Samstag, 21. August 2010

In das Bild hineinlocken

Ali Mitgutsch, der Erfinder des "sich selbst erzählenden Bilderbuchs" wird 75

Es dürfte ein schönes Geburtstagsgeschenk für Ali Mitgutsch sein, dass im Jahr seines 75. Geburtstags viele seiner Bilderbücher noch oder wieder erhältlich und prominent in den Buchhandlungen platziert sind. Bekannt wurde er mit den Wimmelbüchern – wobei Mitgutsch selbst den Terminus des "sich selbst erzählenden Bilderbuchs" bevorzugt.

Das erste dieser Bücher ohne Worte war Rundherum in meiner Stadt, das 1968 erschien und ein Jahr später den Deutschen Jugendbuchpreis erhielt. Die Idee dazu basiert auf Gesprächen mit einem Kinderpsychologen, der den Künstler um ein Buch gebeten hatte, in dem „viel drin“ sei, schließlich arbeite er über lange Zeit hinweg mit seinen Patienten.

Mitgutsch-Rundherum-in-meiner-Stadt

Rundherum in meiner Stadt wurde bisher mehr als 1,3 Millionen Mal verkauft. Auch wenn Mitgutsch sich erinnert, dass die Abverkäufe anfangs nicht berauschend gewesen seien, auch nach der Auszeichnung mit dem Deutschen Jugendbuchpreis nicht. Aber von Jahr zu Jahr haben sich die Auflagen gesteigert, was der Illustrator auf die Mundpropaganda unter den Kindern zurückführt. "Ich flirtete nie mit den Erwachsenen, wenn ich ein Bilderbuch gemacht habe", erklärt Ali Mitgutsch seinen Erfolg. Insgesamt wurden seine Bücher allein in Deutschland über fünf Millionen Mal verkauft, international kommen noch einmal mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare hinzu. Seine Bücher sind bislang in 19 Sprachen erschienen.

Und erfreuen mittlerweile schon mehrere Generationen neugieriger Betrachter. Ab einem Alter von ungefähr zwei Jahren können Kinder die Bücher anschauen – und brauchen dazu keine Erwachsenen, die ihnen vorlesen. Denn die Bilder erzählen sich ja selbst. Und die abgebildeten Momentaufnahmen bieten unzählige Möglichkeiten, die Geschichten fortzuspinnen.

An diesen Bildern kann man sich nicht satt sehen, man kann sie stundenlang betrachten, oder auch jahrelang immer wieder. Wobei das Wiedererkennen mindestens genauso viel Freude bereitet, wie das Entdecken neuer Szenerien. Noch heute sehe ich die Strandszene aus Komm mit ans Wasser vor mir, die ich in den 1980er Jahren so oft betrachtet habe. Und nie werde ich vergessen, was ich damals am interessantesten fand: ein nackter Po, der aus einer Umkleidekabine hervorlugt und ein knutschendes Pärchen in einem Strandkorb. Große Freude bereiteten auch die Querschnitte von Gebäuden oder zum Beispiel einem großen Schiff. Das Nebeneinander von Menschen, die, nur durch Wände voneinander getrennt, mit völlig unterschiedlichen Dingen beschäftigt sind, heizt die Phantasie an.

"Ein Chronist der Welt im Kleinen", so wurde Ali Mitgutsch anlässlich einer Ausstellung zu seinem 70. Geburtstag genannt (der Katalog zur Ausstellung kann über die IJB bezogen werden). Und der Ravensburger Verlag vergleicht seine Wimmelbildwelten mit denen altniederländischen Meister der Miniaturmalerei, wie Hieronymus Busch oder Pieter Breughel d.Ä. Wie diese erschafft er alltägliche Bildwelten, voller Bewegung und kleinster Details. Gleichzeitig finden große und kleine, schöne, lustige und traurige, alltägliche und außergewöhnliche Geschehnisse statt. Auf einem Wimmelbild von Ali Mitgutsch findet man "100 Hauptpersonen, keine Statisten", wie Wenke Husmann 2005 auf zeit.de schrieb.

Die ästhetische Pracht von Mitgutschs Bildern liegt in den Farben begründet, so Husmann: "Die Badeszene schwelgt in Türkisblau, das Mietshaus – ganz ohne Tristesse – in Graubraun. Jedes Kleidungsstück, jedes Detail vom Handtuch bis zur Bratpfanne folgt diesem Farbkonzept. Der Gesamteindruck dankt es."

Dass die großformatigen Bilderlandschaften nicht zu wimmelig sind, liegt an Mitgutschs Können, "Bilder zu entwerfen, bei denen die Details nicht irritieren, sondern im Gegenteil immer weiter in das Bild hineinlocken", wie er einmal selbst gesagt hat.

Mitgutsch-Mein-schoenstes-Wimmel-Bilderbuch

Ali Mitgutsch wurde am 21. August 1935 in München geboren. Viel Lebenszeit verbrachte er auf Reisen, u.a. nach Lappland, Marokko, Russland, Mexiko, Ägypten, Indien, Japan und in viele andere Länder. Er hat drei Kinder und lebt mittlerweile sowohl in Schwabing als auch auf einem Hof in Niederbayern. Seine Künstlerkarriere begann Mitgutsch zunächst als Graphiker, sein erstes Bilderbuch, Pepes Hut, erschien 1959. Mittlerweile umfasst das 'Mitgut'sche' Gesamtwerk mehr als 70 Kinderbücher, Leporellos, Poster und Puzzles, darunter auch über 40 Schulbücher, die der Bilderbuchkünstler für den Oldenbourg-Verlag gestaltet hat.

Bei Ravensburger sind heute u.a. die Klassiker Rundherum in meiner Stadt, Auf dem Lande, Bei uns im Dorf, Komm mit ans Wasser und Hier in den Bergen lieferbar. Auch zwei Riesenbilderbücher im Format 41 x 61 cm sind erhältlich, sowie die Jubiläumsausgabe Mein schönstes Wimmel-Bilderbuch, ein umfangreicher Sonderband (30 Seiten) mit einer Auswahl der schönsten Wimmelbilder von Ali Mitgutsch, zum Beispiel im Zoo, auf dem Bauernhof, im Schwimmbad und auf dem Flughafen.

Als Erfinder des "sich selbst erzählenden Bilderbuchs" hat Mitgutsch eine ganz Schar von Nachahmern hervorgerufen. Zurzeit wimmeln die Buchhandlungen von diesen Bilderbüchern. Aber die einzig ebenbürtige Nachfolgerin von Ali Mitgutsch ist Rotraut Susanne Berner. Es reicht eben nicht, möglichst viel in ein Bild hinein zu malen. Auf das Erzählen kommt es an – auch ohne Worte. (kw)


Quellen:
- Materialien von Ravensburger
- Wenke Husemann: 100 Hauptfiguren, keine Statisten (zeit.de)

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