Samstag, 3. November 2012

Kiwi-Kolumne

„Die neuseeländische Comicwelt befindet sich im Übergang von einer amateurhaften Untergrundszene zu einer richtigen Branche“

Interview mit dem neuseeländischen Comic-Künstler Dylan Horrocks

Aus der neuseeländischen Untergrund-Comicszene zum Zeichner für DC-Comics – Dylan Horrocks, Jahrgang 1966, ist ein Vorbild für den Comic-Nachwuchs seiner Heimat.
Auf der Buchmesse stellte der Autor die deutsche Fassung seines Comics Hicksville, erschienen bei Reprodukt, vor. Im Original erschien das Werk bereits 1998 – in Kanada. In der neuseeländischen Heimat wurde es erst 2010 veröffentlicht, dann aber von dem renommierten, für Hochliteratur bekannten Verlag Victoria University Press. Hicksville wurde bereits ins Französische, Italienische und Spanische übersetzt. Im Interview verrät Dylan Horrocks, warum die deutsche Fassung die vermutlich schönste ist.

Hickesville-Reprodukt

Mr. Horrocks, was ist Ihr Eindruck von der Frankfurter Buchmesse?
Sie ist ziemlich groß! Etwas überwältigend und anstrengend, aber sehr interessant. Beim Schlendern durch die Hallen sieht man die riesige, vielfältige Verlagslandschaft der ganzen Welt. Das kann man wohl nicht an vielen Orten. Als Autor arbeitet man oft über lange Zeit in einer Art Blase und konzentriert sich nur auf das Schreiben einer Geschichte; die geschäftliche Seite bleibt im Hintergrund. Das wird einem hier wieder deutlich, es ist als würde ein Vorhang zur Seite gezogen. Aber die Struktur des Buchmarktes ändert sich. Ich kenne viele Autoren und Cartoonisten, die die Industrie gewissermaßen umgehen und ihre Arbeiten anders vertreiben – eine sehr spannende Entwicklung.
Natürlich macht die Buchmesse Spaß – es sind so viele Neuseeländer hier, die ich kenne. Es ist wie ein großes soziales Ereignis außerhalb Neuseelands.

Inwiefern sind Ihre Comics autobiografisch?

Die wenigsten sind offen autobiografisch, aber ich nutze Comics, um Dinge in meinem Leben besser zu verstehen. Ich beginne Geschichten nicht, weil ich etwas zu sagen habe, sondern weil ich versuche, etwas zu verstehen. Die Figuren fungieren als Werkzeuge. Ich versetze sie in Situationen oder konfrontiere sie mit Problemen, mit denen ich mich auseinandersetzen muss, und schaue, was passiert. Von daher steckt viel von mir und meinem Leben in den Geschichten, aber sie sind eigentlich nie strikt autobiografisch.

Metafiktion spielt in Hicksville eine wichtige Rolle, mit verschiedenen Comics im Comic. Manche würden behaupten, das macht Sie zu einem postmodernen Autor. Was meinen Sie dazu?

Sicher [lacht]. Für mich bedeutet postmodern zu sein nur, zu verstehen, dass unser Verständnis der Welt von den Geschichten, die wir uns erzählen, beeinflusst wird und die Welt daher ein stückweit fiktional ist. Aber für mich ist Hicksville nicht postmodern. Es nahm seine Form fast zufällig an. Es entwickelte sich aus meiner Anthologie Pickle, welche kurze und längere mehrteilige Geschichten enthielt. Mit der Zeit wuchs eine der langen Geschichten, „Hicksville“, immer stärker und verleibte sich die anderen ein; alles wurde in diese Welt eingegliedert.
Aber am meisten ist diese Form wohl von der Nerd-Kultur beeinflusst, wir Nerds lieben fiktionale Welten. Als Jugendlicher las ich die britische Comic-Anthologie 2000 AD. Darin gibt es einen fiktiven Herausgeber, einen Außerirdischen namens Tharg, der behauptet, die Geschichten seien von Robotern gezeichnet und geschrieben. Es wird eine fiktionale Welt erschaffen, aus der die Comics stammen, und sie ist genauso spannend wie die Comics selbst.

In der Dokumentation The Comic Show über die neuseeländische Comicszene sagte der Künstler Chris Knox, es gäbe kein großes Mainstream-Comic in Neuseeland, nicht mal Sammelbände, deswegen hätten Comic-Künstler nicht das Gefühl, sie müssten etwas Bestimmtes machen, Superhelden oder was immer im Ausland die Norm ist. Aber es gibt doch schon viele Comics aus dem Ausland, oder?

Ja, immer mehr. Aber als Chris und ich jung waren – er ist ein paar Jahre älter als ich, aber wir sind im Grunde eine Generation – gab es noch nicht viele. Damals gab es noch keine Comicläden in Neuseeland, deswegen war es schwierig, an Comics heran zu kommen. Schließlich gab es auch noch kein Internet. Trotzdem wurden die meisten Comic-Zeichner, die ich kenne, von ausländischen Comics beeinflusst. Sie versuchen, Ähnliches zu produzieren und es auch im Ausland zu publizieren, das ist vielen wichtig. Das Ausmaß der Isolation sollte man also nicht überbetonen. Was aber sicherlich stimmt, ist, dass durch das Fehlen einer einheimischen Comicindustrie die Künstler nicht erwarten, dass sie sich mit einer bestimmten Art von Comic in den Markt einklinken und Geld verdienen können. Dementsprechend sind sie vor allem aus Leidenschaft motiviert. Und es gibt keinen typisch neuseeländischen Stil, es haben sich viele individuelle Stimmen entwickelt. Bis neuseeländische Künstler in ausländischen Märkten Erfolg haben, haben sie schon ihren eigenen Stil ausgebildet und behalten diesen auch meist bei.

