher Kassette endlich sein Name auftauchen wird.

Und so mag man nicht aufhören zu lesen – ähnlich wie Clay nicht aufhören kann zuzuhören. Den Jugendlichen, die diesen Roman für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert haben, wird es ähnlich gegangen sein. Und das, obwohl genau genommen auf der konkreten Handlungsebene nicht allzu viel passiert. Es ist vielmehr die entstehende innere Spannung, die zum Weiterlesen treibt, und die im Leser quasi eine dritte Gedanken-Tonspur, eine dritte innere Stimme zum Geschehen erzeugt.

Auf der Suche nach der Wahrheit setzen sich denn auch die Puzzelteile mehr und mehr zusammen und das Bild komplettiert sich, als endlich klar wird, was an jenem bestimmten Partyabend tatsächlich geschah. Aber genauso wie Clay keine Antworten auf seine Fragen an Hanna mehr bekommen wird, wird auch der Leser mit seinen Fragen allein bleiben. Anklagen, Schmerz, Wut, Trauer und die Frage nach Schuld oder Mitschuld stehen im Raum. Doch bleibt am Ende auch ein wenig Hoffnung, unter anderem die, dass es Clay zukünftig gelingen wird, die Distanz zu anderen früher aufzubrechen und mutiger die Chancen des Lebens zu nutzen. (Sonja Müller)


Jay Asher
Tote Mädchen lügen nicht
Aus dem Englischen von Knut Krüger
cbt, München 2009
€ 14,95 (D)
Empfehlung des Verlags: Ab 13 Jahren

juvenil

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