Donnerstag, 20. September 2012

Kiwi-Kolumne

„In literarischer Hinsicht wird meine Reise nach Deutschland eine Heimkehr“
Interview mit der neuseeländischen Autorin Joy Cowley

Jedes Kind in Neuseeland kennt Joy Cowley. Und nicht nur in Neuseeland, sondern auch in Australien, den USA, Großbritannien, sogar in Singapur, also eigentlich überall, wo auf Englisch lesen gelernt wird – dank ihrer Bücher für den Schulbuchmarkt. Außerdem schrieb sie zahlreiche kommerzielle Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Einige ihrer Bücher sind auch auf dem deutschen Markt erschienen: Der Kinderroman The Silent One erschien 1985 bei Arena als Jonasi und die weiße Schildkröte, im Jahr 2002 veröffentlichte dtv Starbright und der Traumfresser und das bereits auf juvenil vorgestellte Schlange und Eidechs erschien 2009 bei Jacoby & Stuart.

Die Autorin wird im Rahmen der Buchmesse die lange Reise nach Deutschland antreten. Obwohl die Dame auf die achtzig zugeht, ist sie ein Energiebündel – und noch immer eine Vollzeitautorin, wie sie uns im Interview versichert …

(c) Logo: Frankfurter Buchmesse

Schlangen und Eidechsen sind eher ungewöhnliche Kinderbuchfiguren – wie kommen sie bei den jungen Leserinnen und Lesern an?

Kinder mögen Schlange und Eidechs, aber sie mögen eigentlich die meisten Tierfiguren. Wenn man über Figuren schreibt, die Schwächen haben, ist Anthropomorphisieren sehr hilfreich. Kinder haben Spaß an menschlichen Fehlern, wenn sie davon distanziert sind. Viele Situationen in Schlange und Eidechs wären nicht lustig, wenn die Figuren Menschen wären.

Schlange und Eidechs scheint nicht in Neuseeland zu spielen, was ist der Handlungsort der Geschichte?

Ich schreibe über das, was mir vertraut ist. In den vergangenen dreißig Jahren war ich durchschnittlich drei Mal im Jahr in den USA und kenne Arizona und die Wüste von New Mexico recht gut. Schlange und Eidechs spielt in Arizona. In Neuseeland gibt es zwar viele einheimische Vögel, aber keine Landtiere, deswegen hat man nicht viel Auswahl, wenn man Geschichten dort ansiedelt.

Als Schlange und Eidechs 2008 den New Zealand Post Children’s Book Award gewann, waren Sie überrascht. Sie hatten nicht erwartet zu gewinnen, weil das Buch keinerlei Bezug zu Neuseeland hat. Glauben Sie, dass der Fokus auf nationale Identität in der neuseeländischen Literatur zu stark geworden ist? Immerhin zeigt der Sieg Ihres Buches ja, dass sich etwas zu ändern scheint.

Sie haben recht. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es gewinnt, weil es im Ausland spielt. Die Themen des Buches sind universell, aber ich weiß, dass die Jury des Preises heimische Geschichten vorzieht. Diese Vorliebe existiert noch immer. Erst vor kurzem wurde ich kritisiert, weil eines meiner Kinderbücher, Chicken Feathers, in den USA spielt. Mir wurde vorgeworfen, für den amerikanischen Markt zu schreiben. Tatsächlich wählte ich diesen Ort, weil die Geschichte von einem Fuchs und einem Jungen, der noch nie das Meer gesehen hat, handelt. Beides kann es in Neuseeland nicht geben.

Laut dem Verlag Scholastic haben Sie über 400 „reader“ (Lesefibeln) für junge Leser geschrieben. Würden sie sich als „educational writer“, also als didaktische Autorin, die für den Schulbuchmarkt schreibt, bezeichnen?

Ich werde als solche gesehen, denn ich habe in den vergangenen fünfzig Jahren über 1000 Bücher für Leseanfänger geschrieben, aber ich sehe mein Werk vielfältiger. Ich habe auch fünfzehn Kinderromane, neun Romane für Erwachsene und circa fünfzig Bilderbücher für den normalen Buchmarkt geschrieben. Das klingt nach einer Menge, aber schreibe nach wie vor Vollzeit.

Es heißt, Sie planen eine besondere Veranstaltung bei der Buchmesse zu Ehren von Margaret Mahy. Können Sie uns darüber etwas erzählen?

Margaret Mahy war mit vielen neuseeländischen Autorinnen und Autoren gut befreundet und wir vermissen sie sehr. Ich kannte Margaret seit den 1960er Jahren. Wir wurden im selben Jahr geboren, 1936, und hatten im selben Jahr, 1969, unsere erste Publikation: die Bilderbücher The Lion in The Meadow (Margaret) und The Duck in the Gun (Joy). Meine Schriftstellerkollegin Kate De Goldi und ich werden über Margaret sprechen und es werden Ausschnitte aus Verfilmungen ihrer Bücher gezeigt werden (hier die Veranstaltungsankündigung).

