Dienstag, 28. September 2010

"Niemand soll überredet werden müssen"

Interview mit Franziska Annabelle Lindner, der Programmverantwortlichen für die Kinder- und Jugendprojekte des Literaturhauses Frankfurt am Main
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Diesen September ist das Frankfurter Literaturhaus mit dem neuen Leiter Hauke Hückstädt in die Herbstsaison gestartet. Bei seinem Antritt sprach dieser auch davon, dass man sich zukünftig mit dem Kinder- und Jugendprogramm deutlicher profilieren wolle. Ein Grund für juvenil nachzufragen, was das Literaturhaus in Sachen Kinder- und Jugendliteratur bietet.
Franziska-Lindner-Small-Die Literaturwissenschaftlerin Franziska Annabelle Lindner arbeitet seit Anfang 2009 im Literaturhaus, sie kümmert sich neben allgemeiner Programmorganisation um die Kinder- und Jugendprojekte. juvenil sprach mit ihr über die Merkmale des Literaturhausprogramms für Kinder und Jugendliche sowie die – nicht immer ganz einfache – Literaturvermittlung für die junge Zielgruppe.


Foto: Franziska Annabelle Lindner, (c) privat

Frau Lindner, auf welche Programm-Highlights des Jungen Literaturhauses dürfen wir uns in den kommenden Monaten freuen?
Peter Härtling, Kai Meyer, Philip Waechter und seine Kollegen aus der Ateliergemeinschaft LABOR – für mich reiht sich da ein Höhepunkt an den anderen. Im September wird mit Härtling einer der ganz Großen der deutschen Kinderliteratur seinen ersten Kinderroman nach zehn Jahren einem Schülerpublikum präsentieren. Im Oktober liest dann der Fantasy-Autor Kai Meyer aus dem von vielen sehnsüchtig erwarteten neuen Arkadien-Band. Im November wird gebastelt und gemalt mit den "Laboranten“. Ausgangspunkt ist hier das neue Gemeinschaftsprojekt Kinder Künstler Mitmach-Buch. Ein großer Spaß!
Außerdem geht im Oktober das "Schreibzimmer“ in eine neue Runde. Schreibbegeisterte Schüler feilen dann bei uns im Literaturhaus mit bekannten Autoren in einer Prosa- und einer Lyrikwerkstatt an ihren Texten. Schließlich trifft sich das Jungautorenkollektiv "sexyunderground“ im Herbst wieder öfter im Literaturhaus – Ehemalige des Schreibzimmers. Nach der Sommerpause freue ich mich auf ein Wiedersehen.

Welche Altersgruppen sprechen Sie mit Ihrem Programm an?
Für die Allerjüngsten ab drei Jahren gibt es bspw. Bilderbuch-Kino. Das ist die absolute Altersuntergrenze, darunter geht es nicht! Mit den Schreibwerkstätten wenden wir uns an Jugendliche ab 16 Jahren. Wenn Kai Meyer aus Arkadien brennt liest, dann ist das ab 14 Jahren und nach oben hin offen. Die meisten Veranstaltungen sind für Unter-12-Jährige, da ist die Nachfrage besonders groß.

Sie haben Lesungen die abends, und andere die vormittags stattfinden im Programm. Letztere richten sich wohl an Schulklassen. Welche Idee steckt hinter diesen unterschiedlichen Veranstaltungszeiten?
Die Zeiten richten sich nach der Zielgruppe. Unsere Kinderbuch-Sonntage sind ein Angebot für Familien mit kleinen Kindern. Am Wochenende haben die Eltern in der Regel Zeit; und der Kinderbuch-Sonntag ist einen Ausflug mit dem Nachwuchs zum Literaturhaus Wert.

Veranstaltungen unter der Woche am Vormittag richten sich selbstverständlich an Schulklassen. Das ist neu bei uns. Auf diesem Wege wollen wir auch diejenigen erreichen, die sonst vielleicht nicht ins Literaturhaus kämen, die vielleicht auch durch die Eltern gar keinen Zugang zu Büchern haben. Schülerlesungen sind auch ein Weg, um jugendliche Leser mit Autoren bekannt zu machen – in der Freizeit würde doch kaum einer zur Lesung eines Jugendbuchautors kommen. Kein Teenager interessiert sich für den Jugendliteraturpreis oder für KJL-Diskussionen im Feuilleton. Auch Romane, die mehr auf Jugendkultur setzen, gut gemachte Bücher mit hohem Unterhaltungswert, werden ihre Zielgruppe kaum bei Autorenlesungen am Nachmittag oder Abend finden – sofern die Autoren keinen Kultstatus haben. Lesungen zählen einfach nicht zu den bei Jugendlichen populären Ereignissen. Wir haben den Fantasy-Autor Kai Meyer eingeladen, weil er gute Bücher schreibt und bei jungen Lesern sehr beliebt ist. Er liest übrigens am Abend. Wir sind gespannt, ob seine Leser zu uns finden.

Weiter gilt wohl, dass wir Literaturvermittler genauer überlegen sollten, wie sich zeigen lässt, wie spannend und "cool“ Literatur(-erleben) sein kann. Auch mit Veranstaltungsformaten lässt sich mehr experimentieren, um näher an die Gewohnheiten jüngerer Leser heranzukommen. Niemand soll überredet werden müssen. Leidenschaft wecken, das ist es. Und gleichzeitig vielleicht auch akzeptieren, dass es in manchen Lebenszeiten möglicherweise Wichtigeres gibt. Das ist nicht das Ende der Buchkultur.

