Samstag, 3. März 2012

Kiwi-Kolumne

„Am Ende der Welt zu sein hat viele Vorteile
– wenn man ein Pinguin ist“

Interview mit Kinderbuchautor Kyle Mewburn

Kyle Mewburn hat neben einigen Erzählungen für Kinder zahlreiche Bilderbuchtexte verfasst, unter anderem Kiss! Kiss! Yuck! Yuck! (New Zealand Post Picture Book of the Year 2007) und sein bisher erfolgreichstes Buch Old Hu-Hu (New Zealand Post Children’s Book of the Year 2010). Ins Deutsche übersetzt wurde bislang nur das 2007 erschienene No Room for a Mouse (Kein Platz im Haus für eine Maus, Urachhaus 2008). Der Autor lebt mit seiner Frau in einem selbstgebauten Haus mit Grasdach in Central Otago auf der dünn besiedelten Südinsel Neuseelands.

(c) Logo: Frankfurter Buchmesse

Mr. Mewburn, die meisten Ihrer Bilderbücher haben unterschiedliche Illustrationsstile, weil Sie mit verschiedenen Illustratoren und Illustratorinnen zusammenarbeiten. Wie viel Einfluss haben Sie auf die Gestaltung der Bilder?
Ich habe fast gar keinen Einfluss auf die Illustrationen. Ich mache nicht einmal Vorschläge, es sei denn, es muss unbedingt etwas zu sehen sein, das im Text nicht erwähnt wird. Ich bin kein sehr visuell denkender Mensch, für mich geht es um die Worte. Darum lasse ich die Illustratoren meine Texte auf ihre Weise interpretieren. Wenn ich in den ersten Bildern sehe, wie meine Geschichte zum Leben erweckt wird, ist das ein Highlight – ich habe immer einen richtigen Adrenalinrausch!

Ihr Bilderbuch Old Hu-Hu war das neuseeländische Kinderbuch des Jahres 2010. Darin verwenden Sie eine sehr spielerische und zugleich poetische Sprache und wechseln zwischen Prosa und Reim. Haben Sie absichtlich durchgängigen Reim vermieden? Wie haben Sie den Text entwickelt?
Den richtigen Ton oder die richtige Stimme zu finden ist eine der größten Herausforderungen bei einem Bilderbuch. Man muss die Geschichte zum Sprechen bringen. Geschichten sind sehr scheue Wesen (meine zumindest). Sie lassen sich in eine Ecke plumpsen und dann sitzen sie da und warten – wie Debütanten bei einer Tanzveranstaltung. Ich umkreise und beäuge sie eine Weile. Irgendwann beginnt eine davon, mit mir zu liebäugeln, dann bitte ich sie um einen Tanz. Manchmal reicht das schon und wir tanzen einen fröhlichen Walzer. Meistens ist der erste Versuch allerdings eher wie ein Wrestling-Kampf mit einem verärgerten Oktopus.
Old Hu-Hu war besonders schüchtern. Ich hatte eine ungefähre Idee: Ich wollte eine Geschichte über den Tod schreiben, die verschiedene religiöse bzw. philosophische Konzepte anspricht – ein solches Buch war mir bis dahin nie begegnet. Zuerst habe ich versucht aus der Sicht eines Jungen zu schreiben, aber das Ergebnis war furchtbar. Jahrelang habe ich mit der Geschichte gerungen, bevor mir die Idee kam, über einen Huhu-Käfer zu schreiben. Das war perfekt! Huhu-Käfer lassen einen leeren Panzer zurück (gibt es eine bessere Metapher für den Tod?) und das Wort Huhu eröffnet zahlreiche poetische Möglichkeiten.
In einem Bilderbuch steht für mich mehr der Rhythmus als der Reim im Vordergrund. Reim ist zu einschränkend und strukturiert. In Old Hu-Hu habe ich mit dem Laut „uh“ rhythmische Klangmuster erzeugt: „Old Hu-Hu flew to the moon and back ...“. Beim Schreiben der Geschichte sprangen plötzlich Reime auf die Seite, insbesondere in den Dialogen. Meine Lektorin war erst darüber beunruhigt, dass der Text „plötzlich in Reim verfällt“, aber ich habe sie letztendlich überzeugen können.

Bisher haben Sie vor allem Bilderbücher und kurze Kinderromane veröffentlicht, momentan arbeiten Sie aber an einem Jugendbuch. Finden Sie es schwierig, an längeren Texten zu arbeiten? Auf Facebook haben Sie sich beschwert, sie bekämen einen „Autorenhintern“ vom vielen Sitzen ...
Romane schreiben ist sicherlich ein intensiverer Prozess, weil man mehrere Handlungsstränge über einen langen Zeitraum im Griff haben muss. Meine Frau mag es nicht, wenn ich Romane schreibe, weil ich dann oft abgelenkt und in meiner eigenen Welt bin. Und ja, es ist auch physisch anstrengender, weil man so lange Zeit an den Schreibtisch gekettet ist. Man bekommt also nicht nur einen Autorenhintern, sondern hat auch Koffeinschocks und entwickelt das Mausfinger-Syndrom.
Aber meine wahre Leidenschaft gilt den Bilderbüchern.