Ich habe den Eindruck, es gibt zwei Hauptströmungen im neuseeländischen Comic: einerseits die alternativen Comics aus der Untergrundszene und andererseits immer mehr pädagogisch motivierte Comics, die oft von Lehrmittelverlagen veröffentlicht werden. Stimmt das?

Das ist interessant, so habe ich das noch gar nicht gesehen, aber Sie haben recht. Es gibt viele Comics, die ausdrücklich von Learning Media als Lehrmittel produziert werden, aber auch welche, die für unwillige Leser, also meist Jungen, gemacht sind. Durch die Lehrmittelverlage bleiben Comics fast unter dem Radar in Neuseeland. Sie haben Recht, das ist einer der aktiven Bereiche. Das ist verlagsgesteuert. Aber diese Entwicklung folgt einem weltweiten Trend. Bei Graphic Novels boomt momentan der Bereich Non-Fiction, diese Bücher verkaufen sich vor allem durch die Themen, die sie verarbeiten. Ein anderer wachsender Bereich sind Comics und Graphic Novels für Kinder und Jugendliche. Aber es gibt auch andere Strömungen, viele Untergrund-Comics. Es gibt auch immer mehr Leute, die explizit an ausgereiften Graphic Novels arbeiten. Ein immer stärkerer Trend sind Manga. Je jünger die Leser, desto eher lesen sie Mangas, nicht amerikanische oder britische Comics. Manga wächst schnell und gewinnt an Einfluss, ich denke, das wird auch ein wichtiger Bereich.

(c) Logo: Frankfurter Buchmesse

In der Broschüre New Zealand Comics, die Sie für die Frankfurter Buchmesse zusammengestellt haben, finden sich erstaunlich viele Künstler.

Ja, und es gibt noch mehr.

Aber nur sehr wenige Comics der darin aufgenommenen Künstler wurden professionell verlegt.

Mehr als früher, früher wurden gar keine Comics professionell verlegt. Wenn Künstler das wollten, mussten sie Neuseeland verlassen. Aber heute gibt es eine Handvoll Künstler, die in Neuseeland leben und deren Werke dort professionell verlegt werden, das ist ein großer Fortschritt. Das Internet hat viele Barrieren beseitigt, die man bisher am Ende der Welt hatte. Ich denke, die neuseeländische Comicwelt befindet sich im Übergang von einer amateurhaften Untergrundszene zu einer richtigen Branche. Ähnlich wie die einheimische Musik- und Filmszene in den 80er und 90er Jahren einen Wandel erlebten.

Aber die wurden von der Politik aktiv unterstützt.

Ja, Comics aber auch, ehrlich gesagt.

Wirklich?

Ja, Creative New Zealand, die wichtigste Förderungsinstanz für Kunst und Literatur, haben in den letzten zehn, fünfzehn Jahren viele Comic- und Graphic-Novel-Projekte unterstützt. Comics und Graphic Novels werden mittlerweile als legitimer Teil der literarischen Szene gesehen – diesen Kampf haben wir in Neuseeland gewonnen. Die Buchhandlungen müssen bis auf einige lobenswerte Ausnahmen noch überzeugt werden, aber in öffentlichen Bibliotheken sind Graphic Novels gut repräsentiert und meiner Erfahrung nach oft die beliebtesten Leihmedien. Da sind wir wirklich weit vorne in der Welt.

Die deutsche Ausgabe von Hicksville ist die erste Übersetzung, bei der Sie das Lettering selbst gemacht haben. Warum haben Sie sich dafür entschieden und wie lange hat es gedauert? Das muss eine Menge Arbeit gewesen sein!

Ja, etwa nach der Hälfte habe ich das gemerkt. Ich habe bei jeder fremdsprachigen Ausgabe überlegt, das zu tun, aber ich hatte nie genug Zeit. Diesmal hatte ich Kapazitäten. Als ich gemerkt habe, wie viel Arbeit es ist, war ich kurz verlockt, doch eine Schrift einzusetzen – ein anderer europäischer Verlag hatte aus meiner Handschrift eine Schrifttype erstellt. Aber Reprodukt hat mir das ausgeredet und ich bin froh darüber, denn das war es wert. Es hat einen Monat gedauert und in der Endphase habe ich außer schlafen und essen eigentlich nichts anderes gemacht. Das Lettering ist fast besser als in der englischen Originalausgabe, also ist die deutsche Ausgabe die wahrscheinlich schönste.

Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Anne Siebeck, die auch die Übersetzung anfertigte.

Hicksville ist in deutscher Übersetzung von Marion Herbert im Verlag Reprodukt erschienen und für EUR 24,- im Handel erhältlich (227 Seiten, s/w, Softcover)

Weitere Infos sowie Webcomics gibt es auf Dylan Horrocks' Website hicksvillecomics.com.

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