Montag, 28. Mai 2007

Kind sein dürfen

Ausstellung im Städel: Die Entdeckung der Kindheit. Das englische Kinderportrait und seine europäische Nachfolge

So wie die Kinderliteratur in der Aufklärung „entdeckt“ wurde, so begannen im 18. Jahrhundert auch die Maler sich mit Kindheit auseinander zu setzen und fertigten Portraits von Kindern an. Inspiriert von den neuen Ideen John Lockes und Jean-Jacques Rousseaus machten sie sich auf die Suche nach dem, was Kinder sind und malten sie nicht mehr als kleine Erwachsene, sondern als Kinder, die Kind sein dürfen.

"Die Natur will, dass Kinder Kinder sind, bevor sie Erwachsene werden." (Rousseau: Emile oder über die Erziehung)

Die Gemälde der Ausstellung im Städel zeigen deutlich diesen neuen Blick auf die Kindheit und spiegeln die Erziehungs-Auffassungen des 18. Jahrhundert. Die Kindheit wird nun als eine eigenständige und im Hinblick auf die Entwicklung des Menschen wichtige Lebensphase gesehen. So werden die Kinder auf den Bildern ihrem Alter gemäß dargestellt, mit entsprechenden Regungen, Bewegungen und Beschäftigungen.

William Beechey Die OddieKinder 1789 copyright Staedel

Nach dem Motto Rousseaus: Zurück zur Natur, werden nahezu alle Kinder in der Natur dargestellt. Diese galt als der perfekte Lebens- und Entwicklungsraum für Kinder, in dem sie ungezwungen spielen, sich bewegen und gesund leben konnten. Spiel und Bewegung waren zu wichtigen Elementen moderner Erziehung geworden. Und so finden sich auf den Bildern zahlreiche Spielgeräte wie Drachen, Reifen, Kricket-Schläger und Spielkarten. Das Spiel in der freien Natur erforderte natürlich Bewegungsfreiheit und auf den Gemälden ist gut nachvollziehbar wie sich die Kleidung für Kinder entwickelt: Von den gleichen Kleidungsstücken Erwachsene sie trugen – Uniform, Reifrock, Korsett und Perücke – hin zu bequemen Kleidern aus fließenden Stoffen. Offene Krägen, heruntergerutschte Socken und auf dem Boden liegende Hüte zeigen, dass die Bedürfnisse der Kinder wichtiger sind als ein perfektes Äußeres. Die vielen Tiere, die die Gemeinschaft der Kinder auf den Bildern teilen, stellen keine Allegorien oder fremde Wesen mehr dar, sondern werden zu zahmen Partnern der Kinder.

Henry Raeburn Boy and Rabbit copyright StädelSo modern die neue Sicht auf das Kind ist, so konventionell sind weiterhin die Rollen unter den Geschwistern verteilt. Immer nimmt der älteste Sohn – der Erstgeborene und Stammhalter der Familie – eine hervorragende Position ein, die auf seine Stellung verweist. So blickt er zum Beispiel auf vielen Bildern in die Ferne resp. Zukunft, während die Mädchen in heimeligeren Posen verweilen. Sie schmusen zärtlich mit ihren jüngeren Geschwistern, passen auf diese auf, und nehmen so bereits die Rolle ein, die sie später als Mutter inne haben werden. So wird die Kindheit zwar als Ort dargestellt, an dem die Kinder frei und sorglos ihre Zeit verbringen dürfen – dass diese aber begrenzt ist und eine Zukunft als Erwachsene auf die Kinder wartet verschweigen die wenigsten Bilder. Auch dass diese Art von Kindheit ein Privileg ist, wird nur auf einem Gemälde deutlich: „Bildnis der Kinder von Sir Francis Ford, die einem Bettler ein Almosen geben“ (um 1793) von William Beechey. Alle Portraitierten sind die Kinder von Adligen oder reichen Bürgern.

Der Besuch dieser Ausstellung lohnt sich auch oder gerade als Illustration moderner Pädagogik und visuelle Ergänzung zur Kinder- und Jugendliteratur dieser Zeit. (kw)

„Die Entdeckung der Kindheit“ ist noch bis zum 15. Juli im Städel zu besichtigen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen sowie eine Einführung für Schülerinnen und Schüler. Weitere Informationen: www.staedel.de

Abbildungen
oben: William Beechey: Die Oddie-Kinder (1789), Städel Frankfurt/M
unten: Henry Raeburn: Henry Raeburn Inglis (Boy and Rabiit) (1814), Städel Frankfurt/M

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