Mittwoch, 26. September 2012

Kiwi-Kolumne

Vorgestellt: Sherryl Jordan

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Die Neuseeländerin Sherryl Jordan verfasst Fantasy-Romane für Leserinnen und Leser vom Grundschul- bis zum Jugendalter.
Jordan hat zahlreiche Preise gewonnen. Zuletzt erhielt sie im Jahr 2010 für ihr Buch The Wednesday Wizard den Gaelyn Gordon Award, welcher beliebten Longsellern (Büchern, die länger als fünf Jahre im Druck sind) verliehen wird. Der Erfolg der Autorin zeigt sich schon daran, dass ihre Bücher nicht nur in Neuseeland, sondern auch in den USA verlegt werden. Auch im nicht-englischsprachigen Raum sind ihre Bücher erhältlich: Sieben ihrer Titel wurden bisher ins Deutsche übersetzt. Sie erschienen größtenteils zunächst bei Sauerländer und später bei Carlsen als Taschenbuch. Für Junipers Spiel erhielt die Fantasy-Autorin 2001 den Buxtehuder Bullen.

In Jordans Büchern geht es oft um Zeitsprünge und -reisen, welche die Figuren meist im Schlaf oder in einem veränderten Bewusstseinszustand erleben. In Rocco reist der gleichnamige Held an einen anderen Ort in einer anderen Zeit, findet aber erst nach der Rückkehr in seine Zeit heraus, wann und wo er sich befunden hatte. Juniper in Junipers Spiel hingegen reist durch Meditation an einen bestimmten Ort in einer bestimmten Zeit. Durch die Zeitreisen können der gegenwärtigen, westlich geprägten Kultur der Figuren mittelalterliche oder exotische Kulturen entgegengesetzt werden.

Die Romane handeln oft von starken Mädchen oder Frauen, die über besondere Fähigkeiten verfügen. Juniper zum Beispiel hat lebhafte und beängstigende Visionen von Menschen aus dem Mittelalter. Ari, die zwölfjährige Heldin in The Last Summoner entdeckt durch einen Traum, dass sie besondere Kräfte hat. Wie Kehua, die Protagonistin in Whalerider, übernimmt sie eine traditionell männliche Rolle als die Linie der männlichen Nachfahren endet und erfüllt ein magisches Schicksal zugunsten der ganzen Gemeinde. Auch der Protagonistin in Avala: Die Zeit des Adlers wird die Führerrolle ihres Vaters übertragen.

Jordans Interesse am Mittelalter – angeblich hat sie mittelalterliche Türen in ihrem Haus in Tauranga – zeigt sich in ihren Romanen. Junipers Freund Dylan zum Beispiel ist aufgrund seines Faibles für das Mittelalter, vor allem dessen Architektur und Kunst, sozial isoliert. Dank ihm erkennt Juniper, dass ihre Visionen von Kelchen und Kräuterkunde dem Mittelalter zuzuordnen und wahrscheinlich historisch nachweisbar sind. Gemeinsam erkunden sie telepathisch die Welt der Hexen und des Aberglaubens. Hexen spielen auch in Flüsternde Hände eine Rolle, in dem es um Taubheit im Mittelalter und die Bigotterie, die damit zusammenhing, geht. Wie Juniper entwickelt die junge Frau, um die sich die Erzählung dreht, Führungsqualitäten und kämpft gegen Vorurteile und Aberglauben.

Die Weisheit des Alters ist ein weiteres Motiv, das immer wieder in Jordans Geschichten auftaucht. Die Protagonisten haben oft einen älteren, weisen Verwandten, der ihnen nahe steht, wie etwa Ayoshe in Rocco. In diesem Fall ist das Verhältnis der Figuren mysteriös und letztlich ein anderes als zunächst vermutet. In Avala: Die Zeit des Adlers spielt der Ältestenrat eine wichtige Rolle. Er versammelt in einem geheimnisvollen versteckten Schloss Experten aller Künste und Wissenschaften, die von dem Tyrannen verboten wurden.

Plausibilität in ihren historischen und phantastischen Settings kreiert Jordan unter anderem durch die eindringliche Beschreibung einer Vielzahl sinnlicher Eindrücke, etwa intensiver Gerüche von Kräutern und brennendem Holz oder das Fühlen von weichem Samt oder Fell. Auf diese Weise können Lesende den imaginären Aufenthalt in der jeweiligen Welt trotz Widrigkeiten und Elend genießen.

Der positivste Aspekt in Jordans Werk ist meiner Meinung nach der Glaube daran, dass der oder die Einzelne die Welt verändern kann. Die Wege, auf denen dies erreicht wird, mögen oft unrealistisch sein – es handelt sich schließlich um Fantasy-Geschichten –, aber die Probleme sind realitätsnah: Atomkrieg und seine Auswirkungen; korrupte Anführer, die ihre Untergebenen aus nichtigen Gründen in den Krieg stürzen, misstrauische und ignorante Gesellschaften, die Unschuldige verurteilen usw. Die Hauptfiguren der Romane bewirken meist eine Veränderung zum Guten in ihren Gemeinschaften oder in Junipers Fall eines Einzelnen.

Manche der Familien in Jordans Büchern wirken ein wenig zu heimelig und harmonisch. Junipers Hippie-Mutter beispielsweise führt eine Beziehung mit einem gutaussehenden jüngeren Mann, der in einem Caravan lebt und keine Zeit hat zu arbeiten, weil sein Leben ihn so furchtbar auf Trab hält. Ihr Holzhaus ist erfüllt von Düften und die Familie genießt nächtliche Mahlzeiten, bei denen alle Wein trinken, sogar die Teenager. Allerdings scheuen die Romane nicht vor einer ehrlichen Darstellung von Themen wie Tod und Krankheit zurück, Elend und Ungerechtigkeit werden nicht geschönt. Dieses Element bildet ein Gegengewicht zu den sonst behaglich gestalteten Settings.

Schließlich gilt es zu sagen, dass Jordans Romane stets eine fesselnde Lektüre sind. Mitreißende Handlungen, ansprechende Charaktere und lebhaft beschriebene Landschaften zeichnen ihre Texte aus. Legt man eines ihrer Bücher schließlich ausgelesen beiseite, so stets mit dem befriedigenden Gefühl, dass wir alle die Welt retten können – zumindest ein bisschen.
(Pam Henson. Übersetzt von Anne Siebeck.)

Pam Henson rezensierte zehn Jahre lang Bücher für die neuseeländische Tageszeitung The Dominion Post. Außerdem lehrt sie Englisch und Englisch als Fremdsprache.


Bücher von Sherryl Jordan in deutscher Übersetzung:


Flüsternde Hände. Aarau Sauerländer, 2001. (Taschenbuch bei Carlsen 2003)

Tanith – die Wolfsfrau. Aarau: Sauerländer, 2002. (Taschenbuch bei Carlsen 2005)

Elsha, Rebellin und Seherin. Düsseldorf: Sauerländer, 2003. (Taschenbuch bei Carlsen 2005)

Die Meister der Zitadelle. Düsseldorf: Sauerländer, 2004. (Taschenbuch bei Carlsen 2007)

Jing-wei und der letzte Drache. Düsseldorf: Sauerländer, 2005. (Taschenbuch bei Carlsen 2008)

Junipers Spiel. Würzburg: Arena, 2005.

Avala: Die Zeit des Adlers. Düsseldorf: Sauerländer, 2007 (Taschenbuch bei Carlsen 2011)

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