Mittwoch, 3. Oktober 2012

Kiwi-Kolumne

"Ich habe lange überlegt, wie man das, was ich mache, beschreiben könnte – ich nenne es 'Fantastic Naturalism'."

Interview mit der neuseeländischen Autorin Elizabeth Knox

Mit den Fantasy-Romanen Dreamhunter und Dreamquake begeistert Elizabeth Knox Fans im englischsprachigen Raum. Außer ihren Werken für Jugendliche verfasste sie neun Romane, drei teils autobiografische Novellen und einen Band autobiografischer Aufsätze. Ihr bisher größter internationaler Erfolg ist der Erwachsenenroman The Vintner’s Luck (übersetzt in acht Sprachen), der auf dem deutschen Markt unter dem Titel Der Engel mit den dunklen Flügeln erhältlich ist. Auch ihr Roman Billie’s Kiss wurde ins Deutsche übersetzt (dt. Der Feuerkuss). Im Jahr 2002 erhielt Elizabeth Knox für ihre Dienste an der Literatur den New Zealand Order of Merit.

Anne Siebeck sprach mit ihr u.a. über Neuseelands Gastlandauftritt, die Gestaltung phantastischer Welten und die Frage, ob Fantasy gute Literatur sein kann.

(c) Logo: Frankfurter Buchmesse

Ms. Knox, auf ihrer Webseite steht, dass Sie gerne Fantasy schreiben, weil es Ihnen ermöglicht, imaginäre Welten zu erschaffen. Aber ist es nicht viel schwerer, sich beim Schreiben an Gesetze und Bedingungen einer phantastischen Welt zu halten, als an die der Realität, die man instinktiv berücksichtigt?

Nein, das fällt mir leicht, ich habe viel Spaß daran. Schon als Kind habe ich mit meinen Schwestern eine imaginäre Welt entworfen. Es war ein Spiel: Wir haben uns genau überlegt, wie die Dinge aussehen würden und wie diese Welt funktionieren würde. Das Schöne ist, dass man so viel oder wenig von der realen Welt verwenden kann, wie man möchte, aus der Gegenwart oder der Vergangenheit, Vertrautes, Fremdes, man kann aus allem wählen. Es muss nur zusammenpassen und der Geschichte zuträglich sein. Wenn man zum Beispiel eine Geschichte schreibt, in der Klone vorkommen, muss man sich fragen, was das für die Individuen bedeutet – wie fühlen sie sich, welche Ansichten haben sie, welche Konflikte gibt es – aber auch, was es für die Gesellschaft bedeutet, für die Religion, Wirtschaft, Politik usw. Welche Technologie müsste es geben, wie müsste sich die Wissenschaft entwickelt haben …

Ja, das ist mir bei Dreamhunter und Dreamquake aufgefallen: Man glaubt bei diesen Büchern genau zu wissen, was es bedeutet, ein „Dreamhunter“ zu sein: die Probleme, die es mit sich bringt, die Ausstattung, die man braucht, wie es sich anfühlt …

Eine materielle Welt, ja. Es muss naturalistisch erscheinen, auch wenn es erfunden ist. Ich habe lange überlegt, wie man das, was ich mache, beschreiben könnte – ich nenne es „Fantastic Naturalism“.

Es wird ein weiteres Southland-Buch geben, also eine weitere Geschichte, die in der Welt von Dreamhunter und Dreamquake spielt, aber keine Fortsetzung ist: The Zarene Alphabet.

Ja, so lautete der Arbeitstitel, es wird nun Mortal Fire heißen. Die Geschichte spielt zu einer anderen Zeit, 1959, und ist aus einer anderen Perspektive geschrieben. Ich habe noch weitere Ideen für Southland-Bücher im Kopf. Es geht immer um verschiedene Versionen derselben Magie, es ist aber keine Reihe. Wenn man alle diese Bücher liest, fügt sich vieles zusammen. Ich erkläre das aber nicht, das können die Leser selbst entdecken.

Sie haben einmal das Problem des „Fernsehstandards“ in der Literatur angesprochen – was meinen Sie damit?

Das Fernsehen hat die Ausdrucksweise in der Literatur geprägt. Bücher werden oft in Genre-Sprache geschrieben, es ist keine Stimme des Autors zu hören. Ich mag es aber, wenn ein Schreibstil zu erkennen ist und denke, dass das auch in Genre-Literatur möglich ist. Ursula Le Guins Bücher sind ein Beispiel dafür oder Raymund Chandlers.

Sie haben sowohl Bücher für erwachsene Leser als auch für Jugendliche verfasst. Schreiben Sie für Jugendliche anders als für Erwachsene?

