Sonntag, 8. August 2010

Spielrealität und Evolutionstheorie

Michael Endes "Jim Knopf", vor 50 Jahren zum ersten Mal erschienen, wurde jüngst als Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Rassenideologie neu interpretiert

Jim-Knopf-und-Lukas-der-Lokomotivfuehrer

Am 09. August 1960 ist Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer erschienen, geschrieben hatte Michael Ende die Geschichte bereits 1956 bis 1958. Das über 500 Seiten starke Manuskript schickte er an mehr als zehn Verlage, bis Thienemann es schließlich in zwei Bänden herausbrachte – Jim Knopf und die Wilde 13 erschien 1962.
Der Durchbruch stellte sich sofort ein und wurde mit dem Deutschen Jugendbuchpreis 1961 besiegelt. Bereits im ersten Jahr wurden 72.000 Exemplare verkauft, das sind pro Tag 200 Stück. Einem ganz großen Publikum wurde die Geschichte von dem kleinen Jungen, der in einem Paket auf die Insel Lummerland geschickt wird, schließlich durch die Verfilmung der Augsburger Puppenkiste. Gleichzeitig wurde Jim Knopf zum Inbegriff des Marionettenspiels und hat uns das Lummerlandlied "Eine Insel mit zwei Bergen" beschert.

Die Geschichten von Jim Knopf gibt es mittlerweile bei Thienemann auch in Form von Bilderbüchern zum Kennenlernen für die ganz Kleinen, zum Beispiel Wie Jim Knopf nach Lummerland kam oder, aktuell zum Jubiläum, Alles Gute zum Geburtstag, Jim Knopf! Die Geschichten schreibt Beate Dölling "nach Motiven von Michael Ende" und die Illustrationen stammen von Mathias Weber "nach den Originalen von F.J. Tripp"; kein ungewöhnliches Vorgehen bei Klassikern. Dass der Verlag die beiden Original-Bände weiterhin mit den ursprünglichen Illustrationen von F.J. Tripp herausgibt, ist zu begrüßen, so bleibt die Sphäre eines Kinderbuchs der 1960er Jahren bestehen. Dass aber in den neuen, bunten Illustrationen von Weber der kleine Jim Knopf teilweise mit noch wulstigeren Lippen ausgestattet ist, als in den 50 Jahre alten Originalzeichnungen, ist mehr als verwunderlich. Weber entfernt sich damit keinen Pinselstrich von stereotypen Kolonialvorstellungen, während eine leichte Verschiebung hin zu "politisch korrekteren" Bildern eine Kleinigkeit gewesen wäre.

Jim-Knopf-Lummerland

Michael Ende selbst hat übrigens alle moralischen Absichten hinsichtlich Jim Knopf verneint. Auf Fragen, was er mit der Geschichte beabsichtige, antwortete er Heidi Roth für die Züricher Weltwoche 1962: "Nichts! Nichts, außer die kindliche Phantasie anregen. Die Kinder sollen spielen lernen, sie sollen die Spielrealität des Buches auskosten, so wie sie Sandkuchen backen und mit der Kartonschachtel Autorennen spielen!" Ende bezeichnete Jim Knopf 1994, ein Jahr vor seinem Tod, als eine "etwas skrupellose Mischung aus Märchen, Abenteuergeschichte und Science-fiction-Elementen". Geboren 1929 als Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende, hat er Jim Knopf immer als "surreales Werk" bezeichnet, so Roman Hocke, Endes Lektor. Das gefiel nicht allen, ein Verlag, der das Manuskript ablehnte, bemängelte beispielsweise, dass die Lokomotive Emma eine Baby-Lokomotive bekommt.

Darwins-Jim-Knopf Dass Michael Endes erstes Kinderbuch aber nicht nur als surreale Phantastik, als Produkt eskapistischer Phantasien – wie es ihm in den 1970er Jahren vorgeworfen wurde – zu lesen ist, hat jüngst die Kunsthistorikerin und FAZ-Kulturredakteurin Julia Voss bewiesen. Zunächst in einem Zeitungsartikel, ein Jahr später in dem Buch Darwins Jim Knopf (2009), beschreibt Voss ihre Lesweise von Jim Knopf als "Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Vereinnahmung der Evolutionstheorie".

Voss, die sich intensiv mit Darwin beschäftigt hat, fiel zunächst die Namensähnlichkeit zu Jemmy Button auf, einem feuerländischen Jungen, der, nachdem er zwei Jahre im britischen Königreich verbracht hatte, an Bord der HMS Beagle zurück nach Feuerland reiste. Die Beagle war das Forschungsschiff Darwins und dieser hat Jemmy Button in seinen Schriften erwähnt.

