Dienstag, 4. Mai 2010

Meisterin des pointierten Strichs

Zum 90. Geburtstag von Elizabeth Shaw

Es waren einmal drei Schweinchen.
Es war einmal ein kleiner Angsthase.
Es war einmal eine Wildschweinfamilie.

So beginnen die Geschichten von Elizabeth Shaw, die fast jedes Kind in der DDR kannte. Fragt man heute Erwachsene, die in der DDR aufgewachsen sind, wird man bei dem Namen Elizabeth Shaw – oder auch Bella Belchaud, Wildschwein Walter, Zilli, Billi und Willi – ganz gewiss positive Erinnerungen wecken. Generationen sind in Ostdeutschland mit Shaws Büchern aufgewachsen. Wer hingegen seine Kindheit in der alten Bundesrepublik verlebt hat, kam nicht in den Genuss ihrer Geschichten und Bilder.

Shaw-Agsthase
(c) Elizabeth Shaw: Der kleine Angsthase

Ein Glück, dass es das Programm des KinderbuchVerlags noch gibt – mittlerweile in der Verlagsgruppe Beltz – und heute alle deutschen Kinder in den Genuss des zeichnerischen und erzählerischen Werks dieser Künstlerin kommen – oder zumindest kommen könnten. Denn wie Petra Albers, Verlagsleiterin der Kinder- und Jugendbuchprogramme bei Beltz mitteilt, unterscheiden sich die Absatzzahlen der DDR-Kinderbuchklassiker in Ost und West gewaltig. Fast 95 Prozent der Titel aus dem KinderbuchVerlag werden im Osten Deutschlands verkauft. Ein Beleg dafür, dass die (erwachsenen) Käufer von Kinderbüchern sich zumeist von den eigenen Lektüreerfahrungen aus der Kindheit leiten lassen, dass den Kaufentscheidungen häufig nostalgische Gefühle zugrunde liegen, oder, wie Albers es formuliert: "Man möchte ja immer gern an seine Kinder weitergeben, was einem als Kind selbst gefallen hat." De facto kennen die Kinder in Westdeutschland Elizabeth Shaw also leider immer noch nicht.

Die Kinderbuchautorin, Illustratorin und Karikaturistin Elizabeth Shaw wird am 4. Mai 1920 in Belfast geboren, 1933 siedelt ihre Familie nach England um. Von 1938 bis 1940 studiert Shaw Kunst an der Chelsea School of Art in London. Während des Krieges lernt sie ihren zukünftigen Mann kennen, den im Londoner Exil lebenden deutschen Bildhauer und Maler René Graetz. 1946 ziehen die beiden in das vom Krieg zerstörte Berlin – wohlgemerkt in den Ostteil der Stadt; das Paar bekommt zwei Kinder. Von 1946 an arbeitet Shaw für verschiedene Zeitschriften und Verlage, sie illustriert diverse Bücher sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, u.a. von Lothar Kusche und Bertolt Brecht (Ein Kinderbuch 1965; Aufbau-Verlag 2006). Ihr erstes eigenes Kinderbuch, Der kleine Angsthase, veröffentlicht sie 1963, es folgen mehr als zwei Dutzend weitere. Elizabeth Shaw stirbt am 27. Juni 1992, sie wurde in der Irischen See beigesetzt. Heute erinnert ein Gedenkstein auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin an die "irische Berlinerin". Ihre eigene Geschichte hat sie in Irish Berlin. Wie ich nach Berlin kam (1990; vergriffen) festgehalten.

Schaumkoepfe
(c) Heinz Kahlau/Elizabeth Shaw: Schaumköpfe. Beltz/Der KinderbuchVerlag 2010

In der Zeit von 1962 bis 1992 hat Elizabeth Shaw zahlreiche Reisen unternommen. Für die Monatszeitschrift DAS MAGAZIN besuchte sie zusammen mit der Dichterin Berta Waterstradt ("Meisterin der komischen Kurzprosa") zahlreiche Städte in der DDR und befreundeten Nachbarländern. Die Reiseberichte erschienen anschließend in Form von Bildgeschichten mit Versen von Waterstradt im Magazin. Die Reisen der beiden Damen hat man sich in etwa so vorzustellen:

"Angenommen, daß ein böser
Magazyniker und Leser
Denkt: Was tun die beiden? Saufen!
Klatschen, in die Läden laufen,
Bisschen zeichnen, bisschen reimen,
Krimis lesen und schön träumen,
Dem Mann sagen wir nur schlicht:
Ganz so einfach ist es nicht."
(Waterstradt: "Reisebilder, nicht von Heine,
nur Elizabeths und meine")

Als Irin konnte Shaw auch Länder jenseits des Ostblocks bereisen, von dort brachte sie zahlreiche Reisebilder mit, genauso wie sie Berlin in Bildern festhielt, auch portraitierte sie bekannte Persönlichkeiten, genauso wie sie den Alltag ganz normaler Menschen karikierte. "Den auf den ersten Blick einfach erscheinenden Zeichnungen liegt eine geniale Beobachtungsgabe zugrunde. Mit Witz und Ironie bringt Elizabeth Shaw die Dinge prägnant auf den Punkt." (Museum Burg Wissem) Auch Kinder beobachtete Shaw ausgiebig und schreibt selbst: "Mein ganzes Leben habe ich mit Kindern zu tun gehabt. In dem Familien-Clan, in dem ich aufwuchs, waren immer Kinder jeden Alters um mich herum, und wenn ich Glück hatte, auch ein Baby."

Eine Fundgrube für alle Interessierten ist Das dicke Elizabeth-Shaw-Buch für die ganze Familie (1999), herausgegeben von Shaws Sohn Patrick Graetz, welches leider vergriffen ist. Neben mehreren vollständig abgedruckten Kindergeschichten kommt darin auch das Werk für erwachsene Leser – und v.a. Betrachter – nicht zu kurz.

Der Beltz Verlag bringt es auf den Punkt und bezeichnet Elizabeth Shaw als die "Meisterin des pointierten Strichs".
(Kirsten Waterstraat)


Lieferbare Bücher von Elizabeth Shaw im KinderbuchVerlag: http://www.beltz.de/de/kinder-jugendbuch/unsere-autoren/autor/elizabeth-shaw.html

Interview mit Petra Albers: http://www.boersenblatt.net/362326/

Das dicke Elizabeth-Shaw-Buch für die ganze Familie
Hg. v. Patrick Graetz. Berlin: Eulenspiegel Verlag 1999 (vergriffen)
darin: Reim von Bertha Waterstradt; S. 172; Zitat von Elizabeth Shaw: "Über Kinder", S. 9.

Ausstellung:
Der kleine Angsthase – zum 90. Geburtstag von Elizabeth Shaw
25.04.2010-26.06.2010, Burg Wissem Bilderbuchmuseum der Stadt Troisdorf
Das Bilderbuchmuseum präsentiert eine Auswahl der Illustrationen zu ihren bekanntesten Kinderbüchern. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Reihe von Skizzen zu den Bilderbüchern sowie durch Künstlerporträts und humorvolle Reisezeichnungen.
http://www.museum.troisdorf.de/bilderbuchmuseum/

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