Samstag, 25. August 2012

Kiwi-Kolumne

„Das Buch wäre fast nicht veröffentlicht worden, weil ich nicht von Māori abstamme“
Interview mit der neuseeländischen Jugendbuchautorin Fleur Beale

Die in Wellington lebende Autorin Fleur Beale hat mehr als dreißig Jugendromane geschrieben. Nach zahlreichen realistischen Erzählungen veröffentlichte sie jüngst die erfolgreiche Juno-Trilogie, die sich der Dystopie-Welle zuzählen lässt. Zwei ihrer bekanntesten Bücher sind auf Deutsch erhältlich: I am not Esther wurde 2008, zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung in Neuseeland, unter dem Titel Scherbenparadies: ein Sektenroman bei Arena veröffentlicht. Ein Jahr zuvor war dort bereits die historische Erzählung Waitara: Die andere Seite des Meeres (A respectable girl, 2006) erschienen.

Anne Siebeck sprach mit der Autorin über moderne Vermarktung und political correctness …

(c) Logo: Frankfurter Buchmesse

Ms. Beale, wie wichtig ist es in Neuseeland, dass Autoren sich selbst vermarkten? Was tun Sie auf dem Gebiet?

Ich bin etwas vorsintflutlich, weil ich nicht bei Facebook oder Twitter bin und auch nicht blogge. Ich weiß, dass viele Leute das machen und es ist wahrscheinlich eine gute Idee. Aber die Verlage sind auch sehr aktiv, sie kontaktieren Radio- und Fernsehsender, verschicken Rezensionsexemplare und so weiter.

Schreiben Sie lieber realistische oder phantastische Geschichten?


Realistische. Es hängt natürlich davon ab, wie man „phantastisch“ oder Fantasy definiert. So etwas wie die Juno-Reihe schreibe ich gerne. Aber Science-Fiction und Fantasy mit Drachen – diese Genres habe ich selber einfach nie gelesen.

Mir ist etwas in Ihrem Buch Fierce September, dem zweiten Teil der Juno-Reihe, aufgefallen. In der Erzählung ist die Region Christchurch unbewohnbar geworden. Eine der Figuren sagt: „Wir wollen die Stadt wieder aufbauen, aber das wird nicht möglich sein, bevor das Land wieder mehr Geld hat. Jetzt leben nur noch wenige Menschen dort.” [eigene Übersetzung. A. S.] Das Buch stand am 3. September 2010 in den Läden. Einen Tag später war das erste große Erdbeben in Christchurch, das erste von vielen, sodass die Region tatsächlich heute teilweise unbewohnbar ist. Viele Einwohner sind fortgezogen oder waren dazu gezwungen ihre Häuser aufzugeben.

Ich weiß, gerade neulich habe ich darüber nachgedacht – es ist schon etwas gruselig! In meinem Buch ist es allerdings aus anderen Gründen unbewohnbar, nämlich wegen des Klimawandels. Klimaprognosen besagen, dass diese Seite der Insel Wüste sein wird, weshalb die Menschen in meiner Geschichte an der Westküste leben.

Zu Fierce September werden crossmedial ergänzende Blogeinträge der Figuren im Internet angeboten, auf die am Ende der Buchkapitel verwiesen wird. Wessen Idee war diese Verbindung von Medien?

Da bin ich drauf gekommen.

Also sind Sie doch nicht vorsintflutlich!

Na ja, was das eigene Nutzen neuer Medien angeht, schon. Aber… ich habe mal gehört, wie eine junge Frau sagte, wenn sie irgendwo eine Webadresse sieht, kann sie nicht widerstehen, sie aufzurufen. Das hat mich nachdenklich gemacht. Junge Menschen leben in dieser kommunikativen, digitalen Welt, also würden sie sowas auch nutzen. Es war eine Möglichkeit, eine andere Stimme zu Wort kommen zu lassen, die Charaktere durch andere Augen zu betrachten.

In Ihrem Roman Dirt Bomb bringen drei Jungs ein schrottreifes Auto wieder zum Laufen und stellen damit alles Mögliche an. Ich hatte Spaß beim Lesen, obwohl ich mich überhaupt nicht für Autos interessiere!

Ich auch nicht!

Wie haben Sie die technischen Details recherchiert?

Mein wunderbarer Neffe hat mir geholfen und wenn der nicht verfügbar war, dann habe ich seinen Vater angerufen. Wenn ich etwas ganz Technisches wissen wollte, habe ich einen anderen meiner Brüder angerufen, der Mechaniker ist. Ich bin mit vier Brüdern aufgewachsen, vielleicht hat das auch etwas abgefärbt.

Schreiben Sie absichtlich geschlechterspezifische Geschichten, also in dem Fall für Jungen?