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Timo Parvela signiert im Literaturhaus Frankfurt, April 2010
(c) Outi Kyytsönen


Literaturhäuser sind keine Orte, die man automatisch mit jungem Publikum in Verbindung bringt. Sind Ihre Veranstaltungen denn gut besucht?
Das ist sehr unterschiedlich. Unsere Lesungen für Grundschulklassen sind alle sehr gut besucht, hier ist großer Bedarf. Die Lehrer haben in der Grundschule aber auch mehr Freiheiten als in höheren Schulstufen. Immer wieder höre ich von dem enormen Druck der Gymnasiallehrer, mit G8 (Gymnasiale Schulzeitverkürzung, Anm.d.Red.) und allen Einschränkungen, die dazu gehören. Ich finde es auch schade, dass manche Lehrer mit ihrer Klassenlektüre so festgelegt sind – in der Regel wird auf Altbewährtes zurückgegriffen. Bei der Auswahl der Autoren für Schülerlesungen richte ich mich also immer auch ein wenig nach den Lehrern.

Kinderbuch-Sonntage sind gut besucht. Auch hier gilt: Je jünger das angesprochene Publikum, desto einfacher. Hier gilt aber selbstredend auch: Je bekannter der Autor, desto mehr Besucher. Aus eben diesem Grund lade ich gerne bekannte Autoren ein. Wenn ein Autor im Kindergarten liest, dann ist der Raum vielleicht bei 30 Kindern proppenvoll. In unseren Sälen ist Platz für bis zu 200 Kinder.

Auf der anderen Seite muss gesagt werden, dass eine gelungene Veranstaltung sich nicht nach der Masse der Besucher richtet. Das fällt leider oft unter den Tisch beim Thema Besucherzahlen. Manche Veranstaltungen funktionieren nicht mit mehr als 25 Kindern. Mal abgesehen davon, halte ich es auch nicht für richtig, nur auf die Bestseller zu setzen, um die Räume zu füllen. Wenn ein jüngerer, noch nicht so bekannter Autor eine schöne Veranstaltung für 30 Kinder macht, dann ist das genauso richtig und wichtig. Am Ende muss aber auch ich auf die Zahlen schauen. Wir bespielen ein prächtiges Haus, von der Struktur her sind wir aber ein gemeinnütziger Verein mit begrenzten Mitteln.

Mit Veranstaltungen für Jugendliche experimentieren wir noch, da lässt sich nichts zu den Besucherzahlen sagen. Nur so viel: Das ist eine Herausforderung, der wir uns gerne stellen. Bei den Jugendlichen unserer Schreibwerkstätten fällt allerdings auf, dass sie oft weniger Berührungsängste mit dem Haus haben als mancher Erwachsene.

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Literaturhaus Frankfurt

Wie gestaltet sich die Öffentlichkeitsarbeit für das Junge Literaturhaus? Wie sprechen Sie Ihr Zielpublikum an, die Kinder und Jugendlichen, und wie die Vermittler, also Lehrer, Erzieher und Eltern?
Zurzeit setzen wir vor allem auf die Vermittler. Bei den Lesungen für Schulklassen müssen schließlich die Lehrer überzeugt werden, bei Kinderbuch-Sonntagen die Eltern. Die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit läuft über die üblichen Wege – von Newslettern und Pressebriefen über spezielle Flyer, unser Programmheft und Plakate bis hin zur Webseite. Und natürlich immer auch persönliche Kontakte. Neu ist, dass wir jetzt auch Wege der social media ausprobieren. Wir sind den Kommunikationswegen der Jugendlichen auf der Spur.

Der neue Leiter des Literaturhauses, Hauke Hückstädt, hat gesagt, dass man sich mit dem Kinder- und Jugendprogramm deutlicher profilieren wolle. Was ist für die Zukunft geplant?
Zunächst müssen Gelder aufgetan werden, um Kinder- und Jugendprojekte finanzieren zu können. Dann werden wir schauen, auf welche Art und Weise wir weiter vorgehen wollen und können.

Hauke Hückstädt hat auch darüber gesprochen, dass die Literaturvermittlung für Kinder und Jugendliche weit im Rückstand sei, im Vergleich zum Sport oder zu Angeboten von Museen. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Viele Museen und Theater bieten ein hervorragendes pädagogisches Programm, fernab von reiner "Bespaßung“ des Nachwuchses. Ich habe Hochachtung vor dem, was in Frankfurt bspw. das Museum für Moderne Kunst oder das Städel vermittlerisch leisten. Hier gibt es allerdings in der Regel auch eigene Stellen nur für das Kinder- und Jugendprogramm. Im Theater und Museum hat man schon längst den Wert erkannt – wenn auch nach einem mühevollen Weg. In der Literatur sieht es anders aus, hier ist noch viel zu tun. Vielleicht liegt eine Schwierigkeit darin, dass Kunst und Schauspiel auf den ersten Blick mehr Reize versprechen, eine offenere Sinnlichkeit transportieren. Literatur wirkt erst einmal mühsam.

Dass die Kinder- und Jugendliteratur es nicht einfach hatte und hat, auch von Erwachsenen ernst genommen zu werden, ist ja hinreichend bekannt. Wenn "Die Zeit" sich entscheidet, die Kinder- und Jugendliteraturkritik aus dem Feuilleton in das Ressort Wissen auf die Kinderseite zu verlegen, dann spricht das für sich. Um das Kinder- und Jugendprogramm bei uns im Literaturhaus auszubauen, sind Drittmittel vonnöten.

Vielen Dank für das Interview, Frau Lindner!
Die Fragen stellte Kirsten Waterstraat

Junges Literaturhaus
Programm September bis Dezember 2010 (pdf)

juvenil

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