Nun, es überschneidet sich ja, die Jugendlichen lesen meine Bücher für Erwachsene und umgekehrt, also ist es ein Kontinuum. Außerdem kann man heutzutage einfach sagen, man schreibt Crossover-Literatur. Aber ja, ich schreibe schon ein wenig anders. Meine Verwendung von Grammatik ist ungewöhnlich und ich benutze einen großen Wortschatz. Wenn ich für Jugendliche schreibe, reduziere ich beides etwas, beim Schreiben für Erwachsene fühle ich mich daher ein stückweit freier. Aber ich liebe die intime Nähe zwischen Protagonist und Leser in Jugendbüchern. Deswegen schreibe ich sie gerne, auch wenn ich sozusagen das Lexikon an der Garderobe abgeben muss.

In Jugendbüchern ist es wichtig, dass die Leser sich mit den Figuren identifizieren können. Viele denken, dass Figuren in Büchern Allerweltsmenschen sein müssen, damit sich jeder mit ihnen identifizieren kann. Wie bei Egoshootern – mein Sohn kennt sich damit aus –, in denen die Hauptfigur immer recht unspezifisch ist und die Non-Player-Charaktere oft die eigentlich interessanten Figuren sind. Ich finde, Identifikationsfiguren müssen nicht sympathisch sein, sie dürfen seltsam sein, im Grunde können sie alles sein – solange die Leser erfahren, wie sie sich fühlen, was sie denken und den Weg mit ihnen zusammen gehen.

Was erhoffen Sie sich von Neuseelands Rolle als Gastland der Frankfurter Buchmesse? Sie sind ja bereits im März auf der Leipziger Buchmesse gewesen.

Ja, die Messe in Leipzig hat mir gut gefallen, sie war wie ein großes Literaturfestival. Neuseeland hatte nur ungefähr 18 Monate Vorbereitungszeit für den Gastlandauftritt, das ist eine Herausforderung. [In der Regel fallen Entscheidungen über Gastländer mehrere Jahre im Voraus, Island etwa hatte mehr als drei Jahre Zeit. Anm. d. Übers.] Im Grunde können also nur Bücher, die schon als Übersetzungen erschienen sind oder ohnehin schon beauftragt waren, vorgestellt werden. Einerseits finde ich gut, dass wir nicht mit Australien zusammen Gastland sind, andererseits fürchte ich, dass wir die neuseeländische Literatur nicht sinnvoll repräsentieren können, weil so kurzfristig nicht genügend Bücher auf Deutsch verfügbar sein können. Ich frage mich, ob es in so einem kurzen Zeitraum möglich ist, sicherzustellen, dass die Vielfalt unserer Kultur gezeigt wird. Es sollte keine künstliche Kohärenz geschaffen werden, wie beim Gestalten eines Schaufensters. Kunst und Kultur eines Landes sind nicht kohärent, sie sind komplex und so sollten sie auch repräsentiert werden. Es ist schwer zu sagen, was der Gastlandauftritt langfristig bringen wird, schließlich hat auch die Verlagswelt mit der Rezession zu kämpfen.

Welche neuseeländischen Kinder- und Jugendbuchautoren mögen Sie gerne?


Margaret [Mahy] natürlich und Kate [De Goldi]. Sherryl Jordan, insbesondere The Raging Quiet [ dt. Flüsternde Hände]. Die frühen Bücher von Maurice Gee, vor allem The Fat Man, ein geniales Buch! Einiges von Jack Lasenby finde ich fantastisch … William Taylor. Es gibt vieles, das ich noch gar nicht gelesen habe und das ich nur deshalb nicht nenne.
Ich lese generell nicht mehr so viel Jugendliteratur wie früher, weil sie sich in den letzten zehn Jahren so verändert hat.

Inwiefern?

Nun ja, ich lese zum Beispiel gerne Fantasy für Jugendliche, aber irgendwann kam „Paranormal Romance“ daher wie ein riesiger Kuckuck, landete im Nest der Fantasy und warf alle anderen Küken aus dem Nest. Bei den Literaturagenten in den USA ist mir das aufgefallen, die suchen nur noch nach „Paranormal Romance“, Fantasy für Jugendliche wird nicht mehr erwähnt.

Und schließlich: Was sehen Sie, wenn Sie von Ihrem Schreibtisch aufblicken?

Eine Katze. Ich schreibe an verschiedenen Orten im Haus, mal auf der Couch, auf dem Bett, am Schreibtisch ...
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Katze in meiner Nähe ist, ist sehr hoch, denn ich habe drei. Sie helfen mir beim Schreiben.

Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Anne Siebeck, die auch die Übersetzung anfertigte.

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