Samstag, 3. Juli 2010

Die Stimme für das Kinderbuch erheben

Interview mit dem avj-Vorsitzenden Ulrich Störiko-Blume

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Ulrich Störiko-Blume ist Geschäftsführer des Boje Verlags und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj). In Tutzing am Starnberger See sprachen wir mit ihm über "Die Zeit", die "Berliner Erklärung" und Trends auf dem Kinderbuchmarkt.


Herr Störiko-Blume, Sie sind seit Beginn diesen Jahres Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj). Mit Interesse haben wir in den vergangenen Monaten Ihren öffentlichen Einsatz für die Kinder- und Jugendliteratur verfolgt. Ist da ein neuer Ton aus der avj zu vernehmen?
Das freut mich, wenn sie das registrieren, denn das ist in der Tat Absicht. Wir sind eine Interessengemeinschaft und die muss ihre Interessen äußern und dafür sorgen, dass sie auch gehört werden. Wir wollen uns zu Themen äußern, die die Branche umtreibt. Das fing in diesem Jahr mit der Geschichte mit der "Zeit" an. [juvenil berichtete]

Wie kam es zu dem Offenen Brief an "Die Zeit"?
Wir sind von diesem Thema überrascht worden und wollten schnell handeln können. Wir haben die Erklärung formuliert, unsere Mitgliedsverlage gefragt, ob sie unterschreiben wollen und bekamen innerhalb von wenigen Tagen ca. 35 Unterschriften. Als wir den Brief dann veröffentlicht haben, kamen etliche und haben gesagt "ich habe den Termin verpasst, ich will natürlich auch dabei sein." Das war eine sehr erfreuliche Erfahrung. Man hat ja nicht immer Themen, bei denen alle einer Meinung sind, aber manchmal ist es wichtig, dass man mit einer Stimme spricht, und das haben wir in diesem Fall hinbekommen. Das sehe ich als eine Aufgabe des Verbandes.

Haben Sie eine Antwort auf den Brief erhalten?
Nein, es gab keine offizielle Reaktion, was mich sehr geärgert hat. Man hat die gesamte Öffentlichkeit vor vollendete Tatsachen gestellt. Natürlich kann man sagen, die Zeitung ist ein freies Organ, die kann machen was sie will. Nur dann muss sie sich auch die Kritik anhören. Man hätte ja auch ein paar Leute einladen und an einen Runden Tisch setzen können, um zu fragen, was sie von einem solchen Umbau halten. "Die Zeit" ist ja nicht irgendein Blatt. Daher kommt ja die Aufregung. Es gab bei der "Zeit" die berühmte Ute Blaich und den großartigen Konrad Heidkamp. Ute Blaich war, glaube ich, diejenige, die gesagt hat: "Wir reden hier von Literatur und wir reden nicht von Trallala und nicht von Zielgruppen." Und mit dieser Tradition hat "Die Zeit" gebrochen. Jetzt kann man natürlich sagen, dass man mit Traditionen auch mal brechen kann, aber die Gründe sind nicht sehr überzeugend. "Die Zeit" hat also auf unseren Offenen Brief nicht geantwortet. Ich habe daraufhin noch einen langen Brief an Frau Gaschke geschrieben und sie hat mir geantwortet, aber im Grunde nicht argumentativ. Ich finde, dieses ganze Verhalten passt überhaupt nicht zum Stil der "Zeit". Ich habe keine überzeugenden Argumente gehört und das ist einfach traurig.

Hat die Protestwelle, die die Entscheidung der "Zeit" ausgelöst hat, Sie überrascht?
Mir war ziemlich klar, dass es wenige Leute geben wird, die das gut finden, weil es ein so offensichtlicher Rückschritt ist, der da als Fortschritt verkauft wird.

Was halten Sie von dem neuen Platz, an dem die Kinder- und Jugendliteratur nun in der "Zeit" beheimatet ist?
Dass "Die Zeit" eine Kinderseite hat, finde ich an sich eine gute Einrichtung. Aber gemessen an beispielsweise "Dein Spiegel" [monatlich erscheinende Kinderausgabe des "Spiegel", Anm. d. Red.] ist das, was "Die Zeit" den Kindern ihrer Leser anbietet vergleichsweise bescheiden. Der größte Teil der Fläche ist der Abdruck eines Romans. Den Roman kann man auch so kaufen, dafür braucht man keine Zeitung. Und dann gibt es noch einen journalistischen Artikel, der meistens ganz gut gemacht ist. Ich finde das wenig. Wenn "Die Zeit" jetzt eine wirkliche "KinderZeit" anbieten würde, wo es ausreichend Platz gäbe, dann könnte man ja noch einmal ganz anders darüber reden, dass natürlich die Vermittlung von Kinder- und Jugendliteratur an die Zielgruppe selbst ein Thema ist. Es ist ja nicht so, dass wir sagen, das muss man überhaupt nicht machen. Nur ist es Realität, dass 95% der Kinder- und Jugendbücher nicht von der Zielgruppe gekauft werden. Und schon aus diesem banalen Grund muss man sich in der Frage der Kritik an die Erwachsenen wenden.

