Donnerstag, 30. September 2010

Lost in Translation

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis, Sparte Bilderbuch: Um Mitternacht von Eduard Mörike mit Illustrationen von Hannes Binder.

Neu ist es nicht. Das Gedicht "Um Mitternacht" von Eduard Mörike aus dem Jahr 1827. Was es jedoch neu macht, ist Hannes Binders zeichnerische Interpretation. Das alte Gedicht und die neuen Illustrationen sind nun in einem kleinen, länglichen Büchlein erschienen und wurden sogleich für den Jugendliteraturpreis nominiert. Binder untermalt die Verse Mörikes über die personifizierte Nacht, die an Land steigt, mit seinen Illustrationen und setzt hierbei gekonnt die Schabkartontechnik ein. Bei dieser sehr eigenen und unverwechselbaren Technik werden mit Nadeln weiße Striche aus einer schwarzen Farbfläche herausgekratzt.

120-MITTERNACHT
(c) Bajazzo

Binder hüllt also die alten Verse in ein neues Gewand. Und dieses Gewand steht ihnen gut, denn es wirkt mal faszinierend klar und detailverliebt, dann wieder dynamisch und verschwommen. Und treffen diese Beschreibungen nicht ebenfalls auf Mörikes Gedicht, ja auf die Nacht selbst zu? Volltreffer, könnte man zu dieser Kombination also sagen. Dennoch bleibt ein Wermutstropfen. Denn dieses zweifellos wunderbar gestaltete Liebhaberstück setzt beim Leser einen äußerst hohen Grad an Abstraktionsvermögen voraus und wird daher – wie es bei solch speziellen Büchern nun mal ist – den einen Leser herausfordern und begeistern, den anderen jedoch mit einem Gefühl des Unverständnisses und der Überforderung zurücklassen. Doch woran liegt letzteres?

Zum einen ist Mörikes Gedicht (siehe unten) rätselhaft, auf viele Arten deutbar, abstrakt und somit keine leichte Lektüre. Damit soll nicht gesagt werden, dass Jugendliteratur simpel sein muss – keineswegs. Allerdings setzen Binders Zeichnungen in Punkto Komplexität noch eins drauf. Vielleicht zu viel für den einen oder anderen jungen Leser. Auf den ersten Blick scheinen Gedicht und Illustrationen nämlich nichts gemein zu haben. Auf den zweiten Blick erkennt man partiell, dass der Versuch unternommen wurde, den Text modernisiert als Bild darzustellen, sozusagen in die Gegenwart zu transportieren. Zum Beispiel wurde dem Vers, in dem beschrieben wird, dass die "Zeit in gleichen Schalen" ruht – einer Metapher für Mitternacht – eine Illustration zur Seite gestellt, auf der eine Brücke halb im Licht und halb im Schatten zu sehen ist. Und statt "kecker, rauschender Quellen", sieht man auf dem dazugehörigen Bild rauschende Autos auf einer Autobahn. Doch manch eine mögliche Verbindung zwischen Text und Bild erschließt sich dem Leser weder bei der dritten noch bei der vierten Lektüre.

Für manche Leser wird die Rätselhaftigkeit und Unklarheit den Reiz des Buches ausmachen – aber wohl kaum für alle. Denn es drängt sich die Frage auf, ob unerfahrene Gedichtleser – und dazu zählen nun mal viele Jugendliche – durch die Komplexität und Diffusität des Werkes nicht frustriert und abgeschreckt werden? Ist dies also wirklich ein Buch, das ein großes junges Publikum anziehen wird oder vielleicht doch eher ein Liebhaberstück für die erwachsene Leserschaft? Diese Frage wird jeder Leser des Buches – ob jung oder alt – letztlich selbst bei der Lektüre für sich klären müssen. (Anette John)


Eduard Mörike (Text), Hannes Binder (Illustration)
Um Mitternacht
Bajazzo Verlag, Zürich 2009
14,90 Euro (D)
Empfehlung des Verlgas: Für jedes Alter
Empfehlung des DJLP: Ab 16 Jahren


Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet's nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

(Eduard Mörike)

juvenil

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