Dienstag, 28. September 2010

"Wer will schon in dieses blöde Großmutterhaus! Gehe ich lieber zum Sieben-Geißlein-Haus, ätsch-bätsch!“

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis, Sparte Bilderbuch: Wenn ich das siebte Geißlein wär' von Karla Schneider und Stefanie Harjes
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(c) Boje

Da liegen sie in ihren Betten: Ottinka Taube und ihr kleiner Freund – mit dem Märchenbuch der Gebrüder Grimm auf der Bettdecke und der Geschichte von Rotkäppchen im Kopf. Was würde ich an Stelle des Jägers machen, fragt sich der Junge und beginnt zu erzählen. Doch Ottinka bleibt kritisch, hakt nach, argumentiert und widerspricht. Und so entfaltet sich ein Dialog, wie ihn nur Kinder führen können:
„Wenn ich der Wolf wäre – sagt Ottinka Taube –, würde ich dir gegenüber tun, als hättest du mich überzeugt. [...] Inzwischen kann ich es vor Gier kaum noch aushalten. Mmpff, mmpff, das leckere Rotkäppchen, mmpff, Großmutter als Nachtisch! – Denkst du dir! Weißt du, wo ich nämlich bin? Ich sitze ganz gemütlich im Großmutterhaus und trinke mit der Großmutter Kaffee. [...] Wenn du die Türklinke auch nur anfasst, knallt Rotkäppchen dir mit dem Katapult Steine auf den Pelz: peng! peng!“

Es entsteht ein rasanter Rollentausch. Ottinkas kleiner Freund ist Jäger, Geißlein und Geißmutter. Ottinka aber bleibt der Wolf, böse und schlau. Die beiden Kinder spinnen auf unterhaltsame und fantastische Art und Weise die Märchen Rotkäppchen und Der Wolf und die sieben Geißlein weiter, bis dabei ihre eigene Geschichte entsteht. Am Ende fällt der Wolf nicht in den Brunnen, sondern kehrt in Form zweier Wolfskinder zur Geißmutter zurück. Die adoptiert die beiden und versucht sie zu erziehen. Doch so einfach ist das nicht, schließlich siegt der Wolfscharakter und die Geißmutter muss die Kinder schweren Herzens ziehen lassen. Im Bild drückt sich das so aus: Ottinka, die mittlerweile ganz der Wolf ist, wird von einer Krankenschwester aus dem Zimmer gebracht, während ihr kleiner Freund – in Menschengestalt und mit einem Stoffgeißlein im Arm – ihr von seinem Bett aus traurig hinterher blickt. „Mach´s gut, Kleiner, mach´s gut! – Du auch, Ottinka. Mach´s gut ...“

Karla Schneider hat ihrer Protagonistin in dem Bilderbuch Wenn ich das siebte Geißlein wär´ nicht nur einen wunderbaren Namen gegeben, sondern Ottinka und ihrem kleinen Freund auch noch einen überaus gelungen Dialog angedichtet, der witzig und verrückt ist und zugleich seltsam melancholisch anmutet.
Der Illustratorin Stefanie Harjes ist es gelungen, die verschiedenen Stimmungen des Textes mit passenden Collagen zu unterstreichen. Die Bilder sind mal chaotisch, mal skurril oder einfach nur schön. Das Rotkäppchen-Rot wird durch ein kräftiges Pink ersetzt und bildet einen starken Kontrast zum Wolfsgrau. Ebenso wie die Fantasie der Kinder sind auch die Bilder einfallsreich und gruselig zugleich.
Schneider und Harjes haben ein Märchenbuch geschaffen, das, wie es sich für diese Gattung gehört, für Kinder und Eltern gleichermaßen lesenswert ist – in diesem Fall für Letztere vielleicht sogar noch ein wenig mehr. (Sandra Ladwig)


Karla Schneider (Text), Stefanie Harjes (Illustrationen)
Wenn ich das siebte Geißlein wär´
Boje, Köln 2009
14,95 € (D)
Altersempfehlung DJLP: Ab 4

juvenil

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