Mittwoch, 11. August 2010

Gedankenspiel mit dem Nichts

Über Nichts von der dänischen Autorin Janne Teller wird derzeit viel geschrieben. Man liest von Nihilismus, von einem mutigen Buch, von Schulen, in denen die Lektüre verboten wurde. Suggeriert wird, dass Nichts großen Einfluss auf die jungen Leserinnen und Leser habe, dass es verstörend wirken könne.

Nichts-von-Janne-Teller

An einem sonnigen Augusttag schlägt die Rezensentin zögernd die erste Seite auf und fragt sich, ob sie wirklich Lust darauf habe, in den kommenden Stunden davon überzeugt zu werden, dass das Leben keinen Sinn macht, weil nichts eine Bedeutung hat. Am Ende der Lektüre fühlt sie sich von derlei Zweifeln nicht gepackt, hat sie der Nihilismus nicht verführt.

Doch zurück zum Anfang. Die Geschichte ist schnell erzählt. Pierre Anthon, Schüler der siebten Klasse, verlässt am ersten Schultag nach den Sommerferien den Klassenraum, um fortan in einem Pflaumenbaum sitzend sich im 'Nichts' zu üben und seine Mitschüler, mit Pflaumen bewerfend, davon zu überzeugen, dass nichts eine Bedeutung habe, dass sie nur Staubkörner im Weltall sind, dass aber selbst das Weltall auf dem besten Wege ist, im Nichts zu vergehen. Die Schüler reagieren gleichermaßen verunsichert und wütend auf Pierre Anthon und beschließen, seinem Nichts etwas von Bedeutung entgegenzusetzen. So entsteht in einem leerstehenden Sägewerk der "Berg der Bedeutung", auf dem die Siebtklässer alles stapeln, was für sie von Bedeutung ist. Angefangen mit einer alten Puppe, gleichen die Dinge immer stärker Opfern, die die Schüler der Bedeutung darbringen müssen. Es entwickelt sich ein perfides Spiel, in dem die Siebtklässler sich gegenseitig zwingen, immer größere Opfer zu bringen. So landen auf dem Berg der Bedeutung schließlich ein exhumierter Kindersarg, ein geköpfter Hund, die sexuelle Unschuld von Sofie und Jan-Johans Zeigefinger. Dieser Finger ist das Ende der Spirale, die Klasse fliegt auf und nach der Polizei und den Eltern erfährt die Presse vom Berg der Bedeutung. Zuerst die lokale, dann die überregionale und schließlich die internationale. Ist die Geschichte zunächst eine unheimliche Sensation, wird sie bald zum Thema der Kunstkritik. Die ganze Welt scheint sich für den von Kindern zusammengetragenen Dingberg in einer dänischen Kleinstadt zu interessieren, alle messen ihm Bedeutung bei – nur Pierre Anthon nicht. Der sitzt mittlerweile schon ein halbes Jahr auf seinem Baum. Als die Schüler auf das Angebot des New Yorker MoMAs eingehen, und den Berg der Bedeutung verkaufen wollen, verhöhnt er sie: Wenn der "Misthaufen" auch nur die geringste Bedeutung hätte, würden seine Mitschüler ihn doch wohl nicht verkaufen, oder? Damit trifft er ins Mark und die Geschichte eskaliert.

Nichts ist im Grunde weniger eine Erzählung über den Sinn des Lebens, als darüber, wozu Kinder fähig sind. Wie grausam sie sein können. Das kennen wir aus Die Welle oder Der Herr der Fliegen. Während einen bei der Lektüre von Lord of the flies aber das Grauen packt und man tatsächlich an der Menschheit zu zweifeln beginnt, liest sich Nichts wie ein Gedankenspiel.

Die Erzählung ist kein philosophischer Text, der das Thema "Bedeutung" erörtert (es wäre übrigens interessant zu wissen, welches Wort im dänischen Original die Vorlage für das deutsche Wort "Bedeutung" ist). Zugunsten der Spannung machen Pierre Anthons Auslassungen nur einen Bruchteil des Textes aus, ebenso wie die Gedanken der Ich-Erzählerin über das, was der Junge auf dem Baum sagt. Das ist die richtige Entscheidung der Autorin, aber leider gelingt es ihr nicht, eine Stimmung aufkommen zu lassen, die einen als Leser in die Gefühlswelt der Kinder hineinzieht. Vielleicht ist der Text dafür auch einfach zu kurz, bleiben die Figuren zu konturlos, selbst die Ich-Erzählerin. Sie berichtet das Ganze acht Jahre später, aber in dieser Zeit scheint sich ihre Perspektive kaum verändert zu haben. Von Gewissen keine Spur.

Der deutsche Verlag nennt Nichts eine Parabel ("Eine erschütternde Parabel über die Suche nach dem Sinn des Lebens"). Ein Roman, wie in verschiedenen Rezensionen zu lesen, ist Nichts nicht. Als Parabel aber hätte der Erzählung womöglich eine noch stärkere Verknappung gut getan. Eine Information wie zum Beispiel die, dass Pierre Anthon mit seinem Altachtundsechziger-Vater in einer Kommune lebt, trägt in keinster Weise inhaltlich bei – ja, hat schlicht keine Bedeutung. Schließlich tauchen auch keine besorgten Vertreter der Gesellschaft auf, die Pierre Anthon vom Baum holen wollen. Ein realistisches Abbild der Wirklichkeit ist die Geschichte nicht, aber darum geht es in einer Parabel auch nicht.

Stilistisch gesehen ist Nichts kein großer Wurf (auch wenn natürlich darauf hingewiesen werden muss, dass es sich um eine Übersetzung handelt). Tellers Versuche zum Beispiel, mithilfe von Steigerungsformen die Gefühle der Ich-Erzählerin zu vermitteln, zeigen keine Wirkung. Im Gegenteil, sie wirken deplatziert:
"Es war an der Zeit, dass wir die Geschichte mit der Bedeutung zu Ende brachten.
An der Zeit! Höchste Zeit! Im letzten Moment!"


Der dänischen Autorin ist ein interessantes Gedankenspiel gelungen. Und es ist auch gut vorstellbar, die Erzählung im Unterricht einzusetzen. Sie bietet genügend Diskussionsstoff und wartet außerdem nicht mit Erklärungen auf. Was genau Bedeutung ist, Bedeutung hat, bleibt letztlich den Überlegungen der Leserinnen und Leser überlassen. Und es ist ganz bestimmt nicht so, dass junge Menschen darüber nicht nachdenken. Eine Mitschülerin Pierre Anthons weiß zu erklären, wie es zu allem gekommen ist: "Die Bedeutung", sagt sie zum Klassenlehrer, "Sie haben uns ja nichts darüber beigebracht. Also haben wir sie jetzt selbst gefunden." – Vielleicht bietet die gesellschaftliche Wirklichkeit Heranwachsenden tatsächlich zu wenig Bedeutung. Daher ist es gut, dass es Nichts gibt. (Kirsten Waterstraat)


Janne Teller
Nichts. Was im Leben wichtig ist
Aus dem Dänischen von Sigrid Engeler
München: Hanser 2010
Flexibler Einband, 144 Seiten, 12,90 € (D)
Empfehlung des Verlags: ab 14 Jahren
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