nominiert: "Ein neues Land“
DJLP, Sparte Bilderbuch
Shaun Tan
Ein neues Land
Carlsen, 2008

(c) 2008, Carlsen Hamburg
Sprachlos "Ein neues Land“ entdecken…
Das Bilderbuch des Australiers Shaun Tan mit dem Titel Ein neues Land wirkt auf den ersten Blick wie ein leicht vergilbtes altes Fotoalbum, das viele Jahre auf einem Dachboden unbeachtet zwischen verstaubten Koffern überdauert hat. Man schlägt es auf, betrachtet die zu Fotografien stilisierten Zeichnungen und hat plötzlich das Gefühl … eine Entdeckung gemacht zu haben.
Die zeichnerisch sehr aufwendig und detailreich gestalteten Bilder erzählen die Geschichte eines Migranten, der seine Familie und seine bedrohlich anmutende Heimat verlässt, um in einem neuen Land sein Glück zu suchen. Dieses neue Land ist voller Kontraste. Mal hat man das Gefühl sich im realistisch wirkenden, frühen 20. Jahrhundert wieder zu finden, dann plötzlich in einer futuristischen, ins Phantastische abdriftenden Umgebung. Entscheidend ist jedoch, dass das neue Land sowohl auf die Hauptfigur als auch auf den Betrachter gleichermaßen befremdlich wirkt.
Die Bilder erzählen von den Bemühungen des Migranten sich zurecht zu finden in einem Land, dessen Sprache und Schrift er nicht beherrscht und dessen Speisen, Bräuche und architektonischen Besonderheiten ihm gänzlich fremd sind. Bei seiner Suche nach einem Arbeitsplatz trifft er auf andere Auswanderer, die ihre Geschichten mit ihm und dem Betrachter der Bilder teilen.
Shaun Tan vermittelt, ausschließlich in Form von Zeichnungen, wie es sich anfühlt in ein fremdes Land auszuwandern. Tans gänzlicher Verzicht auf Worte ist ein geschickter Kunstgriff, um den Betrachter die „Sprachlosigkeit“ vieler Migranten selbst erfahren zu lassen. Außerdem kann weder die Hauptfigur, noch der Betrachter dieses ungewöhnlichen „Albums“ die seltsamen Schriftzeichen, die beispielsweise auf Plakaten der gezeichneten Häuserwände zu sehen sind, entziffern.
Die eindringlichen Zeichnungen sind somit ein Appell an das Einfühlungsvermögen eines jeden Betrachters und machen wortlos das Leid und die Hoffnungen von Migranten nachfühlbar. Zugleich ist Ein neues Land eine Hommage an die Phantasie, denn die Bilder von fliegenden, gefalteten Papiervögeln und mysteriösen, grotesken Tieren entwickeln einen betörenden Sog, und hallen im Gedächtnis des Betrachters lange nach.
Shaun Tan arbeitete vier Jahre an seinem meisterhaften Buch und ließ sich u. a. von Erzählungen seines Vaters, der einst von Malaysia nach Australien übersiedelte, inspirieren. Ein neues Land wurde bereits mit einigen Literaturpreisen ausgezeichnet und hätte zweifellos auch den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch mehr als verdient. Denn auch wenn dieses Buch nicht auf Dachböden, sondern in gut sortierten Buchhandlungen zu finden ist, kann man es zweifellos als eine Entdeckung bezeichnen, als ein Meisterwerk, das vor originellen Einfällen nur so sprüht und beim Betrachter das Gefühl hinterlässt, eine außergewöhnliche Leseerfahrung gemacht zu haben. (Anette John)
Shaun Tan zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse:
Samstag, 17. Oktober 2009, 14.00 - 16.00 Uhr:
Shaun Tan im Gespräch mit Andreas Platthaus
Publikumsgespräch mit anschließender Signierstunde
Halle 3, Comiczentrum
Shaun Tan
Ein neues Land
Carlsen, 2008

