Montag, 5. Oktober 2009

Heidi Oetinger ist tot

Das Börsenblatt meldet: Grande Dame der Jugendliteratur verstarb heute Morgen in Hamburg
Die Grande Dame des deutschen Kinder- und Jugendbuchs, Verlegerin Heidi Oetinger, ist am heutigen Morgen im Alter von 100 Jahren in ihrem Haus in Hamburg-Duvenstedt gestorben. Bis zuletzt hat sie genau verfolgt, was in ihrem Verlag vor sich geht, auch wenn das operative Geschäft von ihrer Tochter Silke und ihren Enkelkindern bestimmt wurde. Weiter auf boersenblatt.net

nominiert: "Leute"

DJLP, Sparte Bilderbuch

Blexbolex
Leute
Jacoby & Stuart, 2008

Blexbolex-Leute
(c) 2008, Jacoby & Stuart Berlin

Menschenkunde
Das faszinierende Buch Leute des französischen Illustrators Blexbolex lädt ein auf eine Entdeckungsreise durch die Menschheit. Unabhängig von Epochen, Kontinenten und Geschlechtern kreuzt der Betrachter auf dieser Reise Wirklichkeiten und Phantasiewelten. Der Anfang ist ganz elementar, mit einem Herrn auf der linken und einer Dame auf der rechten Seite. Wie geht es weiter? Mit einem Paar und einem Junggesellen. Die Konsequenz aus der linken Seite – dem Paar – zeigt sich auf der nächsten Doppelseite: "eine Mama" und "ein Baby". Es folgen "ein Papa", "eine Familie", "eine Großmutter" und, ja, "ein Toter". Spätestens hier, wahrscheinlich aber schon vorher, stolpert der Blick: über den afrikanischen Papa, der sein Kind auf den Schultern und einen Speer in der Hand trägt, über den Junggesellen, über die dynamische Großmutter.

Bis hierhin liegen die Bezüge zwischen den Figuren einer Doppelseite noch in der Natur des Menschen. Mit zunehmender Vielfalt werden die Bezugnahmen und Gegensätze diffiziler. Was verbindet beispielsweise einen Cowboy und einen Schauspieler: beide sehen aus wie Cowboys. Hier ist es die Bildebene, die die Verbindung herstellt, wie auch bei einem Frierenden und einem Raucher: beiden entweichen Wölkchen aus den Mündern.

Die Leute, die man auf der Reise durch das Buch trifft, sind keine Individuen, sondern Typen. Am deutlichsten wird dies durch die unbestimmte Form der Figurenbezeichnungen, mit denen jede Seite überschrieben ist: "eine Tänzerin", "ein Tätowierter" und "ein Yeti". Es sind Berufe, Lebenswelten, Situationen und Eigenschaften, die die Figuren typisieren, wenn sie nicht der Welt der Märchen, Mythen und Sagen entstammen.

Sparsam, mit wenigen Farben und auf weißem Grund, ohne individuelle Gesichtszüge, lassen die Figuren dem Betrachter viel Raum. Geschichten, in denen die Figuren Rollen einnehmen, darf man sich selbst ausdenken. Solche Geschichten könnten sich auf einer einzigen Seite und im Spannungsfeld einer Doppelseite entfalten, oder aber durch das ganze Buch spinnen.

Der Verlag empfiehlt Leute ab einem Alter von drei Jahren, der Arbeitskreis für Jugendliteratur, Ausrichter des DJLP, kennzeichnet das Buch "ab 10". Hoffentlich handelt es sich dabei um einen Druckfehler, denn Kindern unter zehn Jahren Leute vorzuenthalten wäre ein Vergehen. Mit seiner ungewohnten Bildsprache sticht es weit heraus aus dem großen Angebot für kleine Betrachter. Das französische Original trägt den schönen Titel L'imagier des gens, der deutsche Verlag bezeichnet das Werk auch als "große Menschenkunde". Als solche sowie als Hausbuch sollte Leute eigentlich ganz ohne Altersangaben auskommen.

Es gäbe noch viel zu sagen über dieses besondere Buch, zum Beispiel, dass es im Internationalen Wettbewerb der Stiftung Buchkunst 2009 zum schönsten Buch der Welt gekürt wurde. Aber angesichts eines Werkes, das mit so wenig Worten auskommt, ist hier bereits viel zu viel gesagt worden. Schauen und Blättern Sie lieber selbst! (Kirsten Waterstraat)

juvenil

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Zuletzt aktualisiert: 27. Dez, 14:49