Mittwoch, 14. April 2010

"Ich habe meine Nische gefunden."

Interview mit dem Illustrator Ralf Butschkow

Butschkow-Interview
(c) Ralf Butschkow 2010

Wir besuchen Ralf Butschkow an einem kühlen Märztag in Berlin. Sein schönes, helles Atelier befindet sich in einem beeindruckenden Oscar Niemeyer-Bau. Pünktlich zum Interview-Termin fällt die Heizung aus – was der gemütlichen Atmosphäre keinen Abbruch tut. Zwischendurch klopft und gurgelt es in den Heizungsrohren und Ralf Butschkow hofft inständig, dass es doch noch warm wird.

Ralf Butschkow, was ist für Sie das Beste an Ihrem Beruf?
Dass ich meine Ideen umsetzen kann. Ich kann mich handwerklich austoben, in meinem Kabuff sitzen und Sachen aus dem Nichts zaubern. Früher war das schwieriger, doch mittlerweile geht es einfacher, weil man sich im Laufe der Jahre eine gewisse Arbeits- und Denkroutine aneignet. Ich habe auch eine Nische gefunden, weil ich gerne ein bisschen quer illustriere. Bei Kwiatkowski mache ich das beispielsweise sehr intensiv, da macht es mir richtig großen Spaß.

Sie haben Visuelle Kommunikation studiert ...
Vorher habe ich ein Jahr eine private Kunstschule in Berlin besucht. In dem Jahr habe ich mehr gelernt als während meines gesamten Studiums an der HdK (Hochschule der Künste Berlin, Anm. d. Red.). Das Studium war damals noch geprägt von den Alt-68ern, die da ihr Ding gemacht haben. Gelernt habe ich dann im Prinzip ab dem dritten Semester in der Werbeagentur, wo ich gejobbt habe. An der HdK habe ich damals nicht viel dazu gelernt, außer das Bilderbuch für mich zu entdecken.

Was heißt das?
Ich war bei Jürgen Spohn in der Projektklasse, der damals Plakat, Bilderbuch und Illustration gelehrt hat. Irgendwann hatten wir eine Projektausstellung, zu der auch eine Lektorin eines Berliner Verlags kam und ein paar Leute gefragt hat, ob sie nicht etwas für eben diesen Verlag machen wollen. Der Kontakt blieb bestehen, und als sie später bei Carlsen war, fragte sie mich, ob ich nicht Lust hätte, eine Berufe-Reihe zu machen. So bin ich da reingerutscht ...

Hat sich Ihre Arbeitsweise in den letzten Jahren verändert? Inwiefern spielt das Arbeiten mit dem Computer eine Rolle für Sie?
Die Arbeit bei der Lesemaus-Reihe beispielsweise ist immer die gleiche: Entwurf, eine detaillierte Vorzeichnung, darauf die Tuschzeichnung, davon eine Fotokopie und dann koloriere ich mit dem Marker, einem Filzschreiber. Entwurfszeichnungen ist das, was man früher mal gemacht hat, als es noch keine schnellen Computer gab. Zeichnen, Skizzen, mit dem Filzschreiber rein und ein bisschen Farbe. Das macht heute kaum ein Mensch mehr bzw. es lehrt diesen professionellen, lockeren Strich kaum einer mehr.

Das Meiste entsteht also doch noch von Hand?
Ja. Illustrationen, die ich am Computer farbig mache bzw. nachbearbeite entstehen immer erst mal auf dem Papier. Ich muss die Materialeigenschaften spüren. Ein Stift auf dem Papier leistet einen bestimmten Widerstand, der ist individuell. Eine Feder verhält sich anderes auf dem Papier als ein harter Bleistift ... So kann ich das Material ganz spezifisch aussuchen. Ein Zeichentablett kann z.B. keine bestimmte Oberfläche oder Papierstruktur nachahmen. Es bleibt einfach Plastik auf Plastik, so gut es auch simuliert.

