Mittwoch, 22. September 2010

Eine Graphic Novel für Kinder, die ihre Leser ernst nimmt

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis, Sparte Kinderbuch: Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen von Jean Regnaud mit Illustrationen von Émile Bravo.

Meine-Mutter-Carlsen
(c) Carlsen Verlag

Jean ist noch klein. Er ist gerade erst eingeschult worden und lernt Lesen. Er mag Eiskakao, glaubt an den Weihnachtsmann und bekommt Schweißausbrüche, wenn er in der Schule nach seiner Mama gefragt wird. Denn sie ist nicht da. Wo sie ist, würde ihn brennend interessieren, aber er traut sich nicht, zu fragen. Seiner zwei Jahre älteren Nachbarin Michèle erklärt Jean: „Sie ist auf Reisen!“ Michèle guckt zwar etwas erstaunt, aber kurze Zeit später hat sie für Jean eine Überraschung. Eine Postkarte von seiner Mama – aus Spanien, später noch eine aus der Schweiz und sogar eine aus Amerika, auf der die Mutter berichtet, Buffalo Bill getroffen zu haben. Doch eines Tages gibt es Streit zwischen Jean und Michèle und sie konfrontiert ihn mit zwei Wahrheiten, die man ihm bisher verheimlicht hat: Es gibt weder den Weihnachtsmann, noch seine Mama – denn sie ist tot.

Die französische Graphic Novel Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen ist ein Kleinod, das liebevoll und einfühlsam die kindliche Sicht auf die Welt einfängt. Diese Welt ist voller Leerstellen, die es für Jean zu füllen gilt, mit Phantasie und manchmal auch mit Wunschdenken. Eine Welt, in der Jean vieles merkwürdig oder beängstigend findet, zum Beispiel Schulpsychologen, die komische Fragen stellen oder alte Freundinnen der Oma, die einen bemitleiden, ohne ersichtlichen Grund. Eine magische Welt, in der der Weihnachtsmann nachts durchs Fenster steigt. Eine Welt, in der die Großen etwas wissen, was man selbst nicht weiß. Was man vielleicht aber auch noch gar nicht so genau wissen möchte – oder vielleicht doch? Denn ebenso wie Erwachsene, haben auch Kinder den Drang, die Dinge zu verstehen.

Die Verknüpfung von Text und Bild ist schlichtweg kongenial. Jean Regnaud erzählt konsequent aus der Perspektive der Hauptfigur und Émile Bravos Illustrationen, die ein stückweit an René Goscinnys „Der kleine Nick“-Zeichnungen erinnern, jedoch wesentlich farbintensiver ausfallen, unterstreichen das Erzählte und ergänzen es auf stimmige Art und Weise.

Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen nimmt seine kindlichen Leser und ihre Sorgen ernst. Die Graphic Novel erzählt leichtfüßig und mit Humor von dem, was schwer ist im Leben. Vom Tod, von den kleinen Schritten hin zum Erwachsenwerden und den vielen unbequemen Fragen von Kindern, die sie manchmal nicht zu stellen wagen. (Anette John)


Jean Regnaud (Text), Émile Bravo (Illustration)
Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen
Aus dem Französischen von Kai Wilksen
Carlsen, Hamburg 2009
Euro 17,90 (D)
Altersempfehlung des DJLP: Ab 8

juvenil

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