Nein, eigentlich nicht. Manchmal lacht mich eine Geschichte einfach an. Diese Geschichte beruht auf meinem Neffen Tim, der genau die Dinge, die Jake im Buch macht, erlebte. Er hat mir von seinen Heldentaten berichtet, das bleib in meinem Kopf hängen und ich dachte: Hm, das könnte eine gute Geschichte sein. Außerdem war es schön, etwas ganz anderes zu schreiben als die Juno-Reihe, an der ich bis dahin gearbeitet hatte.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Ich habe gerade ein Buch fertig geschrieben, das wird im Moment lektoriert. Eine Teenager-Geschichte, die in der Gegenwart spielt. Die Protagonistin ist ein 17-jähriges Mädchen, die ein „entzückendes“ Leben führt, bis sie anfängt es selbst zu sabotieren, weil sie eine schreckliche Vision hat. Ihr erscheinen frühere Leben, die gegen sie arbeiten. Es ist eine Liebesgeschichte.

Wie gestalten Sie in Ihren Büchern Figuren, die Māori sind? Das stelle ich mir für
Pākehā-Autoren schwierig vor. Als Nicht- Māori ist es nicht einfach, Māori authentisch darzustellen, oder?

Ja, das ist es. Ich habe mal ein Buch für eine Reihe geschrieben, in der Kindern neuseeländische Geschichte näher gebracht werden soll. Jedes Buch dreht sich um ein Ereignis. Meine Erzählung siedelte ich in der Zeit des Treaty of Waitangi [noch heute gültige Verfassungsurkunde, die Māori-Stämme 1840 mit der britischen Regierung schlossen, Anm. d. Übersetzerin] an, darin kamen also Māori vor. Das Mädchen, das die Geschichte erzählt, ist Māori. Das Buch wäre fast nicht veröffentlicht worden, weil ich nicht von Māori abstamme. Aber tatsächlich glaube ich, dass es wahrscheinlich besser war, dass ich nicht von einem iwi [Volksstamm/Klan] abstamme, denn sonst hätte ich die Geschichte dieses iwi schreiben müssen. Als Außenstehende aber konnte ich globaler schreiben. Aber ja, es ist verzwickt. Wenn ich Māori-Charaktere entwerfe, versuche ich nicht, das deutlich zu machen. Es kann ganz ambivalent sein, ob eine Figur Māori ist oder nicht.

Neben dem Schreiben bieten Sie auch Manuskriptprüfung für andere Autoren an?

Ja, ich bin Mitglied der New Zealand Association of Manuscript Assessors. Wenn jemand sein Manuskript prüfen lassen will, bevor er es an einen Verlag schickt, wendet er sich an einen von uns. Wir gehen es durch und verfassen einen Bericht, machen zum Beispiel darauf aufmerksam, wenn ein Charakter an einer Stelle nicht stark genug gestaltet ist und solche Dinge. Als ich anfing zu schreiben, haben das Agenten gemacht – kostenlos. Aber jetzt versuchen so viele Leute, Bücher zu veröffentlichen, dass die Agenten einfach keine Zeit mehr für so etwas haben.

Fällt es Ihnen schwer, neuseeländische Settings für Ihre Geschichten zu entwerfen oder geht das ganz von selbst?

Das geschieht ganz von selbst. Außerdem ist es mir wichtig, Geschichten für Kinder zu haben, die eindeutig hier verortet sind. In den 1980er Jahren, als ich als Lehrerin arbeitete, gab es kaum neuseeländische Bücher für Kinder. Ich stellte fest, dass meine Schülerinnen und Schüler kaum lasen und fand heraus, dass es daran liegt, dass es keine Geschichten gab, die ihre Lebensweise spiegeln. Deswegen schrieb ich Slide the Corner. Also ja, der Handlungsort ist wichtig. Aber die Verortung verringert die Chancen in ausländischen Märkten. Egal, ich bin eben eine neuseeländische Autorin.

Welche neuseeländischen Kinder- und Jugendbuchautoren lesen Sie gerne?

Da habe ich eine ganze Liste. Ganz oben steht bei mir natürlich Margaret Mahy.

Das sagen alle!

Ich weiß, sie ist einfach erstaunlich! Alle paar Jahre lese ich mehrere ihrer Bücher von Neuem. Und ich denke jedes Mal: Sie ist fantastisch. Sherryl Jordan ist auch toll. Geschichten dieser Art würde ich gerne schreiben, aber irgendwie passiert das nicht. Ich liebe Maurice Gees Literatur, aber seine Geschichten werden immer düsterer; ich halte die nicht aus. Anna Mackenzie ist auch sehr gut.

Und schließlich: Was sehen Sie, wenn Sie von Ihrem Schreibtisch aufblicken?

Das hängt davon ab, ob ich daheim bin. Dort schaue ich über das Nachbarhaus hinweg auf die Hügel, den Himmel und die Pinienbäume. Wenn ich in meinem Büro in der Stadt bin, blicke ich auf ein verrostetes Blechdach, das sehr malerisch ist [lacht], und hinein in eine Stadtlandschaft. Wir sind eine Bürogemeinschaft bestehend aus mehreren Künstlern und direkt nebenan ist eine Kunstgalerie.

Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Anne Siebeck, die auch die Übersetzung anfertigte.

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