Der Friedhof als Refugium
Das Graveyard-Buch von Neil Gaiman
Während die 3D-Puppentrickverfilmung von Neil Gaimans Roman Coraline das Kinopublikum seit einigen Monaten in eine grell-bunte und düstere Parallelwelt entführt, ist im Arena Verlag inzwischen ein weiteres bemerkenswertes Jugendbuch des erfolgreichen britischen Schriftstellers erschienen, mit dem Neugier weckenden Titel: Das Graveyard-Buch.
Der Titel ist als eine Anspielung auf Rudyard Kiplings Kinderbuchklassiker Das Dschungelbuch zu verstehen. Beide Bücher beschäftigen sich mit dem Prozess des Erwachsenwerdens in einer ungewöhnlichen Umgebung, einem Bereich, der scheinbar abgeschnitten ist vom Rest der Gesellschaft und nach eigenen Regeln funktioniert. In Kiplings Werk wird der Junge Mowgli von Tieren im Dschungel großgezogen, während in Gailmans Roman nun Friedhofs-Geister als Erziehungsberechtigte der Hauptfigur mit dem bezeichnenden Namen Nobody Owens fungieren.
Nobody ist noch ein Baby, als seine gesamte Familie von einem grausamen Auftragskiller getötet wird. Ihm gelingt als Einzigem krabbelnd die Flucht. Überraschenderweise wird der benachbarte Friedhof zu seinem Zufluchtsort. Die Geister der auf dem viktorianischen Friedhof beigesetzten Menschen, nehmen sich des Jungen an und werden zu Nobodys neuer Familie. Über viele Jahre hinweg bieten sie ihm Unterschlupf und Schutz vor dem mysteriösen Mörder, der unermüdlich nach ihm fahndet.
In episodenhaften Kapiteln werden die Abenteuer Nobody Owens erzählt. Der Leser lernt den verwunschenen Friedhof als einen Ort voller Geheimnisse, mythischer und phantasievoller Gestalten und liebenswerter Geister kennen. Nobody lebt in einer Welt der Toten, die sich wohlwollend um ihn kümmern und ihn Menschlichkeit, Mut aber auch Fähigkeiten, zu denen nur Geister fähig sind – wie z.B. Unsichtbarkeit –, lehren. Nobody reiht sich somit in die lange Liste der außergewöhnlichen Waisen der Kinder- und Jugendliteratur ein, die mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind, wie bspw. Harry Potter oder Momo.
Der Friedhof fungiert als Hauptschauplatz der Handlung und stellt im doppelten Sinne ein Refugium für Nobody dar. Er bietet ihm zum einen Schutz vor der konkreten, drohenden Gefahr in Form des Auftragskillers, ist aber zum anderen auch eine ungewöhnliche Metapher für die Kindheit und Jugend. Denn irgendwann muss Nobody den Friedhof, die Insel der Ruhe inmitten einer bedrohlich anmutenden Gesellschaft, verlassen und in die Welt hinausgehen. Kurzum, er muss erwachsen werden – ebenso wie Mowgli.
Gaiman ist mit dem Graveyard-Buch ein ungewöhnlicher, spannender und intelligenter Roman gelungen, der sich durch einen sensiblen und ganz und gar nicht Furcht erregenden Umgang mit dem Tabuthema Tod auszeichnet, ohne diesen Aspekt bemüht in den Vordergrund zu stellen. Denn vor allem handelt es sich beim Graveyard-Buch um eine abenteuerliche und mitreißende Geschichte, bei der der Humor nicht zu kurz kommt.
