Freitag, 28. Mai 2010

"Hurra für Pluck!"

Der "Weltspieltag" am 28. Mai und die "Annie M.G. Schmidt-Woche" vom 19. bis 30. Mai 2010 sind nur zwei von vielen Gründen, auf einen niederländischen Klassiker aus den 1970er Jahren hinzuweisen, in dem auch Erwachsene spielen.

Jedes Jahr im Mai feiern die Niederländer in der "Annie M.G. Schmidt-Woche" das Werk ihrer berühmtesten Kinderbuchautorin. 2010 steht deren Erzählung Pluk van de Petteflet im Zentrum der Aktivitäten, Motto: "Hoera voor Pluk!" (Hurra für Pluck). Das 1971 in den Niederlanden, 1973 in Deutschland erschienene Buch ist seit letztem Jahr glücklicherweise auch in Deutschland wieder zu haben. Unter dem Titel Pluck mit dem Kranwagen ist es bei Ellermann erschienen.

Pluck ist ein kleiner Junge, der wie Pippi Langstrumpf ohne Eltern lebt. Seine Wohnung, das Turmzimmer ganz oben auf einem großen Wohnblock (dem "Petteflet"), teilt er mit seiner Freundin Zaza, einer Kakerlake. In dem Wohnturm leben auch der freundliche Herr Feder, Frau Sauberer mit ihrer rosa gekleideten Tochter Agathe und die Familie Stampfer. Unterschiedlicher können Erziehungskonzepte nicht sein, als die von Frau Sauberer und Vater Stampfer. Während Frau Sauberers Name Programm ist, sie ständig mit einer Sprühdose gegen Ungeziefer unterwegs ist und ihre Tochter strengstens überbehütet, hat Vater Stampfer die Wohnung mit Matratzen ausgelegt, damit seine Söhne, die sechs Stampferchen, nach Herzenslust toben können; täglich backt der Vater Pommes frites, die auf den Matratzen sitzend gemampft werden.

Der Unterschied zwischen ernsten, strengen, meist erwachsenen Menschen, wie Frau Sauberer, und humorvollen, freundlichen Figuren, kennzeichnet nicht nur diese Erzählung, sondern das gesamte Werk Annie M.G. Schmidts. Zur Gruppe der freundlichen Wesen zählen selbstverständlich die Kinder, aber genauso auch Tiere und Figuren, die ein bisschen schräg, dafür aber umso liebenswürdiger sind. Liebenswürdig und hilfsbereit ist auch Pluck, der Held der Erzählung. Mit seinem kleinen roten Kranwagen fährt er durch die Stadt und setzt sich für alle ein, die seine Hilfe benötigen. Zum Beispiel rettet er Düselchen, ein Eichhörnchen, das nicht schwindelfrei ist, aus einem hohen Baum. Immer wieder gerät er dabei in Situationen, in denen er sich gegen Unrecht und (erwachsene) Ignoranz zur Wehr setzen muss.

Pluck1
(c) Ellermann, Hamburg 2009

Zum großen Unterfangen wird die Rettung des Turtelgartens und seiner Bewohner, denn der Park soll planiert werden. Mit vereinten Kräften treten Pluck und seine Freunde – Dolly, die Taube, die Möwe Karl mit dem Holzbein und viele andere – in Aktion. Pluck macht sich auf den mühsamen Weg zum "Klausler" – für erwachsene Leser unverkennbar ein Hippie aus der Entstehenszeit der Erzählung –, der ihm zur Rettung des Parks eine kleine, vertrocknete Pflanze gibt. Pluck ist enttäuscht, doch einmal im Park gepflanzt, blüht die Pflanze zu einem Beerenstrauch auf und zeigt es sich, dass die Hasselbeeren magische Kräfte haben: sie verleiten zum Spielen! (Die Interpretation im Kontext der Siebziger Jahre sei hier anheim gestellt.) Als nun die Planierraupen anrücken, kann niemand von den leckeren Beeren lassen, und anstatt die zerstörerischen Arbeiten aufzunehmen ...

"Man traute seinen Augen nicht, wenn man in den Park kam! Überall spielten erwachsene Menschen! Fünf dicke Damen stellten sich im Kreis auf und machten Abzählreime. Ein sehr alter Herr saß im Sandkasten mit einer alten Dame und backte Kuchen. Der Arzt und der Pfarrer machten Bockspringen und überall hörte man Lachen und Johlen." (S. 124)

Aus den Baumaterialien entstehen lustige Skulpturen, so dass schließlich nichts mehr übrig bleibt von Steinplatten und Beton. Und für neues Material hat die Stadt kein Geld - der Turtelgarten ist gerettet.

Nur Frau Sauberer spielt nicht mit. Aber ganz Hausfrau, erntet sie eine große Menge Beeren und kocht davon Marmelade. Die Wirkung geht beim Einkochen nicht verloren und Frau Sauberer ist nicht mehr wieder zu erkennen. Sie befolgt Herrn Feders Rat und nimmt von nun an jeden Tag einen Teelöffel Marmelade zu sich.

Pluck mit dem Kranwagen ist eine Geschichte, die kein Leser, egal welchen Alters, so schnell vergessen wird; ebenso wie die zahlreichen farbigen Illustrationen von Fiep Westendorp, die in den Niederlanden mindestens so beliebt wie die Erzählung sind. Da aufgrund der Publikationsgeschichte von Schmidts Werk in Deutschland leider zu vermuten ist, dass das Buch nicht lange auf dem Markt sein wird, kann nur empfohlen werden, das schöne Buch rechtzeitig zu kaufen. Angesichts eines Preises von Euro 12,95 eine Investition, die ganz bestimmt niemand bereuen wird. (Kirsten Waterstraat)

Annie M.G. Schmidt
Pluck mit dem Kranwagen
Einband und farbige Illustrationen von Fiep Westendorp
Aus dem Niederländischen von Rosel Oehlke
176 Seiten, gebunden, 19 x 25 cm
Hamburg: Ellermann 2009
Empfehlung des Verlags: ab 4 Jahren

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