In der "Berliner Erklärung" fordern Sie die Politik auf, Kinder- und Jugendliteratur als unverzichtbaren Teil von Bildung und Kultur wahrzunehmen. Was versprechen Sie sich von dieser Erklärung?
Der neue avj-Vorstand hat sich im April zusammengesetzt und grundlegende Fragen gestellt. Aus dieser Arbeit ist eine Art Schwerpunktpapier entstanden. Wir haben entschieden, dass wir in der Gesellschaft die Stimme erheben wollen. Den Bildungsverantwortlichen, bis hinunter in die Kommunalpolitik, muss klar werden, dass jede junge Generation mit Büchern für ihr Alter aufwachsen soll. Das fängt mit den Bilderbüchern an, geht über die Kinderbücher bis zu den Jugendbüchern. Die Verlage machen diese Bücher, die Buchhandlungen verkaufen sie und die Bibliotheken verleihen sie. Aber: in den Kindergärten muss auch in Zukunft das Bilderbuch gefördert werden Und auch in der Grundschule muss es Kinderbücher geben, nicht nur Fibeln und Fotokopien, und schon gar nicht ersatzweise elektronischen Medien – die natürlich kommen werden und die sicher manchen Komfort bieten.
Die Bildungspolitiker haben das Thema Kinder- und Jugendbuch bisher nicht im Fokus. Aber da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen. Worum es geht, ist der nationale, im Sinne von bundesweite, Konsens. Wir müssen aufpassen, dass die durchaus bewährte föderale Struktur nicht zum Nachteil für uns wird, dass wir nicht in eine resignative Haltung verfallen, nach dem Motto "bei uns läuft ja alles in den Bundesländern und deswegen kann man keinen Überblick darüber haben". Wenn in England zum Beispiel beschlossen wird, dass alle Kinder in der Schule mit Büchern konfrontiert werden, dann wird das eben beschlossen. Bei uns ist das ein Riesenzirkus. Darüber müssen wir hinweg kommen.

Wie hoch schätzen Sie den Erfolg Ihrer Forderungen ein?
Das Thema Kinder- und Jugendliteratur ist ein heißgeliebtes Sonntagsthema. Wir kriegen ja immer nur Lob, sind wichtig und gut. Aber es tut keiner was dafür. Wir werden das operationalisieren müssen, aber wir sind keine politische Institution und wir sind keine wirkliche Lobby. Wir sind nicht Greenpeace, aber so was müssten wir eigentlich in gewisser Weise werden. Uns ist klar, dass das, was in der "Berliner Erklärung" steht, sehr hoch gegriffen ist. Und wir haben auch hoffentlich keine verblasenen Illusionen. Aber ich denke, man muss am Anfang ein Ziel setzen, das sehr hoch ist. Dann kann man mit kleinen Schritten darauf zu gehen.
Die "Berliner Erklärung" war eine relativ spontane Idee. Wir haben irgendwann während der Vorbereitung der Mitgliederversammlung festgestellt, dass wir gleichzeitig mit dem Bildungsgipfel in Berlin tagen. Da dachten wir, jetzt ist der richtige Zeitpunkt für unser Thema. Es haben sich ja auch andere zu Wort gemeldet, zum Beispiel die Kollegen vom Verband Deutscher Schulbuchverlage. Das sind ganz wichtige Bündnispartner, wie auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Wir werden uns jetzt mit diesen Partnern treffen und gemeinsame Interessen abstecken.

Wäre das nicht eigentlich die Aufgabe eines anderen Verbandes, der nicht nur die Verlage sondern auch andere Institutionen vertritt, wie zum Beispiel der Arbeitskreis für Jugendliteratur (AKJ)?
Der AKJ ist natürlich eine nette Einrichtung, die auch in diesem Umfeld tätig ist. Ich war selber im Vorstand des AKJ und kenne sozusagen die Möglichkeiten und Grenzen. Wir werden mit dem AKJ auch wieder zusammen arbeiten, aber wenn wir nur dann etwas sagen dürfen, wenn wir Konsens mit allen hergestellt haben, dann werden wir verrückt. Wir sind ganz klar darauf aus und auch darauf angewiesen, mit anderen zusammen zu arbeiten, ich denke da zum Beispiel auch an die GEW oder an den Bibliotheksverband. Es wäre illusionär zu meinen, wir könnten das im Alleingang schaffen. Gleichzeitig müssen wir auch unsere eigene Stimme haben können, und die wollte ich jetzt ganz bewusst einmal an den Anfang stellen. Insofern ist die "Berliner Erklärung" auch ein Appell an uns selbst.

