Mittwoch, 15. Oktober 2008

Keine Überraschung

Kinderliteratur im neuen Magazin ZEIT Literatur
Kommentar

Es hätte eine Chance sein können für die Kinderliteraturkritik, aber schon auf den ersten Blick bewahrheitet sich, was zu erwarten war. Die Rubrik "Kinder- und Jugendbuch" befindet sich auf ihrem angestammten Platz: den (vor-)letzten Seiten des Heftes. Kein einleitender Artikel, kein Portrait, kein Interview, keine Literaturkritik. Stattdessen: Rezensionen, Inhaltsbeschreibungen, Empfehlungen.

Mit der aktuellen Ausgabe der ZEIT vom 9. Oktober 2008, pünktlich zur Buchmesse, gibt es ein neues Magazin im deutschen Literaturland. Vierteljährlich wird es von nun an erscheinen, ab der zweiten Ausgabe allerdings nicht mehr in der Wochenzeitung, sondern im Zeitschriftenhandel, erinnernd an die Literaturbeilagen, die bislang vor der Leipziger und der Frankfurter Messe erschienen. Wie im Leitartikel der Zeitung verraten wird, soll ZEIT Literatur mehr sein, als eine Beilage. Die verantwortlichen Redakteure Ulrich Greiner und Florian Illies hoffen vielmehr, dass die Welt "ohne dieses Magazin ärmer wäre". Die reiche Welt der Kinder- und Jugendliteratur aber wäre es nicht.

An dieser Stelle soll nicht eingestimmt werden in den Chor derjenigen, die das geringe Ansehen der Kinder- und Jugendliteratur beklagen. Es soll lediglich auf verpasste Möglichkeiten hingewiesen werden.
Blättert man das Literaturmagazin durch, so fallen sogleich die größten Unterschiede zwischen der Rubrik Kinderliteratur, die in den Rezensionsteil mit den Neuerscheinungen des Herbstes fällt, und dem Rest des Heftes auf. Vor den Neuerscheinungen bereichern Beiträge jenseits von Rezensionen ZEIT Literatur: Eine Kurzgeschichte von Ingo Schulze, ein Beitrag von Orhan Pamuk, junge deutschsprachige Lyrik. Illustriert ist das Heft mit eigens angefertigten Zeichnungen von Yves Netzhammer, nur im Kinderliteraturteil tummeln sich lustig-bunte Bilderbuchillustrationen. Angesichts der Originalität dieser Illustrationen tut dies der Literatur für junge Leser natürlich keinen Abbruch, wirft aber ein falsches Bild auf die besprochenen Bücher, unter denen sich ja nicht nur reich illustrierte Bücher befinden, sondern auch Jugendbücher, deren Aufmachung Anderes signalisiert. Hier liegt wiederum ein weiterer Unterschied zum Rest des Heftes: Während dieses in Sparten gegliedert ist, sind Bilder-, Kinder-, Sach- und Jugendbücher wild gemischt. Die Rubriken für erwachsene Leser tragen wohlklingende Namen – wie zum Beispiel "Dichtung und Wahrheit" oder "Leib und Seele" – die Rubrik Kinder- und Jugendbuch hingegen heißt einfach nur "Kinder- und Jugendbuch". Wäre es nicht sinnvoll, zumindest eine chronologische Ordnung vom Kleinkindbuch zum Jugendroma vorzunehmen und die Sachliteratur von der Belletristik zu trennen?

Doch soll hier nicht nur Kritik geübt werden. Positiv fällt – auch im Vergleich zu Fachzeitschriften – die Länge der Buchbesprechungen sowie deren sprachliche Qualität auf. In diesem Zusammenhang sticht fällt eine Rezension besonders hervor. Wenn Benedikt Erenz über Stockmann, den neusten Helden in Axel Schefflers "murmelbuntem Arkadien" schreibt, klingt das so: "Schefflers hohe Kunst der Drolligkeit, der amönischen Groteske, lyrischen Abstrusität, findet diesmal ihr schönstes Echo in Donaldsons Versen, das heißt in den Reimen, die sich Wiglaf Droste und Stefan Maelck auf Donaldsons Verse gemacht haben – purzelnde Kinderreime, nicht niedlich, nie albern, sondern in einem hellen Parlando, das die Bilder umspringt wie ein fröhlicher Bach."

Anbei einige (naheliegende) Möglichkeiten: Wäre es nicht interessant, die Illustratorin Joëlle Jovilet zu ihrer Arbeitsweise zu interviewen, deren Bilderbuch 365 Pinguine im Heft besprochen wird. Warum haben Kinderbuchautoren eigentlich nie Gesichter, während die fotografische Inszenierung des Künstlers bei "erwachsenen" Schriftstellern selbstverständlich ist. Wie wäre es mit einem einleitenden Artikel, der die neusten Entwicklungen auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt analysiert und vielleicht auch die Auswahl der rezensierten Bücher im Magazin begründet? Diese scheint nämlich eher willkürlich zu sein. Wäre angesichts des Buchmessen Gastlandes nicht ein Dossier über die (aktuelle) türkische Kinder- und Jugendliteratur angebracht? Und da das Titelthema "Darwin" lautet: Vielleicht hätte man auch ein passendes Buch der "jungen" Sparte zum Thema gefunden?

Ein Zusammenhang zwischen den derzeitigen Bemühungen der ZEIT um Leseförderung und Bildung (KinderZEIT, Kinderedition, Vorlesekampagne) ist nicht zu erkennen – was durchaus eine Berechtigung haben könnte, sind Leseförderung und Literaturkritik doch zwei Paar Schuhe. Was fehlt, ist schlicht und einfach ein erkennbares Konzept hinter dem Ganzen, die Absicht, eine Idee.

Da es sich um die erste Nummer des Magazins handelt, kann nur spekuliert werden, wie es weitergeht mit der Kinderliteraturkritik in ZEIT Literatur. Vielleicht erwartet uns in Zukunft ja doch noch die ein oder andere Überraschung!? (kw)

juvenil

Blog für Kinder- und Jugendliteratur

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