Samstag, 10. Oktober 2009

Nominiert: Rabenhaar

DJLP, Sparte Kinderbuch

Do van Ranst
Rabenhaar
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Mit Vignetten von Eva Schöffmann
Carlsen, 2008

Rabenhaar
(c) 2008, Carlsen Hamburg

Es ist das letzte große Spiel für Bram und seine Clique, bevor sich die Wege der 14-Jährigen trennen. Schon vieles haben sie gespielt, doch diesmal soll es etwas ganz Besonderes sein. Schließlich lassen sich alle auf Rabenhaars Vorschlag ein, eine Hochzeit zu feiern – mit Rabenhaar als Braut und Bram als Bräutigam.
Rabenhaar heißt eigentlich Fatima und kommt aus Marokko. Sie gehört noch nicht allzu lange zur Clique und kommt auch erst seit kurzem wieder zu den Treffen in einem alten Holzschuppen. Der Grund für Fatimas Verschwinden war das letzte Spiel der Clique: Ein Filmdreh, bei dem sich Rabenhaar und Bram am Ende küssen sollten. Doch genau bei diesem Kuss platzte Rabenhaars Vater herein. Wütend zerrte er seine Tochter an den Haaren heraus und beschimpfte sie als Hure. Für ein paar Wochen war Rabenhaar verschwunden. Sprachlos und verwirrt blieben Bram und seine Freunde zurück.

Der flämische Autor Do van Ranst hat eine Erzählung geschrieben, die die Problematik kultureller Unterschiede und von Zwangsverheiratungen auf besondere Weise erzählt ohne dabei anbiedernd oder belehrend zu wirken. „Wir mögen alle verrückt nach Rabenhaar sein, anfangs hatten wir Schwierigkeiten mit ihrer Anwesenheit. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir sie nett fanden. Oder besser gesagt: bis wir es zugaben.“ Auch Bram und seine Freunde haben zunächst Vorurteile gegenüber Fatimas Kopftuch, ihrem Bedürfnis, die Schuhe im Schuppen ausziehen zu müssen und ihrem scheuen Wesen, das „oft auch nur von innen lachte“. Doch bald schon gehört Fatima zur Clique. Ihren wunderschönen langen schwarzen Haaren verdankt sie den Namen Rabenhaar.
Erst während des jetzigen Spiels können die Freunde wieder über das Geschehnen sprechen und die Reaktion des Vaters einordnen. Nach und nach erzählt Rabenhaar von ihrer Familie, die streng gläubig ist. Sie erzählt von den Sünden, zu denen auch ein Kuss gehört, von ihren Schwestern, die mit 14 Jahren verheiratet wurden und der Tatsache, dass ihr vermutlich dasselbe droht. Und genau das ist der Grund, warum sie sich das letzte Spiel gewünscht hat. Sollte ihr Vater tatsächlich einen Mann für sie aussuchen, so möchte sie doch wenigstens einmal denjenigen geheiratet haben, in den sie wirklich verliebt ist.
Ernsthaft und sehr offen erzählt Rabenhaar, was es bedeutet unbefleckt zu sein, was es heißt verheiratet zu werden und ab wann ein Mädchen eine Frau ist. Für die Freunde ist es zunächst schwer, das alles zu verstehen: „Ich finde es so wenig normal, dass ich mich frage, ob wir dieses Gespräch überhaupt führen dürfen. Ich schaue mich um und sehe den Käscher, mit dem wir so hoffnungsvoll auf die Frösche gewartet haben. Ich sehe den Bollerwagen, mit dem wir Dutzende von erfundenen Bränden gelöscht haben.“

Es geht um Viel in Do van Ranst' ruhigem, aber wort- und bildstarken Buch. Es geht um das Erwachsenwerden, um Verliebt sein und Eifersucht, um Spiel und Ernst. Als Bram das Hochzeitskleid nicht sehen darf, wird ihm bewusst: „Das ist eben eine der Spielregeln, die man einhalten muss. Mein Körper tut fast weh dabei.“

Die Erzählung endet mit einem glücklichen Brautpaar und einem echten, „mega-sündhaften“ Kuss. Gleichzeitig lässt der Autor dem Leser die Hoffnung, dass Rabenhaar in Wirklichkeit vielleicht doch nicht verheiratet wird.

Auf dem Cover der belgischen Original-Ausgabe liegt ein Mädchen im Gras und schaut in den Himmel - ein ähnliches Motiv wäre auch für die deutsche Ausgabe wünschenswert gewesen. Das von Eva Schöffmann gestaltet Cover ist schön, passt aber nicht zum Inhalt des Buches, im Gegensatz zu den filigranen schwarz-weiß Vignetten im Innenteil, die den Text auf besondere Weise unterstreichen. Statt einer sensiblen Geschichte über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und kultureller Unterschiede verheißt das Cover viel eher ein Märchen bzw. ein Buch für sehr junge Leser.
2007 erhielt Do van Ranst für sein Jugendbuch Wir retten Leben, sagt mein Vater den Deutschen Jugendliteraturpreis. Wie vielfältig, niveauvoll und preisverdächtig der Autor schreiben kann, beweist er auch mit Rabenhaar. (Brigitte Paul)

juvenil

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