Dienstag, 30. März 2010

Nichts bleibt Ringel, Rangel, Rosen

Anhand von Karins Geschichte erzählt Kirsten Boie deutsche Nachkriegsgeschichte, wie wir sie bislang aus der Jugendliteratur nicht kannten.

Heutzutage ist es üblich, jemanden zu fragen, wo er war, als er von Lady Di's Tod gehört hat, oder was er gerade gemacht hat, als die Flugzeuge in die Twin Towers krachten. Aber haben wir jemals all die deutschen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren sind, gefragt, wann sie erfahren haben, welche Schuld die Generation ihrer Eltern und Großeltern auf sich geladen hat? Wie sie sich gefühlt haben, als ihnen bewusst wurde, dass auch ihre Eltern, Verwandte und Bekannte zu den Tätern zählen?

Ringel-Rangel-Rosen Karin ist 13 Jahre alt, als ihr während der paradiesischen Ferien im Sommer 1961 langsam dämmert, was geschehen ist und wer daran beteiligt war. In einem Jugendbuch liest Karin zum ersten Mal, was die Deutschen den Juden angetan haben. Es dürfte sich um Clara Asscher-Pinkhofs Sternkinder handeln, das 1961 in Deutschland erschienen ist.

Karin beginnt sich zu fragen, wie das Furchtbare, das geschehen ist, im Zusammenhang steht mit dem Leben ihrer Eltern und der Nachbarn in der kleinen Siedlung hinterm Deich am Rande Hamburgs. Vorsichtig stellt sie auch Fragen, die aber barsch abgewiesen werden. "Wer das nicht mitgemacht hat, der soll mal ganz still sein!", sagt die Mutter. Nur mit ihrer Freundin Regina kann Karin darüber sprechen, denn deren Großmutter schweigt nicht über die beschämende Vergangenheit. Und der neue Fernseher bringt nicht nur die 'babbelnde' Familie Hesselbach ins norddeutsche Wohnzimmer, sondern auch die tägliche Berichterstattung über den Eichmann-Prozess.

Während die Juden, die schon während des Dritten Reichs niemand gekannt haben will, auch in den Jahrzehnten danach ein absolutes Tabuthema sind, ist der Krieg allgegenwärtig. Kriegsversehrte Männer, 'Heimatvertriebene', Anekdoten aus dem Soldatenleben und Horrorgeschichten über 'den Iwan' sind Beginn der Sechziger Jahre Normalität.

Und die Kinder? Durch all die Geschichten und Berichte haben auch sie eine Vorstellung vom Krieg und wissen, dass der Krieg das Schrecklichste überhaupt ist. Aber wenn die Worte "bis zur Vergasung" fallen, haben sie keine Ahnung, wovon eigentlich die Rede ist. Der Krieg ist Vergangenheit, und manchmal auch nur ein Spiel, so wie "Ringel, Rangel, Rosen, schöne Aprikosen". Und es lebt sich ganz gut, mit Bier für die Männer und "Likörchen" für die Frauen – sogar in den nach dem Krieg notdürftig errichteten Behelfsheimen.

Aber was bislang nur Geschichten von der 'ausgebombten' Mutter waren, wird plötzlich Realität, und "Ringel, Rangel, Rosen" nicht länger ein harmloses Kinderspiel, sondern ein magischer Spruch, mit dem Karin sich selbst zu beruhigen versucht, eine Beschwörungsformel für die Vergangenheit, das Paradies ihrer Kindheit. Die Hamburger Flut im Februar 1962 hat Karin, ihrer Familie und den Nachbarn die Heimat genommen, manchen sogar das Leben.

Nach der Flut ist nichts mehr wie es war. Neue Wohnung, neue Schule, neue Freunde. Was geblieben ist, sind Karins Gedanken über den Krieg und die Juden, die sich auch mit der "Ringel, Rangel, Rosen"-Formel immer weniger "wegdenken" lassen. Am brennendsten beschäftigt sie die Frage, was ihr Vater als Soldat getan hat, aber sie traut sich nicht, ihn darauf anzusprechen. Und als sie schließlich erfährt, dass ihre neue Freundin zu einem Viertel jüdischer Herkunft ist, gerät Karin in die gleiche Mühle aus Scham, Schweigen und Verdrängung, wie die Generation ihrer Eltern. Dabei war sie doch so davon überzeugt, dass sie nicht tatenlos zugesehen hätte, als die Juden damals einfach 'verschwanden'.

Anhand von Karins Geschichte, ihrer eigenen 'Vertreibung' aus dem Zuhause und damit aus ihrer Kindheit, erzählt Kirsten Boie die westdeutsche Nachkriegsgeschichte, wie wir sie bislang aus der Jugendliteratur nicht kannten. Man möchte diese Erzählung als Schullektüre auf dem Lehrplan wissen. Denn Ringel, Rangel, Rosen bewegt nicht nur zum Nachdenken über den Zweiten Weltkrieg und die Shoa, sondern, mehr als die meisten jugendliterarischen Titel über die Zeit von 1933 bis 1945, über die Deutschen und deren Umgang mit ihrer Vergangenheit. Dass aus Karins Generation die sogenannten Achtundsechziger erwachsen mussten, macht Ringel, Rangel, Rosen deutlich, ohne dies ein einziges Mal erwähnen zu müssen. Mit Karin lernen wir nicht über die schwierige deutsche Geschichte, sondern diese zu reflektieren. Reflektieren, weil nicht alles geschrieben, was gedacht wird. Und weil es dem Leser nicht zu einfach gemacht wird mit Gut und Böse, denn so einfach war es nicht. (Kirsten Waterstraat)


Kirsten Boie
Ringel, Rangel, Rosen
Hamburg: Oetinger 2010
192 Seiten, gebunden, EUR 14,95
Angabe des Verlags: Für Jugendliche und Erwachsene

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