Mittwoch, 13. Juni 2007

Astrid Lindgren und ihre Wirkungen in der Kinder- und Jugendliteratur

20. Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung

In diesem Jubiläumsjahr, in dem Astrid Lindgren 100 Jahre alt geworden wäre, machte auch die Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung (GKJF) das Werk der weltbekannten Autorin zum Thema der jährlich stattfindenden Tagung. Ca. 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz trafen sich in Erfurt, um über das Werk Lindgrens zu diskutieren. Zu Gast waren außerdem Ulf Boëthius aus Lindgrens Heimatland Schweden und Rolf Annas aus Südafrika. Beiträge über die Rezeption Lindgrens in Ungarn, Kroatien und den Niederlanden mussten krankheitsbedingt leider ausfallen.

Besonders häufig wurde die Rezeption von Lindgrens Werk einschließlich dessen Übersetzung thematisiert. So verglich Svenja Blume (Freiburg) die französische Übersetzung von Pippi Langstrumpf mit dem Original und stellte heraus, wie aus dem „Übermenschen in Kindergestalt“ durch zahlreiche Anpassungen und Veränderungen ein „enfant terrible“ wurde.
In Südafrika erscheint Pippi Langstrumpf seit den 70er Jahren, wird aber v.a. in Afrikaans gelesen und wesentlich seltener in Englisch. Übersetzungen in andere südafrikanische Sprachen existieren nicht. Im Land der Apartheid ist natürlich besonders der dritte Band, Pippi in Taka-Tuka-Land, brisant. Im Allgemeinen wurde der Lindgren-Klassiker in Südafrika aber positiv im Sinne von Grenzen überwindend und nicht als rassistisches Werk gelesen. In der britischen Übersetzung ist übrigens nicht von „Negern“ sondern von „Menschenfressern“ die Sprache.
Dass eine solche Lesart aber durchaus besteht, machte Konstanze Jung (Marburg) deutlich, die die literaturdidaktische Herangehensweise von Heidi Rösch an Pippi Langstrumpf kritisch unter die Lupe nahm. Jung zeigte auf, was aus dem Text wird, wenn er mit den Scheuklappen einer vermeintlichen politischen Korrektheit gelesen wird. Dass es sich bei Pippi Langstrumpf um ein historisches Werk handelt, wird von einer solchen didaktischen Lesart ignoriert.
Wie die deutsch-österreichische Literaturpädagogik der 50er und 60er Jahre Lindgrens Werk las, veranschaulichte Sonja Müller (Frankfurt/M.). Die sogenannte „Theorie des guten Jugendbuchs“ wirkte mit am Erfolg Lindgrens im deutschsprachigen Raum, da sie ihr Werk als besonders kindgemäß und gleichzeitig als „wahre Dichtung“ anerkannte. Anna Krüger, Richard Bamberger und Co. lasen Lindgrens Texte v.a. auf der entwicklungspsychologischen Ebene.
Ulf Boëthius (Uppsala) diskutierte “the contemporary debate on modern youth” und brachte Pippi Langstrumpf in Zusammenhang mit einer neuen Jugend, die er als „wild, uncivilised and disobedient“ beschreibt. Astrid Lindgren erlebte die neuen Entwicklungen selbst: Sie schnitt sich die Haare ab, tanzte zur „Negermusik“ Jazz und wurde schließlich jung zur unverheirateten Mutter.

Neue Medien und das Werk Astrid Lindgrens kamen auf der Tagung auch zur Sprache. Bettina Kümmerling-Meibauer (Tübingen) referierte über die Fotobilderbücher von Lindgren und der Fotografin Anna Riwkin-Brick, die ein neues Format in die Kinderliteratur einführten. Sie warfen in diesen Büchern einen „Blick auf das Fremde“ und beschrieben das Leben von Kindern aus aller Welt. Wobei dieses „Fremde“ im Rahmen des Folkloristischen und letztlich Bekannten blieb, v.a. aufgrund von Lindgrens Texten, die dem „Bullerbü-Konzept“ verhaftet sind.
Die Fotobilderbücher hatten nur in den 50er und 60er Jahren Erfolg; sie wurden abgelöst von neueren Medien, wozu seit knapp einem Jahrzehnt auch Computerspiele, die auf kinderliterarischen Vorlagen beruhen, gehören. Mela Kocher (Zürich) stellte Ronja Räubertochter und Karlsson vom Dach als Computerspiel vor. Dabei kam die Diskussion auf, ob man in diesem Fall von „Adaption“ sprechen kann oder Begriffe wie „Inszenierung“ oder „Stoff-Verwertung“ besser geeignet sind. Das Ronja-Spiel bewegt sich jedoch sehr nah an der ursprünglichen Geschichte, während das Spiel Karlsson vom Dach nur mit den Figuren, Motiven und Themen der Vorlage spielt.
Mit Lindgrenschen Erzählweisen, nicht auf CD-Rom, sondern in den Originaltexten, setzten sich Ann-Katrin Ostermann und Jana Mikota (Siegen) auseinander. Sie analysierten auf der Textebene moderne Erzählformen in Mio, mein Mio und Die Brüder Löwenherz.

