Donnerstag, 13. September 2012

Kiwi-Kolumne: "Wir sechs aus Neuseeland"

Der anlässlich der Buchmesse erstmals auf Deutsch erschienene neuseeländische Klassiker Six Little New Zealanders von 1917 gewährt Einblick in eine Kindheit im Neuseeland des frühen 20. Jahrhunderts und ist auch heute noch eine spannende Kinderlektüre Wir-6-aus-Neuseeland

„Nehmt euch einen Atlas“, spricht die 12jährige Ngaire Malcolm die Leser an: „Keine Bange. Das wird kein Erdkundeunterricht. Versprochen, Ehrenwort.“ Der Plauderton der kindlichen Erzählerin zieht den Leser direkt in die Geschichte. Autorin Esther Glen wollte sich in der 1917 erstmals erschienenen Erzählung – wie ihre Schriftstellerkolleginnen Edith Nesbit und Ethel Turner – dem belehrenden Duktus der Kinderliteratur ihrer Zeit distanzieren.

Als Ngaires Mutter erkrankt und vom Vater „heim“ nach England zur Behandlung gebracht wird, ziehen sie und ihre fünf Geschwister auf Kamahi, die Schaffarm ihrer Onkel. Onkel John, Onkel Stephen und der junge Onkel Dan (eigentlich ein Adoptivsohn der Onkel) sind überfordert von der plötzlichen Kinder-Invasion. Der Malcolm-Nachwuchs hat seinerseits Mühe, sich in das ländliche Leben und den Alltag der Onkel einzufügen. Die jüngeren Geschwister sind beleidigt, weil sie nicht mit den Erwachsenen in einem Raum essen dürfen und der tollpatschigen Schwester Jan passiert eine Peinlichkeit nach der anderen. Doch schon bald stürzen sich die Malcolm-Kinder in der wilden Landschaft des Farmgebiets begeistert in Abenteuer, während Katie, die Älteste, Gefallen an Dan findet. Doch bei einem Badeunfall im Fluss wird allen deutlich, dass auch die scheinbare Idylle voller Gefahren steckt. Eine Nacht im Geisterhaus, eine Tanzveranstaltung und vieles mehr erleben die Malcolms in diesen Ferien – und am Ende des Sommers möchten sie Kamahi gar nicht mehr verlassen.

Der Klassiker war ursprünglich durch Ethel Turners Seven Little Australians inspiriert worden. Wie Turner schildert Esther Glen kein unbeschwertes Leben. So sorgt sich etwa Erzählerin Ngaire sehr, als einer der Brüder über Nacht die Familie verlässt, um in die Welt zu ziehen. Die Perspektive der 12-Jährigen ist durchgängig eingehalten, was die leicht naive Darstellung begründet. Diese allerdings erleichtert den Zugang zur der fast 100 Jahre alten Erzählung: Sie entschärft beispielsweise die negative Darstellung des auf der Farm arbeitenden Maori, welche so vor allem auf die kindlichen Ängste der Erzählerin und ihrer Geschwister vor dem Unbekannten zurückzuführen ist. Der lockere Ton der Erzählung wurde bei der Überarbeitung des deutschen Textes durch die Sprecherin des Hörbuchs noch optimiert. Den deutschsprachigen Lesern möglicherweise unbekannte Begriffe wie „Maori“ oder „Scones“ werden in Fußnoten erklärt.

(c) Logo: Frankfurter Buchmesse

Wir sechs aus Neuseeland ist eines der wenigen Bücher, das tatsächlich anlässlich Neuseelands Rolle als Gastland erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde (auf der Übersetzungsliste des Gastlandteams finden sich einige Titel und Fortsetzungen von Reihen, die schon aufgrund des früheren Erscheinungstermins nichts mit der diesjährigen Buchmesse zu tun haben können, denn Neuseeland stand erst recht kurzfristig als Gastland fest). Umso lobenswerter ist die Entscheidung des noch jungen Rieder-Verlags für diesen Titel und dessen hochwertige Produktion. Denn nicht nur inhaltlich, auch haptisch und optisch begeistert Wir sechs aus Neuseeland. Der Hardcover-Einband ist fast unmerklich strukturiert und das Cover auf mattes Rot, Grün und Ocker reduziert. Zusammen mit den charmant-frechen Scherenschnittbildern der jungen deutschen Illustratorin Wendy Rutz ergibt sich ein moderner Retro-Look, welcher wunderbar mit der Handlungszeit der Erzählung harmoniert.

Vom Verlag empfohlen ab acht Jahren eignet sich die Geschichte durchaus auch als abendlicher Vorlesestoff (der Gruselfaktor liegt ungefähr auf Ronja-Räubertochter-Niveau). Oder man greift gleich zum Hörbuch, das parallel erscheint. (Anne Siebeck)

Esther Glen
Wir sechs aus Neuseeland
Übersetzt aus dem neuseeländischen Englisch von Tatjana Kröll
Überarbeitet von Mona Petri
Illustriert von Wendy Rutz
Susanna Rieder Verlag, München 2012
224 Seiten, gebunden
Euro 14,90 [D]
Empfehlung des Verlags: Ab 8 Jahren

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