Mittwoch, 16. November 2011

"… insofern eine Erfolgsgeschichte"

Interview mit Brigitte Briese, 14 Jahre Chefredakteurin des Bulletin Jugend & Literatur

Wie bereits im September auf juvenil berichtet, ist das Bulletin Jugend & Literatur seit August dieses Jahres nicht mehr erschienen. Die Neuland Verlagsgesellschaft, zu der die Fachzeitschrift gehört, hat Insolvenz angemeldet. Erstaunlicherweise gab es dazu bislang keine öffentlichen Reaktionen. Ein Grund für juvenil, bei der ehemaligen Chefredakteurin Brigitte Briese nachzufragen.

Frau Briese, sie waren 14 Jahre Chefredakteurin des Bulletin Jugend & Literatur (bjl). Diesen Sommer ist die Zeitschrift sang- und klanglos verschwunden. Was ist passiert?
Nun, soweit ich weiß, haben sich die Gesellschafter und die Angestellten der Neuland Verlagsgesellschaft nicht mehr so richtig gut verstanden. Über allerhand Schritte hat das offenbar zur Insolvenz geführt.

Und es gibt keine Chance mehr für eine Zukunft des Magazins? Irgendwelche Interessenten, die das Bulletin übernehmen könnten?
Dazu kann und will ich mich nicht äußern. Ich gehe aber davon aus, dass der Insolvenzverwalter Käufer für das Blatt sucht.

Wer sind bzw. waren die Abonnenten des bjl? Wurden diese überhaupt schon vom Verlag informiert?
Die Abonnenten waren und sind eine bunte Mischung von Bibliothekaren, Verlagsleuten, Privatpersonen, Lehrern, Institutionen ... Anscheinend ist bisher niemand informiert worden. Ich entnehme das den täglichen Anrufen von Abonnenten, die seit August bei mir eingehen.

Im auf Suchttherapie spezialisierten Buch- und Zeitschriftenprogramm der Neuland Verlagsgesellschaft war das bjl ein Exot. Wie gelangte es dort hin?
Das bjl ist in den Neuland Verlag geraten, weil der vorherige Besitzer, der Eulenhof Verlag, dem das Blatt jahrzehntelang gehört hat, es an Neuland verkauft hat. Bei Neuland war das bjl definitiv der Exot. Das hatte Auswirkungen, weil das Magazin nie wirklich in den Verlag integriert wurde. Es hatte von Anfang an eine Außenseiterrolle, was sich im Lauf der Jahre tendenziell verstärkt hat.

Warum haben es Zeitschriften wie das bjl so schwer, einen geeigneten Verlag zu finden?
Eine Antwort darauf würde ausgesprochen ausschweifend ausfallen und die Rolle der Fachzeitschriften in Vergangenheit und Gegenwart, den veränderten KJL-Markt und die ebenfalls veränderte Haltung der Rezipienten gegenüber dem Kulturgut Kinder- und Jugendbuch umfassen. Insgesamt war ich aber von Anfang an der Ansicht, dass die beiden wichtigsten Blätter – bjl und Eselsohr – zusammengelegt werden sollten. Der deutschsprachige Markt ist für zwei Fachblätter zu klein. Zielgruppe und Anzeigenaufkommen lassen sich kaum vergrößern. Leider hat es mit der Zusammenlegung nie geklappt.

Das Bulletin Jugend & Literatur hat eine über 40jährige Geschichte. Schaut man sich die ersten Ausgaben an, hat sich bis heute viel verändert. Können Sie die Geschichte des Magazins für die juvenil-Leser in wenigen Sätzen zusammenfassen?
Das Blatt hat sehr klein angefangen, mit drei Menschen, die an das bjl geglaubt haben. Aber keiner dieser drei – davon bin ich überzeugt – hat Ende der 60er Jahre damit gerechnet, dass sich das bjl so lange würde halten können. Insofern ist die Geschichte des bjl eine Erfolgsgeschichte. Dass sie nun möglicherweise auf diese Weise zu Ende geht, ist ein Fall von "dumm gelaufen".

Wenn Sie an die 14 Jahre als Chefredakteurin zurückdenken, welche sind die bleibenden Erinnerungen – abgesehen von der jüngsten, negativen Entwicklung? Wie oft in solchen Jobs sind das wichtigste die Begegnungen mit allen nur möglichen netten, seltsamen, egozentrischen, versponnenen, klugen Menschen. Ich habe in meiner Zeit beim bjl einen ganzen Sack voller Anekdoten und Geschichten gesammelt. Meinen ersten Termin für das bjl hatte ich beispielsweise bei der Trauerfeier für James Krüss auf der Insel Helgoland. Ich habe mich mit Ulrich Störiko-Blume, damals Verlagsleiter bei Bertelsmann Jugendbuch, verplaudert und mein Schiff nach Hamburg verpasst. Weil ich nun mal auf Helgoland festhing, hat mich die Familie zur Seebestattung von James Krüss mit hinaus genommen, und beim Totenschmaus war ich auch dabei. Aus vielerlei Gründen werde ich diese beiden Tage nie vergessen, ebenso einige Abende in der "Neonbar" in Bologna und vieles andere mehr. Wenn ich mich an die Jahre mit dem bjl erinnere, verzieht sich mein Gesicht sofort zu einem breiten Grinsen, weil mir sooo viele bizarre Ereignisse einfallen. Alles in allem hatte ich richtig viel Spaß!

Wie Sie uns berichtet haben, hatten Sie nicht die Chance, sich als Chefredakteurin von Ihren Leserinnen und Leser zu verabschieden. Was würden Sie ihnen gerne mitteilen?
Madet joot! (= rheinisch für "Macht es gut!")

Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen Ihnen auch bei Ihren neuen Aufgaben viel Spaß.

Die Fragen stellte Kirsten Waterstraat

Siehe auch den Beitrag "Wo ist das Bulletin Jugend & Literatur" vom 10.09.2011.

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