Dienstag, 16. März 2010

Internationaler deutscher Preis

Das Schöne am Deutschen Jugendliteraturpreis sind ja die kontroversen Diskussionen. Manchmal nehmen diese allerdings merkwürdige Züge an.

Am 18. März ist es wieder soweit, dann werden auf der Leipziger Buchmesse die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis (DJLP) 2010 bekannt gegeben. Übersetzungen stehen dabei gleichberechtigt neben deutschsprachigen Originaltiteln. Dagegen protestiert nun ein Verleger, Otfried Wolfrum, Leiter des Laetitia Verlags, eines eher unbekannten Kinderbuchverlags, der sich auf Abenteuerliteratur spezialisiert hat. Auf boersenblatt.net hat Wolfrum nun unter der Überschrift "Arme deutschsprachige Autoren" gegen die Praxis des DJLP gewettert. Übersetzte Titel hätten nicht nur die gleichen Chancen wie deutsche Originaltitel, sondern werden seiner Meinung nach bei der Preisvergabe sogar bevorzugt.

Als Beispiel bringt er Die Kurzhosengang an, eine Erzählung von Zoran Drvenkar und Andreas Steinhöfel, die 2004 allerdings nicht unter deren Namen, sondern als Werk eines kanadischen Autorenduos und in angeblicher Übersetzung von Steinhöfel in Deutschland erschienen ist – und 2005 mit dem DJLP prämiert wurde. Es ist davon auszugehen, dass der Verlag um den wahren Hintergrund der Erzählung wusste. Dass es sich aber, wie Wolfrum vermutet, um einen Coup des Verlags handelt, um bessere Chancen auf den Preis zu haben, ist bizarr. Im Vergleich zu Kassenschlagern wie Harry Potter und die Bis(s)-Tetralogie (beide bei Carlsen, ebenso wie Die Kurzhosengang) bedeutet die Auszeichnung mit dem DJLP noch lange keinen Verkaufserfolg. Bei manchen Titeln wird durch die Nominierung oder Auszeichnung gerade mal eine zweite Auflage möglich. Das Schreiben unter Pseudonym oder fingierter Verfasserschaft ist ein Spiel mit literarischen Konventionen, kein Marketing-Kalkül. Wolfrum aber bilanziert: "Der Fall zeigt, dass es weniger um die Qualität als um die Herkunft eines Buches geht."

Dass ein Großteil der in deutscher Sprache erscheinenden Kinder- und Jugendbücher Übersetzungen sind – zumindest im Bereich des erzählenden Kinder- und Jugendbuchs – führt rein rechnerisch dazu, dass unter den Nominierten und Ausgezeichneten viele übersetze Titel sind. Aber nicht, dass die Chancen um ca. 20 Prozent steigen, wenn ein Titel beispielsweise aus dem Englischen oder Niederländischen übersetzt ist, wie Wolfrum errechnet haben will.

Übersetzungen hätten auch deshalb bessere Chancen, weil die Bücher schon länger auf dem Markt seien und eine positive Rezeption im Herkunftsland die Auszeichnung mit dem DJLP beeinflussen würde. Bei allem Respekt vor der DJLP-Jury darf gemutmaßt werden, dass diese sich bei ihren Entscheidungen nicht intensiv mit der Literaturkritik anderer Länder auseinandersetzt und sich davon beeinflussen lässt.

Des Weiteren argumentiert Otfried Wolfrum, dass andere Länder mit ihren Staatspreisen keine Übersetzungen prämierten bzw. originalsprachige Titel bevorzugt behandeln würden. In der Tat werden zum Beispiel in den Niederlanden nur Werke niederländischer und flämischer Autoren und Illustratoren mit der "Goldenen Feder" bzw. dem "Goldenen Pinsel" ausgezeichnet. Die silbernen Versionen, also die zweiten Plätze, stehen auch Werken anderer Herkunft offen. Das kann bisweilen zu Ergebnissen führen, die verwundern. Und außerhalb des niederländischen Sprachraums dürften die Wenigsten um diese Besonderheit wissen.

Als der DJLP, der damals noch Deutscher Jugendbuchpreis hieß, 1956 ins Leben gerufen wurde, war es selbstverständlich, die Ausschreibung nicht auf deutschsprachige Werke zu beschränken. Es war die Zeit, in der man von einer "Kinderweltliteratur" träumte, in der die Schwedin Astrid Lindgren die deutschen Kinderherzen eroberte und Verlage Klassiker der englischsprachigen Phantastik (wieder-)entdeckten. Allein der Gedanke, den Preis national zu beschränken, dürfte nach der Zäsur, die der Nationalsozialismus auch für die deutsche Kinderliteratur bedeutet hat, unmöglich gewesen sein. Nach dem Krieg war man in Deutschland angewiesen auf übersetzte Kinder- und Jugendliteratur.

Das Besondere des DJLP ist übrigens auch, dass der Preis grundsätzlich zwischen Autor/in, Illustrator/in und Übersetzer/in aufgeteilt wird, wodurch die bedeutungsvolle und einflussreiche Arbeit von Übersetzern, welche so oft übersehen wird, eine Aufwertung erfährt.

Letztlich disqualifiziert Otfried Wolfrum sich mit der Feststellung, dass "2008 sage und schreibe nur sechs Kinder- und Jugendbücher ins Englische übersetzt, während schätzungsweise 300 Lizenzen aus dem angloamerikanischen Bereich eingekauft wurden." Diese Aussage mag zwar stimmen, aber ein Kenner der Literaturszene sollte wissen, dass dies ein Kennzeichen des angloamerikanischen Marktes ist, auf dem schlicht und ergreifend verschwindend wenig Übersetzungen erscheinen. Das ist schade, hat aber wirklich nichts mit den Vergabekriterien des DJLP zu tun.

Auf die Meinung des Laetitia-Verlegers haben mehrere Börsenblatt-Leser reagiert und es lohnt sich, die Kommentare zu lesen. So krude Wolfrums Argumentation ist, das Interessanteste am DJLP sind nun einmal die Diskussionen darüber, und die hat Wolfrum angeheizt. In Zeiten einer globalisierten Kinder- und Jugendliteratur müssen wir in Deutschland nun wirklich keinen nationalen Jugendliteraturpreis etablieren. Vielmehr hat die Userin Recht, die im Rahmen der Diskussion um Wolfrums Meinung das Thema "Autorenpflege" in deutschen Verlagen auf den Plan bringt. (Kirsten Waterstraat)


INFO
Die DJLP-Nominierungsbekanntgabe findet am Donnerstag, 18. März 2010, im Congress Center Leipzig in Saal 2 von 14.00 bis 15.00 Uhr statt. Die Veranstaltung ist kostenlos. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.

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