Mittwoch, 10. März 2010

Über das Schweigen, die Schuld und das Sprechen

Das gelungene Debüt der US-Amerikanerin Ann Dee Ellis

EsTutMirSoLeid Dieses Buch fällt auf. Nicht nur aufgrund der grellgrünen Farbe, sondern auch wegen der sparsamen Covergestaltung. Und natürlich aufgrund des Titels: Es.Tut.Mir.So.Leid.

Die graphische Gestaltung korrespondiert mit dem Inhalt. Der Text ist gegliedert in durch Vignetten unterteilte kurze Abschnitte, die nicht als Kapitel bezeichnet werden können. Es sind Einheiten, die dem Gedankenfluss des Ich-Erzählers folgen. Wobei in keinster Weise von einem 'Fluss' die Rede sein kann, denn Logans Gedanken fließen nicht, und vor allem fließt die Kommunikation nicht in Logans Geschichte. (Abb. Thienemann 2009)

Was tut Logan leid? – Nur langsam, Stück für Stück, kommt man als Leser seinem schrecklichen Geheimnis auf die Spur. Das macht die Spannung der Erzählung aus. Schnell wird klar, dass es etwas mit Zyler zu tun hat, Logans bestem Freund, der nun verschwunden ist. Logan hat etwas Furchtbares erlebt und seitdem ist nichts mehr, wie es früher war. Wer Die Sache mit Finn von Tom Kelly gelesen hat, wird sich vielleicht an die Geschichte des kleinen Jungen erinnert fühlen, der seinen Zwillingsbruder verloren hat und vor diesem Unglück wegzulaufen versucht.

Um den Sohn zu schützen und ihm einen Neuanfang zu ermöglichen, ist Logans Familie sogar umgezogen. Doch der Neuanfang geht gründlich schief. Logans Mutter, die eigentlich einfach nur alles richtig machen wollte, hat den neuen Nachbarinnen erzählt, was passiert ist und damit die Gerüchteküche ordentlich angeheizt. Wo Logan nun auftaucht, wissen alle schon vorher, dass er nicht nur etwas Schreckliches erlebt, sondern dass er daran auch in irgendeiner Weise beteiligt war. Und die neuen Nachbarjungen und Mitschüler sind erbarmungslos. Auch Logans Vater wollte eigentlich nur alles richtig machen, als er den Sohn zu den Pfadfindern schickt – schließlich haben die früher aus ihm auch einen ganzen Kerl gemacht. Schonungslos ist Logan den Gleichaltrigen ausgesetzt. Um seine Eltern nicht zu enttäuschen, erträgt Logan stillschweigend die psychischen und physischen Qualen. Er möchte nicht länger das Sorgenkind sein und er will den Eltern nicht die Hoffnung nehmen, dass alles wieder gut wird.

Für ihr Debüt wählt Ann Dee Ellis einen Kunstgriff. Die zahlreichen Dialoge setzt sie wie in einem dramatischen Text. Da die Kommunikation aber wie gesagt nicht fließt, entstehen ständig Sprechpausen bzw. reagieren Gesprächspartner gar nicht, allen voran Logan. Das sieht dann beispielsweise so aus:

Patsy: Du musst Logan sein.
Ich:
Patsy: Also, ich habe einen Sohn, der genauso alt ist wie du. Sein Name ist Bruce.
Ich:
Patsy: Du wirst ihn ganz bestimmt mögen. Er ist ein Schatz.
Ich:
Patsy: Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut?
Ich: Jaha.
Mom: Er ist nur ein bisschen schüchtern.
(S. 25)

Aber Logans Geschichte ist nicht die Geschichte eines Stillstands. Mithilfe eines Therapeuten, dem er sich anfangs total verweigert, und einer Mitschülerin – die mit ihrem 'Anderssein als die Anderen' und ihrer Begeisterung für Palindrome leider eine überkonstruierte Figur darstellt – gelingen Logan kleine Schritte. Und langsam kommt er wieder in seinem Leben an. Der wichtigste Schritt ist, dass er den Mund aufmacht und in Situationen eingreift, anstatt stumm und passiv zu bleiben – so wie damals gegenüber Zyler und dessen gewalttätigen Vater.

Das 'halboffene' Ende ist übrigens auch grafisch bemerkenswert und lässt im wahrsten Sinne des Wortes Freiräume.
(Kirsten Waterstraat)


Ann Dee Ellis: Es.Tut.Mir.So.Leid.
[Originaltitel: This Is What I Did, 2007]
Aus dem Amerikanischen von Eva Plorin
Stuttgart, Wien: Thienemann 2009
208 Seiten, Broschur, 12,90 EUR (D)
Vom Verlag empfohlenes Alter: ab 12 Jahren

Leseprobe und Interview mit der Autorin auf www.thienemann.de.
Im Januar ist ein neuer Titel von Ann Dee Ellis bei Thienemann erschienen: AllesInOrdnung.

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