Sie sind mittlerweile sehr erfolgreich für verschiedene Verlage tätig, vor allem mit diversen Reihen. Erleichtert es die Arbeit, in Serien zu arbeiten und zu denken, weil Sie die Figuren bereits kennen?
Sich in Bücher rein zu finden ist jedes Mal etwas Individuelles. Der Vorteil einer Serie ist, dass die Figuren immer wieder kommen. Das ist wie mit Freunden: Es gibt welche, die lernt man kennen und die verschwinden irgendwann wieder. Andere findet man toll, die möchte man halten. Und genau so ist es beim Illustrieren. Man beginnt sich mit den Typen zu identifizieren, man freut sich darauf sie wieder zu sehen.
Der andere Grund für das Arbeiten in Serien ist natürlich auch der wirtschaftliche Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist, denn schließlich lebe ich zum großen Teil davon. Solche Serien verfügen immer auch über eine lebendige Backlist. Kommt ein neues Buch raus, wird damit automatisch das Interesse an der Backlist aufgefrischt, während Einzeltitel kommen und wieder gehen.

Haben sich Ihre Figuren im Laufe der Zeit verändert?
Ja, auf jeden Fall. Das ist wie bei Asterix und Obelix, da hat die erste Zeichnung der Hauptfigur im Prinzip nichts mehr mit der letzten zu tun. Und genauso ist es bei meinen Figuren, die verändern sich. Auch der Kwiatkowski.

Butschkow-Kwiatkowski
Jürgen Banscherus: Detektive küsst man nicht. Ein Fall für Kwiatkowski. Mit Illustrationen von Ralf Butschkow. (S. 51)
(c) Arena, Würzburg 2007

Inwiefern hat er sich verändert?
Er hat mehr Charakter bekommen, er geht mir lockerer von der Hand. Jedes Mal, wenn ich die alten Bücher aus dem Regal nehme, sehe ich die Veränderungen. Manchmal denke ich auch: Hier hätte man was anders machen können. Die Figuren verändern sich vor allem am Anfang, da bekommen sie ihren Charakter. Während des Zeichnens verselbstständigen sie sich auch und ab einem gewissen Punkt haben sie dann einen Status quo erreicht.

Ihre Bücher erscheinen in verschieden Kinderbuchverlagen und verkaufen sich gut. Sehen Sie sich selbst als einen bekannten deutschen Kinderbuchillustrator?
O je, die Frage musste ja kommen. Fragen Sie mich nun bitte nicht, ob ich Künstler bin. Das kann ich gleich verneinen. Ich glaube schon, dass ich das Glück habe, dass es bei mir ganz gut läuft und dass ich einen Stil bzw. eine Nische gefunden habe, die von den Kindern, den Käufern und den Verlagen gemocht wird. Da sehe ich mich schon in einer ganz guten Position und dafür bin ich sehr dankbar.
Ob ich ein bekannter Illustrator in Deutschland bin, vermag ich nicht zu sagen. Ich guck' wenig übern Tellerrand. Ich mache einfach mein Ding. Meine eigene Position in so einem Ranking festzulegen ist mir fremd und ich könnte das auch gar nicht.

Sie erfüllen zwar Aufträge, aber wie Sie bereits erwähnt haben, fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit doch frei genug, eigene Ideen zu verwirklichen. Sie sehen sich also auch nicht als Auftragsillustrator!?
Die Verlage kommen ja zu mir, weil sie etwas Bestimmtes wollen. Von daher gehe ich davon aus, wer Sachen von mir gesehen hat, weiß auch, was er bekommt. Daher denke ich, dass ich zeichnen darf, wie ich möchte und dass man es auch von mir erwartet.

Hat sich schon mal ein Autor bei Ihnen gemeldet und sich beschwert, nach dem Motto: "Aber so sieht Person XY nun wirklich nicht aus!“? Oder haben Sie mittlerweile genügend Erfahrung und wissen, was gewünscht wird?
Es ist schon so, dass es von den Verlagen bestimmte Vorstellungen gibt. Dabei kommt es auch immer auf das Alter der Zielgruppe an. Der Kwiatkowski ist ab acht, da haben die Leser ganz andere Sehgewohnheiten, als jüngere Kinder. Das Übertriebene, Comicartige von Kwiatkowski geht im Pappbilderbuch natürlich nicht. Da muss es ein bisschen lieber sein, süßlicher, glatter, unkomplizierter. Keine aufwendigen Perspektiven, keine schrägen Illustrationen, die nichts mit dem Text zu tun haben ...