Sie kommen ursprünglich aus Brisbane in Australien, leben aber seit über 20 Jahren in Neuseeland und gelten als neuseeländischer Autor. Sehen Sie sich selbst denn als neuseeländischen Autor?
Ja, ich denke, ich bin ein neuseeländischer Autor. Ich fühle mich in Neuseeland heimisch und finde es absolut inspirierend Teil eines so lebhaften, freundlichen und unterstützungsfreudigen Marktes zu sein. Allerdings glaube ich, dass im Werk eines Autors auch immer seine Erfahrungen anklingen, daher bin ich auf eine gewisse Weise auch ein australischer Schriftsteller. Die Tatsache, dass ich viele Jahre in Europa verbracht habe (und eine Deutsche geheiratet habe) beeinflusst mein Schreiben sicherlich auch. Also obwohl ich mich als neuseeländischen Autor sehe, sind meine Geschichten nicht neuseelandspezifisch. Meine längeren Texte haben zwar oft ein neuseeländisches Setting, aber die Probleme, von denen sie handeln, sind universell.

Sie haben sowohl kommerzielle Bücher als auch Lesehefte für den Schulunterricht veröffentlicht. Was ist am Schreiben für dieses Segment anders?
Ich finde es sehr präskriptiv und einschränkend. Auf der einen Seite ist es eine Herausforderung, eine Geschichte zu schreiben, die den (oft sehr umfangreichen) Kriterien entspricht, andererseits finde ich es auch etwas demoralisierend, Worte in eine Zwangsjacke zu stecken. Ich muss wirklich all meine instinktiven poetischen und lyrischen Bestrebungen beiseite drängen, um diese Texte schreiben zu können.

Sie reisen demnächst als Teil eines neuseeländischen Autorenteams zur Leipziger Buchmesse. Was ist Ihre Mission? Was erwarten Sie von der Messe?
In Leipzig wollen wir vor allem auf internationaler Ebene ein bisschen Rummel um Neuseeland machen. Für mich persönlich ist es eine Gelegenheit, meine Geschichten einem breiteren bzw. anderen Publikum vorzustellen und natürlich auch Autoren und Verleger aus anderen Ländern zu treffen.
Das größte Ziel ist aber, dass Damien Wilkins [neuseeländischer Autor, Anm. d. Red.] und ich die erste Autoren-Tischfußball-Meisterschaft gewinnen. Das wäre bei weitem der größte Erfolg in der neuseeländischen Fußballgeschichte!

Was erhoffen Sie sich von Neuseelands Auftritt als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse?
Am Ende der Welt zu sein hat viele Vorteile – wenn man ein Pinguin ist. Für Autoren (und andere Künstler) ist es eine ziemliche Herausforderung, außerhalb Neuseelands auf sich aufmerksam zu machen. Ich denke, dass Neuseeland eine der dynamischsten und kreativsten Kinderliteraturszenen der Welt hat. Wir haben so viele talentierte Autorinnen und Autoren, die auf Weltniveau schreiben. Angesichts der Flut von Büchern, die aus dem Ausland nach Neuseeland (vor allem aus den USA) schwappt, ist es doch eine Schande, dass es nicht mehr neuseeländische Titel an andere Ufer schaffen. Ehrengast bei der Buchmesse zu sein, wird das Problem natürlich nicht lösen, aber es wird hoffentlich mehr Verlage dazu anregen, in den wimmelnden neuseeländischen Gefilden zu fischen.
Hmmm, vielleicht sollte ich ein Megafon mit nach Leipzig nehmen …

Werden Sie vor oder nach der Messe in Leipzig Zeit haben, um in Deutschland zu reisen? Werden Sie Ihre deutschen Verwandten besuchen?
Meine Frau Marion und ich werden insgesamt drei Wochen in Deutschland verbringen, die meiste Zeit in Offenbach am Main, bei ihrer Familie. Aber wir haben vor, den ältesten neuseeländischen Einwohner Deutschlands zu besuchen: einen Tuatara (das ist eine Brückenechse) im Berliner Zoo. Also werde ich vielleicht in Berlin sein, was toll wäre, denn Berlin ist eine meiner Lieblingsstädte weltweit.

Was ist Ihr liebstes deutsches Kinder- oder Jugendbuch?
Mein liebstes deutsches Bilderbuch ist Ente, Tod und Tulpe von Wolf Erlbruch. Er ist ein Meister der Bilderbuchkunst.

Welche neuseeländischen Kinder- und Jugendbuchautoren lesen Sie gerne?
Margaret Mahy nimmt natürlich in der neuseeländischen Kinderliteratur einen besonderen Platz ein. Abgesehen von ihr mag ich am liebsten Ruth Pauls Bilderbücher, Brian Falkners Kinderbücher und Fleur Beales Jugendbücher.

Und schließlich: Was sehen Sie, wenn Sie von ihrem Schreibtisch aufblicken?
Ich sehe Bäume und Weiden voller Schafe – durch ein sehr dreckiges Fenster.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg in Leipzig und Frankfurt!

Die Fragen stellte Anne Siebeck, die auch die Übersetzung anfertigte.

juvenil

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