Die Beschäftigung mit einer Autorin, die sich weltweiter Bekanntheit erfreut, wirft unweigerlich einen Blick auf andere Autoren der gleichen Epoche, die möglicherweise in Lindgrens Schatten standen. Gleich drei Vorträge befassten sich mit diesem Thema: Gina Weinkauff (Heidelberg) stellte ein Nord-Süd-Gefälle in der (west-)europäischen KJL allgemein und ein Ost-West-Gefälle bezüglich des italienischen Kinderbuchautors Gianni Rodari im Besonderen fest. Rodari wurde in kommunistischen Ländern verstärkt wahrgenommen. Ernst Seibert (Wien) beschrieb u.a. das Werk Erica Lillegs im Rahmen der „Anfänge der phantastischen Literatur in Österreich“ in der Mitte des 20. Jahrhunderts. In dieser kinderliterarischen Epoche sieht er einen ersten kinderliterarischen Paradigmenwechsel. Kirsten Waterstraat (Frankfurt/M.) schließlich verglich Lindgren mit der „niederländischen Astrid Lindgren“ Annie M.G. Schmidt. Wo die Schwedin psychologisch differenzierte Charaktere zeichnet, sind die Figuren in Schmidts Werk Typen, wie sie dem volksliterarischen Erzählen entsprechen. Aber wo Lindgren glückliche Kindheiten nur in vergangenen oder mythischen Welten ansiedelt, ist Schmidts Werk tief in der säkularisierten niederländischen Alltagskultur verankert. So können im Werk beider Autorinnen sowohl moderne als auch traditionelle Themen und Formen ausgemacht werden.