Dieser Humor bzw. das Schräge ist charakteristisch für Ihre Arbeiten. In dem Berufe-Suchspaß-Wimmelbuch (Baumhaus) schreiben Sie: "Am Schluss hat Lisa eine wirklich gute Idee: Sie bleibt einfach ein Kind, malt Bilder und denkt sich dabei lustige Sachen aus!“ Ist Lisa Ralf Butschkow?
Ja ... ja (grinst). Ich versuche möglichst nicht zu erwachsen zu werden. Manchmal kommt man leider nicht drum herum. Die Welt ist bierernst genug, da muss man nicht noch einen drauf setzen.

In Ihrem ersten Suchspaß-Wimmelbuch erzählen Sie, dass Sie schon als Kind das Entdecken kleiner Dinge auf Bildern mochten.
Ja, das stimmt. Wobei ich mich auf das Wimmelbuch auch nicht festlegen wollte. Es gab viele Anfragen für Wimmelbücher, meistens habe ich deshalb abgelehnt.

Der Unterschied zu den heutigen, sehr populären Wimmelbüchern ist ja auch, dass Ihre Suchspaß-Wimmelbücher viel weniger "wimmelig" sind ...
Ich wollte mich nicht in die Ali Mitgutsch-Linie einreihen und schon gar nicht in Konkurrenz dazu treten. Vielmehr sind die Bücher entstanden, weil ich vor langer Zeit mal für Klaus Baumgart ein Poster gemacht habe, bei dem mir die Idee kam, ein Kinderzimmer zu zeigen, in dem verschiedene Sachen nicht stimmen. Und irgendwann hieß es dann: Mach doch mal ein Buch draus! Es macht großen Spaß, weil man sich eine Menge Blödsinn ausdenken kann. Aber irgendwann ist es dann auch mal ausgereizt.

In der Berufe-Reihe (Carlsen) stellen Sie jeweils sehr detailliert einen Beruf dar. Hier sind Sie nicht nur Illustrator, sondern auch Autor. Fällt Ihnen das Schreiben genau so leicht wie das Zeichnen?
Es fällt mir insofern leicht, weil es einen roten Faden gibt, an dem ich mich entlang hangle. Im Prinzip schreibe ich nur, was Leute den ganzen Tag tun. Und es macht mir Spaß. Mittlerweile habe ich eine gewisse Routine darin und es gibt ja auch noch das Lektorat.

Butschkow-Tierpflegerin
Ralf Butschkow: Ich habe eine Freundin, die ist Tierpflegerin.
(c) Carlsen, Hamburg 2007


Wenn Sie sich einmal selbst eine Geschichte aussuchen könnten, um diese zu illustrieren, welche wäre das?
Wenn ich mir selbst etwas aussuchen könnte ... Hmmm ... das ist wirklich schwer. Phantastische Geschichten finde ich klasse, da kann man gut mit Licht und Schatten arbeiten …

Sie haben aber wahrscheinlich eher den Ruf, ein Illustrator für realistische Themen zu sein, oder?
Ich weiß gar nicht, ob ich darauf abgestempelt bin. Aber ich mache es gerne.

Gibt es Illustratoren, die Sie schon in Ihrer Kindheit geprägt haben?
Mein Onkel (der Cartoonist Peter Butschkow, Anm. d. Red.), der hat immer tolle rotzige Cartoons gezeichnet. Mich hat beeindruckt, wie man mit wenigen Strichen etwas Großartiges auf ein weißes Blatt Papier bekommt. Begleitet hat mich auch immer Ali Mitgutsch mit seinen Wimmelbüchern. Und die alten schwarz-weiß Illustrationen von Pippi Langstrumpf haben mir gefallen. Comics fand ich auch schon immer gut, was man sicher an meinem Illustrationsstil merkt.

Eine letzte Frage: Was fällt Ihnen spontan zu dem Wort "juvenil" ein?
Jugendlichkeit. Und ein bisschen muss ich auch an einen Juwel denken, also an etwas Wertvolles.

Vielen Dank für das Interview!
Die Fragen stellten Sandra Ladwig und Kirsten Waterstraat.

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