Dienstag, 30. Oktober 2012

Kiwi-Kolumne

„Komik wird immer durch das Erkennen von Wahrheit erzeugt“

Interview mit dem britisch-neuseeländischen Schriftsteller und Drehbuchautor Martin Baynton

Auch wenn Sie den Namen Martin Baynton vielleicht noch nie gehört haben, ist es gut möglich, dass Sie eine seiner Geschichten kennen. Die Animationsserie Jane und der Drache, die seit 2009 im KiKA läuft, beruht auf seiner Buchreihe aus den 1980er Jahren und auch bei der Umsetzung für das Fernsehen wirkte Martin Baynton maßgeblich mit. Gemeinsam mit Sir Richard Taylor von Weta Workshop, der Firma, die für die Spezialeffekte und Requisiten der Herr der Ringe-Filme bekannt ist, gründete er die Produktionsfirma Pukeko Pictures. Aus der Kooperation ging die Serie The Wotwots hervor, die in mehr als fünfzehn Länder verkauft wurde. Vor seiner Fernsehkarriere war der Brite mit neuseeländischem Pass dreißig Jahre lang Autor und Illustrator. Anne Siebeck traf ihn bei der Storydrive-Konferenz auf der Frankfurter Buchmesse.

(c) Logo: Frankfurter Buchmesse

Mr. Baynton, Sie waren lange Schriftsteller und Illustrator, warum sind Sie zum Fernsehen gewechselt?

Fernsehen ist ein naheliegender Schritt, wenn man schreibt und illustriert, weil man mehr erzählen kann, als in Büchern. Ich war sehr frustriert über die Kindersendungen, die es gab als meine Kinder klein waren, und meinte in meiner Arroganz, es besser machen zu können. Ich traf Richard Taylor und auch er war motiviert. Wir dachten, dass wir zusammen alle nötigen Fähigkeiten haben, um etwas Gutes zu schaffen. Also teilweise war es Ignoranz, teils Arroganz und teils die Enttäuschung über die vorhandenen Sendungen. Wegen des wachsenden Konkurrenzdrucks der Sender wurde alles immer schriller, bunter und lauter. Man meinte, damit die Aufmerksamkeit der Kinder erregen zu können. Ruhige oder lange Erzählungen gab es immer seltener, weil Kinder gelangweilt umschalten könnten. Aber ich glaube, Fernsehen sollte so gut gemacht sein, dass es in zwanzig Jahren immer noch gut ist.

War es bei Jane und der Drache schwierig, die in den Büchern geschaffene Welt in ein Set für eine Fernsehsendung zu übertragen?

Ich hatte nicht geplant, daraus eine Fernsehsendung zu machen, aber ich habe die Welt, in der die Geschichte spielt, so geschaffen, dass sie mehrere Bücher hergibt. Sie war also groß und ausgearbeitet genug – zum Beispiel was das soziale Netzwerk der Figuren angeht – trotzdem war es eine Herausforderung, das Ganze auf 26 halbstündige Folgen zu erweitern. Man muss sanfte Konfrontation zwischen den Figuren erzeugen. Es gibt zwar keine Bösewichte in Jane und der Drache, aber Spielverderber. Leute, die anderen aus egoistischen Gründen Steine in den Weg legen. Obwohl die Geschichte in einer Burg spielt, es Ritter gibt und so weiter, geht es vor allem um das Zwischenmenschliche.

Eine mittelalterliche Welt ist ein ungewöhnlicher Handlungsort für eine neuseeländische Geschichte.

Ich komme ursprünglich aus London und dort war ich auch noch, als ich Jane und der Drache geschrieben habe. 1987 kam ich dann nach Neuseeland [der erste Teil der Reihe erschien 1988 in Neuseeland und Großbritannien, Anm. d. Übers.]. Anfangs dachte ich, man könnte die Serie nicht animiert, sondern mit Schauspielern verfilmen, schließlich ist Neuseeland wie ein riesiges Filmset. Aber dann schien eine computergenerierte Umsetzung Sinn zu machen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich bei Ihren Kinderserien nicht nach den USA, sondern nach Europa richten, wo Kinder im Schnitt 1,5 Jahre reifer seien. Was genau meinten Sie damit?

Ich glaube, Eltern in den USA wollen, dass ihre Kinder länger Kinder bleiben. Es soll eine gewisse kindliche Unschuld erhalten werden. Und weil es in den ganzen USA verbreitet ist, wird es zur Norm. Kinder hingegen wollen so schnell wie möglich wachsen und groß werden. Deutschland ist eigentlich ein gutes Beispiel. Ich finde es toll, dass deutsche Geschichten viel düsterer sind, das geht bis zu den Grimm-Märchen zurück. Kindern wird mehr zugetraut. Man weiß, dass Kinder sich gerne gruseln und lässt sie diese Geschichten lesen, in denen sie Angstgefühle erforschen können. Dadurch werden sie aber nicht schneller erwachsen oder verlieren ihre Kindheit. Die besten deutschen Geschichten werden in den USA nicht veröffentlicht. Die Kinder sind nicht tatsächlich 1,5 Jahre reifer, aber in der amerikanischen Kultur möchte man Kinder vor vermeintlich unangemessenem Material schützen. Ein weiterer Faktor sind die Fernsehrichtlinien. Die Sender und Verlage gehen auf Nummer sicher, um nicht verklagt zu werden, sie suchen den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Sie sprechen sich dafür aus, herauszufinden, was Kinder lustig finden, indem man sie zum Beispiel beim Fernsehen beobachtet, weil Kinder ihrer Erfahrung nach oft über andere Dinge lachen, als Erwachsene erwarten. Aber gibt es tatsächlich so etwas wie kindlichen Humor? Ist Humor bei Kindern nicht genauso individuell wie bei Erwachsenen?

