Mittwoch, 3. März 2010

Anna 16 oder doch lieber die eigene Mutter?

Der Titel scheint Kindern zu gefallen: Die schrecklichsten Mütter der Welt von Sabine Ludwig erfreut sich großer Beliebtheit bei jungen Lesern

Emily, Bruno und Sofia nehmen an dem Wettbewerb teil, bei dem die „schrecklichsten Mütter der Welt“ gesucht werden. Die ausgefüllten und zurückgesandten Fragebögen werden danach beurteilt und prämiert, wer wohl eine der „schrecklichsten Mütter der Welt“ hat, wie der Titel von Sabine Ludwigs Erzählung lautet und die sich bei der Zielgruppe großer Beliebtheit erfreut. Die drei haben gute Chancen, denn sie sind geplagte und unverstandene Kinder, die schwer unter ihren Müttern leiden. Emilys Mutter ist ständig in der Bredouille. Einspringen muss immer die Tochter. Das nervt! Brunos Mutter würde aus ihm gerne einen Pianisten machen, während er davon träumt, Boxchampion zu werden. Und Sofia leidet unter ihrem jüngeren Bruder, Mamas kleinem Prinzen.

Die-schrecklichsten-Muetter-der-WeltKurz nach Zurücksendung der Fragebögen bekommen die Kinder Besuch von den stets gleichbleibend lächelnden, blonden Alleserlauberinnen-Tanten namens Anna. Der Verbleib der Mütter wird mit einer Spontankur erklärt. Die immernetten Annas erlauben alles, bestellen Pizza, sooft das Herz begehrt, erteilen kein Fernsehverbot, werfen den Klavierschüssel ins Klo, bestehen nicht auf aufgeräumte Zimmer und, und, und. Aber irgendwie haben die Kinder das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. (Abb. Dressler Verlag, Hamburg 2009)

Zur gleichen Zeit auf einer Insel sagt Sofias Mutter kleinlaut: „Ich kann diese ganzen Bands einfach nicht auseinanderhalten. Die Musik ist doch sowieso immer gleich: laut und misstönend“. Diese Äußerung zieht eine schlechte Note nach sich. Denn während die Kinder daheim von den Annas umsorgt werden, befinden sich deren Mütter in einer Mütterverbesserungsanstalt. Dort müssen die Klammer-, die Fitness-, die Öko- und alle anderen unzulänglichen Mütter an Kursen namens „Geschichten erzählen“, „Sandburgen bauen“ oder „Musikgeschmack der 13 bis 15-Jährigen“ teilnehmen und Tests absolvieren.

Wer aber hat sich diesen Eingriff in innerfamiliäre Erziehungsangelegenheiten ausgedacht? Etwa der Unternehmer Kruschke? Mit fortschreitender Handlung mündet die Erzählung in eine Abenteuergeschichte, bei der es um Leben und Tod geht. Ein geheimer Tunnel, in einem Bunker eingeschlossene Mütter, durchdrehende Anna-Roboterfrauen und gefährliche Verfolgungen – nichts bleibt den Kindern, die sich gemeinsam auf Müttersuche begeben, erspart. In raschen Szenenwechseln gesellt sich slapstickartige, spannende Unterhaltung für junge Leser zu alltäglichem Familienwahnsinn in einer Kriminalgeschichte. Diese lebt von ihren Überzeichnungen und dem auch für junge Leser erkennbar Abstrusen. Mädchen wie Jungen dürften Gefallen an dieser Erzählung finden.

Zum guten Schluss finden die Mütter und Kinder natürlich wieder zusammen und sind letztlich froh, gerade die Mütter eben dieser Kinder beziehungsweise die Kinder jener Mütter zu sein – denn es sind die eigenen! Die programmierten Ideal-Annas sind zwar perfekt, aber nicht liebenswert, im Gegensatz zu den eigenen Müttern. Gelernt haben Mütter wie Kinder, einander mehr Achtsamkeit entgegenzubringen. Obgleich die in der Erzählung vermittelte Toleranzbotschaft nur allzu offensichtlich ist, läuft der Text nicht Gefahr, „pädagogisch wertvoller Gehalt“ im Deckmäntelchen einer humorvollen Erzählung zu sein. Der schon im Titel angeschlagene übertreibende, ironische und unverbrämte Ton in Verbindung mit einem unprätentiösen, direkten Erzählstil ist es, der den Leser begleitet und in Bann zieht. Bleibt die Frage, was für eine Mutter der Unternehmer Kruschke wohl hat? (Linde Storm)

Sabine Ludwig: Die schrecklichsten Mütter der Welt
Dressler: Hamburg, 2009
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10-11 Jahre
288 Seiten, gebunden
13,90 EUR, ISNB 978-3791512372

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