(c) 2008, Carlsen Hamburg
Sprachlos "Ein neues Land“ entdecken…
Das Bilderbuch des Australiers Shaun Tan mit dem Titel Ein neues Land wirkt auf den ersten Blick wie ein leicht vergilbtes altes Fotoalbum, das viele Jahre auf einem Dachboden unbeachtet zwischen verstaubten Koffern überdauert hat. Man schlägt es auf, betrachtet die zu Fotografien stilisierten Zeichnungen und hat plötzlich das Gefühl … eine Entdeckung gemacht zu haben.
Die zeichnerisch sehr aufwendig und detailreich gestalteten Bilder erzählen die Geschichte eines Migranten, der seine Familie und seine bedrohlich anmutende Heimat verlässt, um in einem neuen Land sein Glück zu suchen. Dieses neue Land ist voller Kontraste. Mal hat man das Gefühl sich im realistisch wirkenden, frühen 20. Jahrhundert wieder zu finden, dann plötzlich in einer futuristischen, ins Phantastische abdriftenden Umgebung. Entscheidend ist jedoch, dass das neue Land sowohl auf die Hauptfigur als auch auf den Betrachter gleichermaßen befremdlich wirkt.
Die Bilder erzählen von den Bemühungen des Migranten sich zurecht zu finden in einem Land, dessen Sprache und Schrift er nicht beherrscht und dessen Speisen, Bräuche und architektonischen Besonderheiten ihm gänzlich fremd sind. Bei seiner Suche nach einem Arbeitsplatz trifft er auf andere Auswanderer, die ihre Geschichten mit ihm und dem Betrachter der Bilder teilen.
Shaun Tan vermittelt, ausschließlich in Form von Zeichnungen, wie es sich anfühlt in ein fremdes Land auszuwandern. Tans gänzlicher Verzicht auf Worte ist ein geschickter Kunstgriff, um den Betrachter die „Sprachlosigkeit“ vieler Migranten selbst erfahren zu lassen. Außerdem kann weder die Hauptfigur, noch der Betrachter dieses ungewöhnlichen „Albums“ die seltsamen Schriftzeichen, die beispielsweise auf Plakaten der gezeichneten Häuserwände zu sehen sind, entziffern.
Die eindringlichen Zeichnungen sind somit ein Appell an das Einfühlungsvermögen eines jeden Betrachters und machen wortlos das Leid und die Hoffnungen von Migranten nachfühlbar. Zugleich ist Ein neues Land eine Hommage an die Phantasie, denn die Bilder von fliegenden, gefalteten Papiervögeln und mysteriösen, grotesken Tieren entwickeln einen betörenden Sog, und hallen im Gedächtnis des Betrachters lange nach.
Shaun Tan arbeitete vier Jahre an seinem meisterhaften Buch und ließ sich u. a. von Erzählungen seines Vaters, der einst von Malaysia nach Australien übersiedelte, inspirieren. Ein neues Land wurde bereits mit einigen Literaturpreisen ausgezeichnet und hätte zweifellos auch den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch mehr als verdient. Denn auch wenn dieses Buch nicht auf Dachböden, sondern in gut sortierten Buchhandlungen zu finden ist, kann man es zweifellos als eine Entdeckung bezeichnen, als ein Meisterwerk, das vor originellen Einfällen nur so sprüht und beim Betrachter das Gefühl hinterlässt, eine außergewöhnliche Leseerfahrung gemacht zu haben. (Anette John)
Shaun Tan zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse:
Samstag, 17. Oktober 2009, 14.00 - 16.00 Uhr:
Shaun Tan im Gespräch mit Andreas Platthaus
Publikumsgespräch mit anschließender Signierstunde
Halle 3, Comiczentrum
juvenil.beitrag - 6. Okt, 08:31

The arrival
"The Arrival“ (so der Originaltitel) ist nicht nur in Australien, sondern auch in Neuseeland ein sehr populäres Buch. Die Literaturwissenschaftlerin Virginia Lowe beschrieb es in einem Interview als "the best depiction of the emigrant experience that anyone could imagine“ (Around the bookshops, November 2008), damit spricht das Buch auch im Einwanderungsland Neuseeland viele Leser an.
Doch die Erzählung ist nicht spezifisch für einen bestimmten Kulturkreis. Indem Shaun Tan die Geschichte ins Phantastische hebt, beschreibt er ein "universelles” Migrationserlebnis, das nicht an ein bestimmtes Land geknüpft ist.
Das Identifikationspotential des Buches wird außerdem erhöht, indem Flucht- und Migrationsgeschichten von unterschiedlichen Nebenfiguren verschiedener Ethnien angedeutet werden. Die Einwanderung mancher Charaktere liegt schon einige Zeit zurück, andere kommen erst an. Das Schlussbild zeigt die Ankunft einer Inderin und das Kind des Protagonisten, das ihr mit einer Karte den Weg erklärt. Damit zeigt Tan Migration als fortwährenden, Generationen übergreifenden Prozess.
Die zunehmende Einwanderung aus dem asiatischen Raum in Australien und Neuseeland hat in den letzten Jahren zu Spannungen geführt, immer häufiger kommt es etwa zu Übergriffen auf Studenten aus Asien (vorwiegend China). Shaun Tans Vater stammt aus China, Tan selbst hat Rassismus in Australien direkt und indirekt erfahren, wie er auf seiner Webseite berichtet. Obwohl Rassismus in den Bildern nicht thematisiert wird, kann man die Geschichte auch als Reaktion auf die real erlebte und aktuell aufwallende Diskriminierung in seinem Heimatland interpretieren.
Mit "The Arrival“/“Ein neues Land“ macht Tan auf Migration als andauerndes, globales Phänomen und gemeinsamen, Ethnien übergreifenden Faktor aufmerksam. Das Migrationserlebnis wird durch Tans einfühlsame und visuell eindrucksvolle Darstellung auch für den unbedarften Leser nachvollziehbar. (Anne Siebeck)