Komik wird immer durch das Erkennen von Wahrheit erzeugt, einer Wahrheit, die etwa zu Absurdität oder Peinlichkeit führt. Man lacht, weil man in diesem Moment eine Wahrheit erkennt. Komik wurzelt immer in diesem Phänomen. Kinder erfahren Wahrheit immer zum ersten Mal auf unterschiedliche Weisen. Wir können ihnen Dinge erklären oder uns Witze ausdenken, aber oft lachen Kinder über den wahren Kern fast beiläufiger Erkenntnisse, über eine Erfahrung, die sie gerade eben gemacht haben, in der Schule, am Esstisch oder auf dem Spielplatz.

Können Sie uns etwas über The WotWots erzählen, denn im Gegensatz zu Jane und der Drache gibt es diese Sendung ja im deutschen Fernsehen noch nicht, nur den Trailer kann man sich ansehen. Es geht um zwei Außerirdische, animierte Figuren, die in einem dampfbetriebenen Raumschiff auf die Erde kommen …

Ja, die Idee war, Figuren zu haben, denen die Welt genauso neu ist wie Kindern. Die Figuren sind animiert, aber der Rest ist in der Realität gefilmt. Sie landen in einem Zoo und wundern sich über die merkwürdigen Wesen um sie herum. Wir wollten zwei Aspekte verbinden: Die Figuren sollen furchtlose Entdecker sein, die Spaß daran haben, die Welt zu erkunden und wir wollten vermitteln, dass man keine Angst davor haben sollte, Fehler zu machen. In einer Folge zum Beispiel sieht SpottyWot den Rüssel eines Elefanten und malt Bilder, die zeigen, wie er sich den Rest des Tieres vorstellt. Als seine Schwester sich an den Computer setzt und herausfindet, wie ein Elefant wirklich aussieht, ist er nicht verärgert, sondern lacht sich über seine Zeichnungen kaputt. Wir wollen Kinder ermutigen, Dinge auszuprobieren, kreativ zu sein und auch Fehler als Fortschritte zu sehen. Unserer Erfahrung nach schauen oft die Eltern oder Großeltern zusammen mit den Kindern die Sendung und haben Spaß daran. Das ist wunderbar, denn wenn Kinder sehen, dass es Erwachsenen auch gefällt, fühlen sie sich selbst erwachsener.

Warum können die WotWots nur „wotwot“ sagen? Es erinnert ein wenig an den begrenzten Wortschatz der Teletubbies …

[lacht] Die WotWots beherrschen ja noch keine irdische Sprache. Sie haben ihre ganz eigene Wotiwot-Sprache. Wir haben uns aus verschiedenen Gründen dafür entschieden: Zum einen ist es für eine sehr junge Zielgruppe gedacht, ab ca. 6 Monaten. In dem Alter lernen Kinder noch die sprachlichen Bausteine und orientieren sich stark an Körpersprache und Gesichtsausdruck. Wir haben Szenen an Kindern getestet und sie verstehen auch ohne Worte, worum es geht. Es ist für Animatoren übrigens viel schwerer, die Gedanken und Gefühle einer Figur zu zeigen, ohne auf Dialoge zurückgreifen zu können. Zum anderen können die WotWots um die ganze Welt reisen, ohne dass man ihre Sprache übersetzen muss. Das hätte auch die Darstellung der Charaktere ändern können, darüber hätten wir dann keine Kontrolle mehr gehabt.

Pukeko Pictures produziert also The WotWots und Jane und der Drache, die sich beide erfolgreich in zahlreiche Märkte verkauft haben. Was steht in Zukunft an?

Wir haben mehrere neue Shows, die momentan produziert werden. Meine Rolle ist nun das Entwickeln von Serien für Erwachsene zur Hauptsendezeit in der Art von Game of Thrones. Wir wollen in Neuseeland Serien auf hohem Niveau produzieren, wie HBO. Wir haben fünf Sendungen, die wir in den kommenden zwei Monaten US-Sendern anbieten. Wenn es klappt, wird es vor Ende des Jahres eine große Ankündigung geben.

Werden das Fantasy-Serien?

Ich darf noch nicht genau sagen, um was es sich handelt, aber ich kann verraten, dass es zwei historische Serien und drei Sci-Fi/Fantasy-Epen sind. Konzepte, die man in Neuseeland eben gut umsetzen kann.

Oh, darauf freue ich mich! Danke für das Interview!

Die Fragen stellte Anne Siebeck, die auch die Übersetzung anfertigte.

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