Montag, 29. Oktober 2007

Potter & Carlsen

„Harry Potter ist die größte Leseförderungs-Kampagne, die es je gegeben hat.“

Dass Kinderbuchverleger interviewt und zitiert werden kommt nur selten vor. Aber wenn es um Harry Potter geht treffen ja bekanntlich keine gängigen Maßeinheiten zu. In der Süddeutschen Zeitung und in der Welt berichten Carlsen Verleger Klaus Humann und Geschäftsführer Joachim Kaufmann vom Einfluss, den die sieben Potter-Bände auf den Hamburger Verlag haben. Der Tenor lautet „Wir können auch ohne Harry Potter leben“.

Dennoch: die Veränderungen seit 1999 (Band 1) sind unübersehbar, Umsatz und Mitarbeiterzahl haben sich seitdem verdoppelt. Zudem hat Carlsen ein eigenes und mittlerweile umfangreiches Taschenbuchprogramm gegründet. Dies erschien dem Verlag rentabler als der Verkauf der HP-Taschenbuchrechte an einen anderen Verlag.

Das Phänomen Harry Potter wird ausreichend diskutiert. Uns interessieren an dieser Stelle die Auswirkungen auf den Verlag und den Kinderbuchmarkt. Zur Veranschaulichung: von Band VII erschienen diesen Samstag 3 Millionen Exemplare, der erste Band kam 1999 noch mit einer Startauflage von 8.000 Exemplaren auf den deutschsprachigen Markt - und eine Auflage von 8.000 Exemplaren ist im Kinderbuchbereich nicht die Regel, viele Titel erscheinen in niedrigeren Auflagen, manche davon nur in einem einzigen Druck.

Harry Potter hat den Markt wie kein anderer Titel belebt – nicht blockiert. Jeder deutsche Kinder- und Jugendbuchverlag führt mittlerweile mindestens eine Phantasy-Trilogie oder ähnliches im Programm. Allen voran die Potter-Konkurrenz „Tintenwelt“ von Cornelia Funke (Dressler/Oetinger), Beltz & Gelberg, bisher stärker dem Muggel-Genre verhaftet, legte dieses Jahr mit „Schlangenschwert“ nach und auch Carlsen selbst hat im Programm noch anderes Futter für hungrige Potter-Fans: die Bücher von Philip Pullman (waren schon vor HP da) und Stephenie Meiers „Bis(s)“-Trilogie für weibliche Teenager. Und dies sind nur einige wenige Beispiele.

Außerdem hat der Potter/Phantasy-Wahn nicht nur den Kinderbuchmarkt verändert, sondern die gesamte Buchwelt. Das Lesen von Kinder- und Jugendbüchern durch Erwachsene ist mit Harry Potter salonfähig geworden, auch wenn der Verlag daran nicht so ganz zu glauben scheint und vorsichtshalber noch die „Belletristikausgaben“ auf den Markt gebracht hat.

Ganz nebenbei dürfte Harry so manchem nicht ganz so verkaufsträchtigen Titel bei Carlsen zum Erscheinen verholfen haben – Stichwort Mischkalkulation. In Hamburg blickt man gelassen in die Post-Potter-Ära: „Auf mittlere Sicht wollen wir uns unter den ersten drei Verlagen im Kinder- und Jugendbuchsegment etablieren, Marktführer im Comic bleiben und zur Nummer eins bei Cartoon und Humor aufsteigen.“ (Kaufmann)

Es gibt also ein Leben nach Harry Potter. Schließlich ist und bleibt Carlsen auch der Verlag von zahlreichen Comicstrips, Pixi, der Lesemaus … und – auch wenn allgemein weniger bekannt (aber fragen Sie mal ein x-beliebiges Vorschulmädchen!) – der ungekrönten Regentin Conni – denn die herrscht nicht nur über sieben Bände, sondern über ein ganzes Imperium.

Zu den Artikeln: "Carlsen lebt auch ohne Harry Potter" und "Wir können ohne Harry Potter leben" (Interview mit J. Kaufmann)

juvenil

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