Die Parallelen zwischen Ihnen und Margaret Mahy sind wirklich erstaunlich – Sie wurden nicht nur im selben Jahr entdeckt, sondern auch beide von amerikanischen Verlagen …

Margaret und ich haben uns über diese Parallelen im Laufe der Jahre amüsiert. Manche waren unheimlich. Uns fiel auf, dass wir uns beide im selben Jahr ein Tattoo hatten stechen lassen, als wir beide schon über sechzig waren. Wir hatten sie zwar aus unterschiedlichen Gründen machen lassen, aber die Tattoos befinden sich an derselben Stelle am linken Oberarm – und beide sind Rosen! Vor ein paar Jahren sind wir beide einmal mit einem Eintopf auf dem Autodach losgefahren. Beide hatten wir das Essen dort abgestellt, während wir das Auto aufschlossen und vergaßen es dann dort – mit vorhersehbarem Ergebnis. Aber das ist bestimmt schon vielen Leuten passiert.

Sie beginnen Ihre Lesereise in Deutschland in Berlin – was sieht Ihr Terminplan sonst noch vor?

Er ist noch nicht vollständig, aber es scheint, als würde ich eine tolle Zeit haben. Neben der Gedenkveranstaltung für Margaret wird es noch andere Veranstaltungen geben: Ich werde über Schlange und Eidechs sprechen, die neuseeländischen School Journals werden geehrt, welche eine Kinderstube für einheimische Autorinnen und Autoren darstellen und ich glaube Bill Manhire und ich werden bei der Eröffnungszeremonie der Buchmesse jeweils zehn Minuten sprechen. Ich bin sehr gespannt auf Frankfurt und Berlin, ich kenne bisher keine der beiden Städte. Als Autorin bin ich schon lange mit Deutschland verbunden. Mein erster Erwachsenenroman, Nest in a Falling Tree, erschien 1968 bei Droemer Knaur unter dem Titel Ein Nest im Herbst gebaut und auch ein paar meiner Kinderbücher sind auf Deutsch erschienen. Ich spreche zwar nicht Deutsch, aber in literarischer Hinsicht wird meine Reise nach Deutschland eine Heimkehr.

Welche Ergebnisse für die neuseeländische Kinderliteratur erhoffen Sie sich von Neuseelands Rolle als Gastland der Frankfurter Buchmesse?

Ich wünsche mir Vorteile für beide Seiten: mehr Aufmerksamkeit für die Kinderliteratur beider Länder und Zugang zu deutscher Literatur durch Übersetzungen – umgekehrt natürlich auch. Außerdem fände ich es gut, wenn ein neuseeländisches Stipendium für deutsche Autorinnen und Autoren gestiftet würde.

Was ist Ihrer Meinung nach besonders an neuseeländischer Kinderliteratur?

Neuseeländische Schreibende sind von der Abgeschiedenheit des Landes beeinflusst, der dominanten Landschaft, der kleinen Population und dem Bildungssystem, das Individualismus und Kreativität fördert. Letzteres macht uns nicht zu guten Autofahrern (!), aber es nährt eine Do-it-yourself-Einstellung und einen Pioniergeist, von dem Künstler profitieren.

Welches ist Ihr liebstes deutsches Kinder- oder Jugendbuch?

Ich kenne keine deutschen Kinder- und Jugendbücher. In meiner Jugend war ich von Goethe besessen und mit siebzehn dachte ich, Die Leiden des jungen Werther sei das schönste Buch aller Zeiten. Es folgten Autoren wie Thomas Mann und Günther Grass, aber Bücher für Kinder kenne ich gar nicht.

Welche neuseeländischen Kinder- und Jugendbuchautoren mögen Sie gerne?

Margaret Mahy wird die Königin der Kinderliteratur in diesem Land bleiben. Kate De Goldi schreibt nicht viele Bücher, aber wenn, dann sind sie immer gekonnt geschrieben. Jack Lasenby, David Hill, Maurice Gee und Kyle Mewburn sind preisgekrönte Autoren, die bei einer besonders schwierigen Zielgruppe gut ankommen: männlichen jungen Lesern.

Und schließlich: Was sehen Sie, wenn Sie von Ihrem Schreibtisch aufblicken?

Wenn ich an meinem Lieblingsplatz sitze, sehe ich eine Bucht, in der das Wasser so grün ist, wie der bush darum herum. Seevögel flattern wie Papierblätter im Wind über Scharen von Heringen. Meistens schreibe ich in Fish Bay, Marlborough Sounds. Aber momentan sitze ich am Flughafen, mit meinem Laptop auf den Knien.

Vielen Dank für das Interview!

Es war mir eine Freude, danke.

Die Fragen stellte Anne Siebeck, die auch die Übersetzung anfertigte.

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