Dienstag, 27. Juli 2010

Die Aufzeichnungen des Tecumseh Sparrow Spivet

oder Über die Reise eines Spatzen

Nominiert für den Deutscher Jugendliteraturpreis, Sparte Jugendbuch: Die Karte meiner Träume von Reif Larsen

Die-Karte-meiner-Traeume
(c) S. Fischer Verlag 2009

T.S. Spivet ist zwölf Jahre alt und ein Wunderkind, und wie es bei Wunderkindern manchmal der Fall ist, auf eine liebenswerte Art auch ein wenig wunderlich. Er versucht die Welt zu begreifen, indem er sie in Diagrammen und Zeichnungen einfängt. Seine zahlreichen Notizbücher geben Zeugnis von seiner oft aberwitzigen, jedoch ordnenden Sicht auf den Alltag in einer zur Skurrilität neigenden Familie, auf einer Farm in Montana.

T.S., ein Kartograph aus Leidenschaft, ist der Ich-Erzähler in Reif Larsens viel diskutiertem Debütroman Die Karte meiner Träume aus dem Jahr 2009. Stephen King hat das Buch als Geschenk an den Leser und eine Kombination aus Mark Twain, Thomas Pynchon und Little Miss Sunshine bezeichnet. Man mag von Stephen King halten was man will, seine rätselhafte Bemerkung macht auf jeden Fall neugierig. Und: dieses Buch wurde für den Jugendliteraturpreis in der Sparte Jugendbuch nominiert. Zurecht, oder wird hier nur viel Lärm um Nichts gemacht?

Der Roman fokussiert einen besonderen Abschnitt in T.S. Spivets fiktivem Leben. Er beginnt mit einem Anruf, in dem T.S. darüber informiert wird, dass er aufgrund seiner herausragenden Zeichnungen, die bereits in einigen renommierten naturwissenschaftlichen Zeitschriften abgedruckt wurden, für einen Preis des Washingtoner Museums Smithsonian nominiert worden ist. T.S. ist sich dessen absolut bewusst, dass keiner in diesem Museum auch nur den Hauch einer Ahnung hat, wie alt er wirklich ist. Dennoch beschließt der Spatz – so sein zweiter Vorname – nach Washington zu reisen und den Preis entgegenzunehmen.

Der Leser ahnt schnell, dass nicht Eitelkeit T.S. zu diesem Entschluss treibt, sondern der Wunsch zu fliehen und sich zu entfalten. Zu fliehen vor den Erinnerungen an den Tod seines jüngeren Bruders, vor dem Schweigen seines Cowboy-Vaters und der Besessenheit seiner Mutter, einer Wissenschaftlerin, die seit Jahren vergebens eine noch nie gesehene Käferart sucht. Die Reise in einem Güterwaggon wird für T.S. zu einem Abenteuer, mit surrealen Momenten, wie der Fahrt durch ein Wurmloch, und spannenden Begegnungen, wie der mit einem Landstreicher. Schließlich wird die Reise auch zu einer Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte. Und mit der Ankunft am Ziel ist die Geschichte von T.S. noch lange nicht zu Ende …

Reif Larsens Roman hat das Potential, Leser jeden Alters zu bezirzen, zum einen durch eine packende und originelle Geschichte – die allerdings zum Ende hin ein wenig schwächelt – zum anderen durch die bemerkenswerte und innovative Erzählform. Denn Larsen nutzt das alte Stilmittel der Ausschweifung auf ganz eigene Weise. Der Erzähler T.S. führt den Leser immer wieder mit kleinen Pfeilen weg von der eigentlichen Geschichte und bringt ihn zu erläuternden Anekdoten, Zeichnungen und Diagrammen. So schweift der Leser mit T.S. Spivet ab und bekommt einen immer besseren Eindruck von dessen ungewöhnlicher Persönlichkeit. Hier gelingt Larsen ein besonderes Kunststück, denn obwohl Ausschweifungen schnell dazu führen können, den Leser, insbesondere den jugendlichen Leser, zu langweilen und zu überfordern, bleiben die "Randbemerkungen“ in diesem Roman ebenso faszinierend wie die Hauptgeschichte selbst.

Larsen beweist auch an anderer Stelle, wie gut er das Literatur-Handwerk beherrscht. T.S. liest auf der Reise ein gestohlenes Notizbuch seiner Mutter, in dem sie von der Vorfahrin Emma Osterville erzählt, die ebenso wie T.S. bereits als Kind einen ausgeprägten naturwissenschaftlichen Forscherdrang an den Tag legte. Diese Geschichte in der Geschichte ist so gelungen, dass sie der Haupthandlung zeitweise sogar den Rang abläuft. Emmas Geschichte ermöglicht T.S. somit nicht nur ein besseres Verständnis seiner Mutter und seiner selbst, sondern treibt den Spannungsbogen des Romans nur noch weiter voran. Sie macht Die Karte meiner Träume noch kunstvoller und einnehmender.

Kurzum: Dieses von einer leisen Melancholie durchdrungene Buch besticht sowohl auf der Handlungsebene als auch in Bezug auf die stilistische Gestaltung. Die Frage nach der Berechtigung der Nominierung für den Jugendliteraturpreis lässt sich somit leicht bejahen. (Anette John)

Reif Larsen (Text und Illustration)
Die Karte meiner Träume
Ins Deutsche übersetzt von Manfred Allié
Frankfurt: S. Fischer Verlag 2009
geb., 435 S. Euro 22,95 [D]
Altersempfehlung des DJLP: ab 15

www.tsspivet.com

juvenil

Blog für Kinder- und Jugendliteratur

Aktuelle Beiträge

juvenil ist umgezogen
... und jetzt zu finden unter: www.juvenil.eu
juvenil.kw - 12. Aug, 11:29
Komm, lieber Mai ...
juvenil begrüßt den Wonnemonat Das heute...
juvenil.redaktion - 1. Mai, 13:14
Komm, lieber Mai ...
juvenil begrüßt den Wonnemonat Das heute...
juvenil.redaktion - 1. Mai, 13:06
Nominierungen zum Deutschen...
Neue Kritikerjury überzeugt mit Bandbreite Am...
juvenil.redaktion - 16. Mrz, 14:19
Märchenhafter Adventskalender
Frau Holle schüttelt die Betten und auf der Erde...
juvenil.lis - 21. Feb, 07:17

Besucher

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 3762 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 6. Jan, 21:31

Suche