Aus skandinavistischer Perspektive brachte Angelika Nix (Freiburg) dem weitestgehend aus Germanisten bestehenden Publikum „Astrid Lindgrens Verortung im skandinavischen Modernismus“ näher und machte damit deutlich, dass Lindgrens Werk in Schweden von der Literaturwissenschaft ganz anders eingeordnet wird, als im Deutschsprachigen Raum, wo die Autorin zur sogenannten „Kinderliteratur der Kindheitsautonomie“ zählt. In Schweden wird Lindgrens Werk sowie die Kinderliteratur ihrer Zeit vielmehr analog zur allgemeinen Literaturgeschichte verortet. In den 40er Jahren erlebt die skandinavische KJL einen „modernen Durchbruch“ und, nach der Jahrhundertwende, ein „zweites goldenes Zeitalter“. Lindgrens Werke werden u.a. als unmittelbare Folge der wichtigen skandinavischen Literaturentwicklungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gesehen: Mit dem „Modernen Durchbruch“ verschrieb sich die avantgardistische skandinavische Literatur dem Naturalismus, um sich schon wenige Jahre später einer neuen Innerlichkeit hinzuwenden. Paradigmatisch für diese Entwicklung steht Knut Hamsuns Hunger; dieser Text beeinflusste Lindgrens Werk unmittelbar. Die Reformpädagogik und die Kinderliteratur des „ersten goldenen Zeitalters“, deren herausragende Vertreterinnen Elsa Beskow und Selma Lagerlöf sind, beeinflusste die Entwicklung weiter, die schließlich in Pippi Långstrump kulminierte. Astrid Lindgrens Werk wird von der schwedischen Literaturgeschichtsschreibung eindeutig dem Modernismus zugeordnet.
Dass gerade Pippi Langstrumpf in Skandinavien als besonders modern und absurd angesehen wird, steht auch im Zusammenhang mit den Originalillustrationen von Ingrid Vang Nyman. Deren Pippi wirkt viel weniger „normal“ als die deutsche Pippi von Rolf Rettich und Vang Nymans Villa Kunterbunt erinnert an einen chaotischen, dadaistischen Merzbau, während Rettichs Villa nostalgisch und fast pittoresk aussieht.
Die Entscheidung des Oetinger Verlags für Rolf Rettich als Pippi-Illustrator ist nur ein Beispiel für den großen und unmittelbaren Einfluss, den Oetinger auf das Lindgren-Bild, auch außerhalb des deutschsprachigen Raums, hat. So ließ der Verlag die deutschen Bullerbü-Übersetzungen von der Schwedin Ilon Wikland illustrieren. Diese Illustrationen übernahm der schwedische Verlag für den Originaltext und so wurde Ilon Wikland zur wichtigsten Lindgren-Illustratorin, deren liebliche und angepasste Bilder für die Erzählungen Lindgrens schlechthin stehen und die in Vieler Augen Lindgrens Werk kongenial verbildlichen.
Mit zahlreichen Texten von und über Lindgren im Verlagsalmanach Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel beeinflusste Oetinger ebenfalls die Sichtweisen auf das Werk Astrid Lindgrens. So schrieben darin beispielsweise Anhänger der „Theorie des guten Jugendbuchs“ über Lindgrens Texte und richteten das Augenmerk v.a. auf die Anregung der Phantasie durch Lindgrens Texte sowie deren besondere "Kindgemäßheit".
Das enge Verhältnis zwischen Astrid Lindgren und ihrem deutschen Verlag wurde während eines Podiumsgesprächs deutlich, das Hans-Heino Ewers mit Silke Weitendorf führte. Weitendorf ist die Tochter von Heidi und Friedrich Oetinger, dessen 1946 gegründeter Verlag mit Pippi Langstrumpf der Durchbruch als Kinderbuchverlag gelang. Weitendorf berichtete vom Familienunternehmen, in dem sie schon als junges Mädchen die Manuskripte lesen und beurteilen durfte und v.a. Astrid Lindgren kennen und schätzen lernte. Der zweite große Lindgren-Verlag, nach Rabén & Sjögren in Stockholm, verdankt Lindgren „alles“, wie Weitendorf feststellt und fühlt sich Lindgren und deren Werk nicht nur aufs Engste verbunden, sondern auch verpflichtet.

Astrid Lindgrens Wirkungen in der Kinder- und Jugendliteratur sind unverkennbar; das hat die diesjährige GKJF-Tagung gezeigt. Wünschenswert wäre eine Abschlussdiskussion gewesen, gerade bei einem solchen Thema, das das Werk einer einzelnen Autorin fokussierte. In den auf die einzelnen Vorträge folgenden Diskussionen wurden bestimmte Aspekte dieses Werkes und seiner wissenschaftlichen Erforschung immer wieder thematisiert. Zum Beispiel die Diskrepanz zwischen Modernismus und Traditionalismus oder die Darstellung von idyllischen, heilen Kinderwelten neben Einsamkeit und Trauer – Gefühlen, mit denen Lindgren ihre kindlichen Figuren und Leser ebenso konfrontiert. Auffallend war auch die Dominanz der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Pippi Langstrumpf, während andere Werke von Lindgren, wie zum Beispiel die Geschichten um Kati, Madita, die Kinder aus der Krachmacherstraße oder Kalle Blomquist, nur am Rande gestreift wurden. So viel bereits über Astrid Lindgren geschrieben wurde – zahlreiche Facetten ihres Oeuvres warten noch darauf, erforscht zu werden. (kw)

Internetauftritt der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung: www.gkjf.de
Ein Sammelband mit verschiedenen Tagungsbeiträgen ist in Planung.

juvenil

Blog für Kinder- und Jugendliteratur

Aktuelle Beiträge

juvenil ist umgezogen
... und jetzt zu finden unter: www.juvenil.eu
juvenil.kw - 12. Aug, 11:29
Komm, lieber Mai ...
juvenil begrüßt den Wonnemonat Das heute...
juvenil.redaktion - 1. Mai, 13:14
Komm, lieber Mai ...
juvenil begrüßt den Wonnemonat Das heute...
juvenil.redaktion - 1. Mai, 13:06
Nominierungen zum Deutschen...
Neue Kritikerjury überzeugt mit Bandbreite Am...
juvenil.redaktion - 16. Mrz, 14:19
Märchenhafter Adventskalender
Frau Holle schüttelt die Betten und auf der Erde...
juvenil.lis - 21. Feb, 07:17

Besucher

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 3907 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 6. Jan, 21:31

Suche