Außer auf die Zeit Darwins findet Voss in den Jim Knopf-Erzählungen zahlreiche Verweise auf die Ikonographie des menschenverachtenden Nationalsozialismus. Am augenfälligsten ist das Schild über der rauchenden Höhlenöffnung, die Jim und Lukas passieren müssen um nach Kummerland zu gelangen, auf dem steht: "!Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten". Julia Voss: "Inmitten eines Kinderbuchs tauchen plötzlich die Begriffe 'Schande', 'Todesstrafe' und 'reinrassig' auf, das Bühnenbild für dieses Vokabular ist ein in einen rauchenden Ofen einfahrender Zug."

Neben den auffälligen historischen und ikonographischen Parallelen, die Voss aufdeckt, sind besonders ihre Erkenntnisse über Endes Verarbeitung der Indoktrination von Kindern durch Schule und Literatur im Nationalsozialismus eine Bereicherung für die Kinderliteraturforschung.
"Michael Ende nannte das Weiterdenken von Darwins Theorien in Richtung Rassismus die Katastrophe seiner eigenen Kindheit", so Voss. Er, der in Nazideutschland zur Schule gegangen war, "war ein großer Kritiker der Schulausbildung, so wie er sie selbst erfahren hat". Aufbauend auf einem falsch interpretierten Biologismus, durchdrang die Rassenideologie der Nationalsozialisten die gesamte Schulbildung. In Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer zeichnet Ende mit Frau Mahlzahns Schule in der Drachenstadt Kummerland ein solches Negativbild von fehlgeleiteter Bildung und autoritärer Erziehung.
Julia Voss glaubt, dass Michael Ende wie kaum ein anderer verstanden habe, dass der Nationalsozialismus nach 1945 insofern weiterwirkte, als dass die Kinder, die damals zur Schule gegangen und in Rassenkunde ausgebildet wurden, in den 1950er Jahren zu Erwachsenen wurden. "Noch Jahrzehnte nach Kriegsende ging die Saat auf, die von den Nationalsozialisten gepflanzt worden war, eine Ideologie, die ihre Sporen in jeden Winkel der Kinderzimmer ausgeschickt hatte, in Mythen, Sagen, Märchen und Geschichten." Ende habe diese in den Kinderbüchern der Nazizeit so verbreiteten Mythen aufgegriffen und umgekehrt. Zum Beispiel den Mythos von Atlantis, den die Nationalsozialisten "in unzähligen Kinderbüchern zu einer biologischen Rasseparabel umcodiert hatten." Der vermeintlichen "Urheimat der Arier" setzt Michael Ende einen neuen Atlantismythos entgegen: Jimballa, Jim Knopfs auftauchendes Königsreich, dessen Spitze Lummerland ist.

Julia Voss ist davon überzeugt, dass Jim Knopf kein evolutionärer Zufall ist: "Kann man glauben, dass ein dreißigjähriger Schriftsteller im Jahre 1956 ins Reich der folgenlosen Phantasie flüchtet – vor allem, wenn er selber sagt, dass der Nationalsozialismus in der Schule, durch Bücher und Filme, eine ganze Kindergeneration mit fatalen Phantasien ausgestattet hat? Kann ein Kinderbuch, das fünfzehn Jahre nach Kriegsende erscheint, das die Begriffe Rasse und Schande benutzt, ein Märchenbuch sein?"
Die Journalistin legt mehr als überzeugend dar, dass Michael Ende mit Jim Knopf eine Gegenmythologie geschaffen habe, um "der neuen Generation eine zweite Chance zu geben, dass sie mit anderen Bildern, mit anderen Mythen, mit anderen Geschichten aufwächst."

Und auch wenn deutsche Kinder im 21. Jahrhundert glücklicherweise nicht mehr rassenideologisch indoktriniert werden, ist der Mythos Jim Knopf noch immer unersetzbar, genauso wie seine Spielrealität. (Kirsten Waterstraat)

Mit Materialien von Thienemann.
Weitere Quellen:
- Julia Voss: Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie. (FAZ, Dezember 2008)
- Julia Voss im Gespräch mit Holger Hettinger:"Am Anfang stand eigentlich eine ganz harmlose Auffälligkeit" (Deutschlandradio Kultur, 02.02.2009)

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