Sie fordern in der "Berliner Erklärung" die öffentliche Anerkennung der Kinder- und Jugendbuchverlage als Kultur- und Bildungsvermittler. Wie passt das zu dem weit verbreiteten Bild von Verlagen als mutierte Großkonzerne, in denen die Marketingabteilungen das Sagen haben und die Lektoren Trends hinterherlaufen?
Es herrscht ein völlig verzerrtes Bild von den Verlagen. Als ob das Wirtschaftsmonster wären, vor denen man sich hüten muss. Gerade bei den deutschen Kinder- und Jugendbuchverlagen dominieren die mittelständischen Unternehmen. Die Konzerne sind zwar bedeutender geworden, dennoch treten sie oftmals überhaupt nicht als eine Einheit auf, manche lassen in gewisser Weise sogar Konkurrenz unter ihren eigenen Unternehmen zu. Das ist unternehmenspolitisch sehr positiv zu bewerten.
Was ich wirklich blöd finde – aber da macht ein großer Teil unserer Fachpresse mit – ist das Hinterherlaufen hinter den Trends. Man kann als Verlag durchaus den einen oder anderen Trend aufgreifen, sollte dann aber auch ein paar Klassiker und ein paar ganz unkonventionelle Titel im Programm haben. Und im Verlagswesen – das gilt in der Belletristik wie im Kinder- und Jugendbuch – ist doch gerade dies das interessante. Es hat sich ein bisschen so eingebürgert, dass man meint, ein fortschrittliches Unternehmen zu sein, wenn man einem Trend folgt. Ich halte das für völlig absurd.

Aber stecken dahinter nicht meist wirtschaftliche Gründe, dass gerade kleinere Verlage das machen müssen, weil sie anders nicht kalkulieren können?
Für einen kleinen Verlag, auch für einen mittleren Verlag, ist es, glaube ich, kein ökonomisch sinnvoller Rat ihnen zu sagen, dass sie es wie die großen machen sollen. Das werden sie nicht schaffen. Man sollte einmal untersuchen, wie viele der aus Trend-Nachfolge-Gründen gemachten Vampirgeschichten überhaupt erfolgreich sind. Das ist doch das viel größere Problem. Ich denke, ganz kleine Verlage haben bessere Überlebenschancen, wenn sie originell sind.

Gibt es schon konkrete Pläne der avj für die Zukunft, wie zum Beispiel die Aktion "Mit Bilderbüchern wächst man besser" (2005)?
Ja, wir werden zum Beispiel über die Hörbücher nachdenken, die Hörbuchverlage haben wir sehr aktiv geworben und sind da auch erfolgreich. Außerdem hat sich herauskristallisiert, dass das Bedürfnis nach Information zum Thema eBook, iPad und so weiter groß ist. Die allgemeinen Fragen werden ja ganz gut von der Akademie des deutschen Buchhandels und vom Akep (Arbeitskreis elektronisches Publizieren) behandelt. Aber was bedeutet das für das Verlegen von Kinder- und Jugendbüchern? Ich habe immer dieses Bild der Mutter mit dem Kinderwagen vor Augen: der Kleine quengelt und dann bekommt er das iPhone, auf dem ein lustiges Bilderbuch drauf ist. Das wird wahrscheinlich kommen. Und was bedeutet das für uns? Damit müssen wir uns beschäftigen. Wir werden daher eine Konferenz veranstalten, zu der Experten kommen, die uns die Augen öffnen sollen. Diesen Arbeitsauftrag müssen wir jetzt im zweiten Halbjahr auf die Beine stellen.

Zum Schluss noch eine ganz andere Frage: Was assoziieren sie mit dem Wort "juvenil"?
Als erstes denke ich, es ist sehr spanisch: "juvenil" [xube'nil] heißt "jugendlich" auf Spanisch.
Dann gebraucht man das Wort – und deshalb finde ich es auch ein bisschen merkwürdig – für den graumelierten Herrn, der sich endlich einen Porsche leistet und – jetzt bringe ich mal so ein Klischee – die 30-jährige Frau daneben sitzen hat – der ist juvenil. Es hat, in meiner Assoziation, ein bisschen so was "also ob". Ich glaube, Jugendliche selbst würden sich nicht damit in Verbindung bringen.

Da haben Sie recht, das ist auch nicht unsere Zielgruppe.
Also ich finde es so ein bisschen diffus von der Assoziation her.

Wir bedanken uns ganz herzlich für das Interview!

Die Fragen stellten Sandra Ladwig und Kirsten Waterstraat


Die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. ist der Fachverband für Verlage, die Kinder- und Jugendbücher, aber auch audiovisuelle Medien, Kalender, BuchPlus-Produkte und vieles mehr für Kinder und Jugendliche herausgeben. Sie wurde im Jahr 1950 gegründet. Mittlerweile gehören ihr über 80 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten steht die Interessenvertretung und die Vernetzung der ihr angehörigen Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie die Förderung der Kinder- und Jugendliteratur und des Lesens. www.avj-online.de

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