Freitag, 1. Oktober 2010

Metaebene im Bilderbuch

oder
Ein Schwein fährt Zug


Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis, Sparte Bilderbuch: Johanna im Zug von Kathrin Schärer

Johanna-im-Zug
(c) Atlantis 2009

Johanna im Zug ist ein schönes Buch. Kindern wird es Spaß machen, darin zu blättern. Aber werden sie auch die Metaebene begreifen, auf der die Autorin und Illustratorin Kathrin Schärer ihr eigenes kreatives Schaffen thematisiert?

Es gibt Kinderbücher, die sich an zwei Lesergruppen zugleich richten, zum einen an die eigentliche Zielgruppe, die Kinder, zum anderen an Erwachsene. Diese doppelte Leseransprache findet auf zwei Ebenen statt, wobei die Ebene, die sich an erwachsene Leser richtet, die Handlungsebene nicht tangiert und deshalb das Lesen oder Betrachten der Kinder nicht stört.

Nicht so in Kathrin Schärers Bilderbuch. Denn Johanna im Zug ist keine Geschichte über ein Schwein, das eine Zugreise unternimmt, und in dem nebenbei der Entstehungsprozess einer Geschichte thematisiert wird. Es ist die Geschichte des zeichnerischen und inhaltlichen Entstehungsprozesses von Johanna im Zug. Das zeigt schon das erste Bild, auf dem man aus der Perspektive der Künstlerin auf ein leeres Blatt Papier auf einem Schreibtisch voller Mal- und Zeichenutensilien blickt, und auf eine Hand, die einen Bleistift hält. Das sagt auch der erste Satz, aus der Perspektive der Ich-Erzählerin: "Ich zeichne einen langen Zug, / einen Zug mit vielen Wagen. / Ist das schon eine Geschichte?" Nein, aber es wird eine Geschichte, als das kleine Schwein auftaucht, sich in den kreativen Entstehungsprozess einmischt und schließlich selbständig agiert. Letzteres wird dadurch deutlich, dass der Text nun nicht mehr wie auf den vorherigen Seiten in Handschrift auf kariertem Papier steht, sondern in Druckschrift in die Illustrationen von Johannas Geschichte gesetzt ist. Johanna ist der Name, den das Schwein im Laufe der Geschichte erhält. So wie die Schrift, verändert sich auch der Illustrationsstil von Bleistiftzeichnungen hin zu flächigeren, malerischeren Buntstiftbildern.

Der Zug fährt durch einen dunklen Tunnel, durch eine nächtliche Stadt mit erleuchteten Fenstern und durch einen großen Bahnhof. Wenn Johanna der Verlauf der Geschichte missfällt, fordert sie die Zeichnerin auf, ihn zu ändern. Bis diese schließlich fragt: "Gut so, Johanna?", und das kleine Schwein zufrieden ist. So zufrieden, dass sie die Illustratorin bittet, ein neues Blatt Papier zu nehmen und etwas anderes zu zeichnen. Auf dem letzten Bild sieht man erneut den Schreibtisch von der ersten Seite; diesmal hält die Hand einen Buntstift und zeichnet ein Frachtschiff …

Kathrin Schärers Illustrationen sind schön, abwechslungsreich, humorvoll und zeugen von großem Können. Ein wenig erinnert der Stil an Wolf Erlbruch – auch wenn die Schweizerin nicht in Hamburg, sondern in Basel studiert hat. Von eben so hohem Niveau wie die Illustrationen ist die herstellerische Gestaltung des Bilderbuches. Und eben diese Merkmale machen Johanna im Zug zu einem so betrachtenswerten Buch.

Weniger überzeugend ist der Text. Vielleicht liegt das auch an der – für deutsche Ohren etwas befremdlich klingenden – schweizerischen Sprachfärbung. Es sind aber vor allem die eingestreuten Reime, die stören: "Im ersten Abteil sitzt eine Kuh. / Ganz ohne Muh. / Schaut mir beim Zeichnen zu."

Der Verlag empfiehlt das Buch ab fünf Jahren, die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises bereits ab vier Jahren. In diesem Alter können viele Kinder – vor allem ungeübte Buchbetrachter und Geschichtenhörer – ihre eigene Realität noch gar nicht von der textinternen Realität unterscheiden. Das heißt, sie haben noch kein Verständnis dafür, was Fiktion, also Literatur, ist. Geschweige denn, dass sie Schärers – zugegeben gekonntes – Spiel mit den Ebenen verstehen könnten.

Damit soll nicht gesagt sein, dass dieses Buch nicht für Fünfjährige geeignet ist. Aber vielleicht täte man ihnen einen Gefallen, wenn man sie die Geschichte nur anschauen ließe – und den Text ignorierte. Dann könnte Johanna im Zug vielleicht sogar einen Beitrag leisten auf dem Weg der Kinder hin zu dem, was man "literarische Kompetenz" nennt. (Kirsten Waterstraat)


Kathrin Schärer (Text und Illustration)
Johanna im Zug
Atlantis Verlag,
€ 13,90 (D), sFr 24,80 (CH)
Empfehlung des Verlags: ab 5 Jahren
Empfehlung des DJLP: ab 4 Jahren

juvenil

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