Ironischerweise ist ausgerechnet dieser "Friedhofs-Roman“, der in Amerika mit bedeutenden Jugendliteraturpreisen ausgezeichnet wurde, ein Plädoyer für das Leben. Er vermittelt die Überzeugung, dass das Leben, trotz der schmerzvollen Erfahrungen, die jedem widerfahren können, voller kleiner Glücksmomente und Entdeckungen steckt. Man muss nur den Mut haben sich dem Abenteuer Leben zu stellen. (Anette John)
Neil Gaiman:
Das Graveyard-Buch
Aus dem Englischen von Reinhard Tiffert
Arena Verlag, 2009
312 Seiten, gebunden
14,95 EUR, ISBN 978-3-401-06463-5
Während die 3D-Puppentrickverfilmung von Neil Gaimans Roman Coraline das Kinopublikum seit einigen Monaten in eine grell-bunte und düstere Parallelwelt entführt, ist im Arena Verlag inzwischen ein weiteres bemerkenswertes Jugendbuch des erfolgreichen britischen Schriftstellers erschienen, mit dem Neugier weckenden Titel: Das Graveyard-Buch.Der Titel ist als eine Anspielung auf Rudyard Kiplings Kinderbuchklassiker Das Dschungelbuch zu verstehen. Beide Bücher beschäftigen sich mit dem Prozess des Erwachsenwerdens in einer ungewöhnlichen Umgebung, einem Bereich, der scheinbar abgeschnitten ist vom Rest der Gesellschaft und nach eigenen Regeln funktioniert. In Kiplings Werk wird der Junge Mowgli von Tieren im Dschungel großgezogen, während in Gailmans Roman nun Friedhofs-Geister als Erziehungsberechtigte der Hauptfigur mit dem bezeichnenden Namen Nobody Owens fungieren.
Nobody ist noch ein Baby, als seine gesamte Familie von einem grausamen Auftragskiller getötet wird. Ihm gelingt als Einzigem krabbelnd die Flucht. Überraschenderweise wird der benachbarte Friedhof zu seinem Zufluchtsort. Die Geister der auf dem viktorianischen Friedhof beigesetzten Menschen, nehmen sich des Jungen an und werden zu Nobodys neuer Familie. Über viele Jahre hinweg bieten sie ihm Unterschlupf und Schutz vor dem mysteriösen Mörder, der unermüdlich nach ihm fahndet.
In episodenhaften Kapiteln werden die Abenteuer Nobody Owens erzählt. Der Leser lernt den verwunschenen Friedhof als einen Ort voller Geheimnisse, mythischer und phantasievoller Gestalten und liebenswerter Geister kennen. Nobody lebt in einer Welt der Toten, die sich wohlwollend um ihn kümmern und ihn Menschlichkeit, Mut aber auch Fähigkeiten, zu denen nur Geister fähig sind – wie z.B. Unsichtbarkeit –, lehren. Nobody reiht sich somit in die lange Liste der außergewöhnlichen Waisen der Kinder- und Jugendliteratur ein, die mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind, wie bspw. Harry Potter oder Momo.
Der Friedhof fungiert als Hauptschauplatz der Handlung und stellt im doppelten Sinne ein Refugium für Nobody dar. Er bietet ihm zum einen Schutz vor der konkreten, drohenden Gefahr in Form des Auftragskillers, ist aber zum anderen auch eine ungewöhnliche Metapher für die Kindheit und Jugend. Denn irgendwann muss Nobody den Friedhof, die Insel der Ruhe inmitten einer bedrohlich anmutenden Gesellschaft, verlassen und in die Welt hinausgehen. Kurzum, er muss erwachsen werden – ebenso wie Mowgli.
Gaiman ist mit dem Graveyard-Buch ein ungewöhnlicher, spannender und intelligenter Roman gelungen, der sich durch einen sensiblen und ganz und gar nicht Furcht erregenden Umgang mit dem Tabuthema Tod auszeichnet, ohne diesen Aspekt bemüht in den Vordergrund zu stellen. Denn vor allem handelt es sich beim Graveyard-Buch um eine abenteuerliche und mitreißende Geschichte, bei der der Humor nicht zu kurz kommt.
Ironischerweise ist ausgerechnet dieser "Friedhofs-Roman“, der in Amerika mit bedeutenden Jugendliteraturpreisen ausgezeichnet wurde, ein Plädoyer für das Leben. Er vermittelt die Überzeugung, dass das Leben, trotz der schmerzvollen Erfahrungen, die jedem widerfahren können, voller kleiner Glücksmomente und Entdeckungen steckt. Man muss nur den Mut haben sich dem Abenteuer Leben zu stellen. (Anette John)
Neil Gaiman:
Das Graveyard-Buch
Aus dem Englischen von Reinhard Tiffert
Arena Verlag, 2009
312 Seiten, gebunden
14,95 EUR, ISBN 978-3-401-06463-5
juvenil.beitrag - 2. Nov, 07:44
