Montag, 14. November 2011

Kulturelles Fußballgedächtnis für Kinder

Ein Sach- und Geschichtenbuch rund ums Lieblingsthema vieler junger Leser

Weltmeisterschaften gehören zu den wichtigsten Spielen der Sportwelt alle vier Jahre, auch im Fußball. Es gibt aber Spieler, Schiedsrichter, Fans, Tore, Episoden, aus denen Legenden und Mythen werden, die über die jeweilige Weltmeisterschaft – die doch gerade eben noch so fesselnd war – hinaus bestehen. Zidanes Besiegelung seiner Fußballerkarriere mit einer Roten Karte, die ihm seine Landsleute nicht übelnahmen, das berühmteste Tor aller Zeiten in Wembley, das (nicht) fiel, Namen wie Maradonna, das Wunder von Bern, üble Fouls, unvergessliche Tore – diese „Treffer der Ewigkeit“ hat Christian Eichler in Zuckerpass und Blutgrätsche. Wahre Geschichten rund um den Fußball zusammengetragen und nacherzählt. Der Verfasser debütierte mit diesem Buch als Kinderbuchautor und landete damit auf der Nominierungsliste des Deutschen Jugendliteraturpreises 2011 in der Sparte Sachbuch.

Zuckerpass-Blutgraetsche-2-Klett-Kinderbuch

Ein simples Lehrbuch ist Zuckerpass und Blutgrätsche nicht, sondern vielmehr auf charmante Weise sehr lehrreich. So erfährt man beispielsweise etwas über die Herkunft der ungeliebten Karten gelber und roter Farbe oder eben was ein Zuckerpass ist. Die Hierarchielosigkeit kleiner und großer sportlicher Kostbarkeiten, das Nacheinander und Nebeneinander von zunächst Unbekannterem, das aber den Weg auf den Platz gefunden hat, zu Bekanntem, nimmt für das Buch ein.
Der Satzbau des Kinderbuchs ist einfach, die geschilderten Ereignisse folgen rasch aufeinander, so dass eine gewisse Geschwindigkeit und zuweilen Drastik entsteht, die alles auf reizvolle Art leicht ironisch erscheinen lässt. Ein Beispiel:

„Schwein hatte auch ein Ferkel gehabt, das beim österreichischen Pokalspiel Wattens-Wacker gegen SV Salzburg auf den Platz lief. Tiere verirren sich öfter mal ins Fußballstadion. Man hat schon Enten, Eichhörnchen, Füchse, sogar einen Stier auf dem Platz gesehen. Man musste sie einfangen oder vertreiben, damit das Spiel weitergehen konnte. Aber das Ferkel war besonders fit, fast wie ein Fußballer. Erst war es dem Metzger entkommen, der es schlachten wollte. Dann hielt es das Spiel zwanzig Minuten lang auf. So lange dauerte es, bis sechs Fußballordner das Ferkel endlich gefangen hatten. Es wurde nach dem Spiel von den Fans des Heimteams vor dem Metzger gerettet und zum Maskottchen gemacht.“

Zuckerpass-Blutgraetsche-Klett-Kinderbuch

Trotz der Fülle der Geschichten, mündet alles nie in ein gehetztes Sammelsurium beliebiger Episoden. Es wäre wohl für den Autor ein leichtes gewesen, sich ausschließlich im „Namedropping“ zu ergehen, hat er doch seit mehr als zwanzig Jahren als Sportredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die besten Spieler der Welt auf dem Rasen beobachtet und auch mit ihnen gesprochen. Den Weg eines noch unbedarften Stadionbesuchers zum lebenslänglich treu ergebenen Fan eines bestimmten Clubs – Christian Eichler meldet sich hier selbst zu Wort und beschreibt in einer kleinen Geschichte den persönlichen Weg zu „seinem“ Club.
Der Blick wird auch nach innen gerichtet. Was bedeutet Einsamkeit zwischen Zigtausenden? Elf Meter vom Tor entfernt kann sie der Schütze spüren:

„Dabei kann jeder Kreisligakicker einen Elfmeter gegen einen Nationaltorwart verwandeln – wenn er den Ball nur richtig trifft. Das Schießen ist kein Problem. Das Denken vor dem Schuss ist das Problem […] Man kann sich das so vorstellen: Jedes Kind kann auf einer flachen Mauer laufen, ohne herunterzufallen. Aber wenn dieselbe Mauer hundert Meter hoch ist, schaffen das nur noch Artisten oder Alpinisten. Das ist der Unterschied zwischen Elfmeter im Training und Elfmeter im Wettkampf. Für den Körper ist es zweimal dieselbe Aufgabe. Für den Kopf ist es etwas völlig anderes.“

Selten nimmt ein Illustrator sich und seine Kunst so zurück wie Jürgen Rieckhoff. Es klingt wie ein Witz, was aber besonders gut gefällt, ist die Augenweide leerer hellgrüner Seiten, die zu Beginn eines jeden Kapitels links zu sehen sind. Ist das das Heilige Grün des Rasens, das allem Geschehen zugrunde liegt? Die Bilder, die sich auf das Wesentliche beschränken, setzen mit ihrem ungewöhnlichen Blickwinkel das comicartig fort, was in den Geschichten enthalten ist, gezeichnet mit schwarzen Umrandungen und nur wenigen Farben wie rot, grün, blau, gelb und ohne Schattierungen.

Sachbuch oder erzählende Literatur? In Zuckerpass und Blutgrätsche ist diese Frage mit „sowohl als auch“ zu beantworten. Hier wird in wunderbarer Weise das aufgegriffen, was ins kulturelle Fußballgedächtnis (eine große, jedoch zutreffende Wortverbindung) eingegangen ist – und liefert mit diesem Unterfangen selbst einen Beitrag dazu. (Linde Storm)

Christian Eichler:
Zuckerpass und Blutgrätsche
Wahre Geschichten rund um den Fußball

Mit Bildern von Jürgen Rieckhoff
Klett Kinderbuch, Leipzig 2010
96 Seiten, gebunden
12,90 Euro

Empfehlung des Verlags: Ab 8 und zum Vorlesen

(c) Abbildungen: Klett Kinderbuch

juvenil

Blog für Kinder- und Jugendliteratur

Aktuelle Beiträge

juvenil ist umgezogen
... und jetzt zu finden unter: www.juvenil.eu
juvenil.kw - 12. Aug, 11:29
Komm, lieber Mai ...
juvenil begrüßt den Wonnemonat Das heute...
juvenil.redaktion - 1. Mai, 13:14
Komm, lieber Mai ...
juvenil begrüßt den Wonnemonat Das heute...
juvenil.redaktion - 1. Mai, 13:06
Nominierungen zum Deutschen...
Neue Kritikerjury überzeugt mit Bandbreite Am...
juvenil.redaktion - 16. Mrz, 14:19
Märchenhafter Adventskalender
Frau Holle schüttelt die Betten und auf der Erde...
juvenil.lis - 21. Feb, 07:17

Besucher

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 3697 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 6. Jan, 21:31

Suche